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Konzert-Bericht
 
Schluss mit lustig

Wir sind Helden
Madsen

Köln, Palladium
07.05.2005

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Wir sind Helden
Da sage noch einer, Wir sind Helden-Fans haben keinen Humor! Obwohl die Mehrzahl der Fans ihre "Guten Tag"- und "Wir sind Helden"-T-Shirts (zum Teil gar selbst gemachte) durchaus mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zur Schau trugen, gab es doch auch Ausnahmen - z.B. den Herrn, der mit schelmischem Grinsen sein - in der typischen WSH-Schrift - abgewandeltes "Wo sind Helmet"-T-Shirt zur Schau trug. Nun: Helmet waren ganz sicher an diesem Abend nicht im Palladium - dafür aber alle anderen. Obwohl die Türen pünktlich um 19 Uhr geöffnet wurden und die Fans, die teilweise schon seit Mittag angestanden hatten, auch vergleichsweise freundlich und fix abgefertigt wurden (was - zusammen mit den moderaten Ticketpreisen mal ein leuchtendes Beispiel für andere Veranstaltungen dieser Art sein sollte), war es fast nicht möglich, bis zum Konzertbeginn alle Zuschauer in's seit Wochen ausverkaufte Palladium zu bugsieren. Judith Holofernes meinte sogar, dass die Helden sich angesichts des Zuspruches eingeschüchtert fühlten - denn das letzte Mal hatte ja noch das gegenüberliegende, kleinere E-Werk ausgereicht, die Helden-willigen aufzunehmen. Das tat aber der Laune offensichtlich keinen Abbruch.
Selbst der Support, Madsen aus dem Wendland, wurde von der ersten Sekunde an gefeiert als gelte es einen Preis zu gewinnen. Und dabei ist deren Debüt-CD noch nicht einmal erschienen. Das focht die Fans aber nicht an. Ein Großteil der Meute kannte die Jungs offensichtlich schon - wohl auch von anderen Helden-Konzerten - und verlangte auch geradezu begierig nach dem Track "Die Perfektion" - der sich ja bereits als Single vorab empfahl. Madsen legen im Vergleich mit den "üblichen Verdächtigen" musikalisch das ein oder andere Brikett drauf. Mit filigranem Schönklang haben die Jungs nicht viel im Sinn, wissen aber stattdessen, wie man ein Rock-Brett hinlegt und die Massen per Testosteron-Ausschüttung zum Brodeln bringt. Im Gegensatz dazu stehen die merkwürdig unkonkreten Texte von Sebastian Madsen, dem namensgebenden Patron der Band. Beim besten Willen ist nicht immer zu erkennen, was Madsen eigentlich aussagen wollen. Aber - so meint Thees Uhlmann in seiner Laudatio auf der Homepage der Band - das sei Absicht und ist somit wohl als von höchster Stelle sanktionierte Kunst zu bewerten. Und überhaupt heißt ja ein Stück auch "Lüg mich an". Madsen werden mit diesem Ansatz die Welt nicht unbedingt verändern, bieten aber eine etwas handfestere Alternative zum üblicherweise in den Charts herumtaumelnden Deutsch-Pop mit Herren. Und daran, dass sie dorthin wollen (also in die Charts), ließen die bemerkenswert selbstsicher agierenden Jungs, die sich zudem auch Mühe gaben, optisch etwas herzumachen (Bassist Nikos Dreadlocks alleine machten da schon die halbe Performance aus) keinen Zweifel.

"Wir woll'n die Helden seh'n", rief dann das Publikum in der kurzen Umbaupause. Das wurde dann zunächst mal mit einem musikalischen Witz beantwortet: Dieses Mal gab's nicht "Caravan Of Love" als Intro, sondern "No More Heroes" von den Stranglers. Schließlich kamen die Helden aber doch und heizten dann erst mal mit sicheren Nummern à la "Heldenzeit" oder "Ist das so" die Stimmung an. Doch was heißt "sichere Nummern"? Was ein Heldenfan ist, der kann selbstverständlich alle Stücke in und auswendig. Und die Helden hätten durchaus auch das Telefonbuch spielen können, und wären wohl trotzdem gefeiert worden. Beim relativ früh im Programm angesiedelten "Du erkennst mich nicht wieder" übernahm das Publikum dann auch nahezu ganz den Gesangsteil, so dass Judith im Anschluss meinte, nach diesem Höhepunkt sei das Konzert ja eigentlich bereits zu Ende. Bei dieser Nummer gab's dann auch - ein Novum bei Helden Konzerten - eine akustische Gitarre. Ansonsten setzten die Helden bei dieser Tour - wie auch auf der aktuellen CD - mehr auf Rock als auf Pop. So griff Keyboarder Jean-Michel Tourette dann auch öfter zur Gitarre als zu seinem Keyboard-Bauchladen und erstaunlich viele Stücke gerieten zur gegebenen Zeit auch zu regelrechten Jam Sessions, bei denen definitiv die Musik gegenüber den Texten an Relevanz gewonnen hatte. Überhaupt setzte sich der Eindruck fort, der sich bereits bei der CD vermittelt hatte: Zuweilen waren die Textzeilen, die Judith mit deutlich mehr Betonung auf dem gesanglichen Element dahinschlurrte gar nicht recht zu verstehen. Wie gesagt: Nicht dass das jemanden gestört hatte - und irgendwie passte das auch ganz gut zum neuen Selbstverständnis. Ach ja: Und sogar Soli gab es dieses Mal - meistens natürlich per Gitarre oder Keyboard, beim Single Hit "Gekommen um zu bleiben" aber sogar per Tröte von Judith, die somit auf kurzweilige Art die Bläsersätze von der Scheibe emulierte.

Um aber mal zum Titel dieser Story zu kommen und bei diesem Beispiel zu bleiben: Musikalisch lustig war dies alles eigentlich nicht mehr. "Gekommen um zu bleiben" ist ja auf CD noch der einzige Track, der sich an die spielerischen Tradition der schelmischen Referenzverwurstelung von "Die Reklamation" erinnert. Darüber hinaus wollen die Helden ja auch als Musiker ernstgenommen werden und nicht bloß als Unterhaltungscombo. Deswegen legten sie es offensichtlich auch live darauf an, die Arrangements ein wenig in Richtung des Düsteren und Energischen zu verbiegen und die neue musikalische Identität nach außen zu kehren. So klang "Gekommen um zu bleiben" zum Beispiel fast bedrohlich, "Rüssel an Schwanz" artete zum Schluss in eine Punk-Nummer aus und neue Stücke wie "Nur ein Wort" ("Dann spielen wir halt den Hit", wie Jean-Michel meinte) oder "Echolot" sind ja auch gleich so konzipiert, dass die Helden auch als Musikanten mal was zu tun haben. Das beste Beispiel für die neue Attitüde war vielleicht das ganz bis zum Schluss aufgesparte "Guten Tag": War dies bislang immer das Aushängeschild für die Verspieltheit der Helden, so geriet das hier zu einer recht aggressiven und lauten Angelegenheit.

Zweifelsohne: Die Helden sind schon irgendwie erwachsen geworden. Man hatte auch in anderer Hinsicht dazugelernt: Gab es z.B. noch beim legendären Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle angesichts darbender Zuschauer nur hilfloses Schulterzucken, so hatten sich die Helden hier zumindest ein paar Kartons Wasserflaschen hingestellt, um zumindest ein paar Leute vor dem Verdursten retten zu können. Durchaus ein schöner Zug, denn wenn es mal so richtig losging, wie beim Rausschmeißer "Müssen nur wollen", dann hüpften nämlich nicht bloß die ersten drei Reihen (wie sonst bei solchen Anlässen üblich), sondern tatsächlich die ganze Halle! Hier gab es noch ein interessantes Phänomen zu beobachten: Ein Großteil der anwesenden Pärchen - bei Helden-Konzerten immer ein solider Teil des Publikums - schaute sich bei diesem Song irgendwie verbissen an und schrie sich gegenseitig mit hochroten Köpfen "Wir müssen nur wollen" ins Gesicht. Was das wohl bedeuten könnte? Was die allgemeine Animation betraf, gab es dieses Mal durchaus tagesformabhängige Defizite zu verzeichnen: Die Sache mit dem Klatschmännchen bei "Aurelie" klappte ebensowenig, wie das Witze-erzählen. Der ganze diesbezügliche Teil musste wohl, wie Bassist Mark das durchaus passend titulierte, unter "Neues aus Uhlenbusch" als zumindest psychedelisch abgehakt werden - wenngleich auf rhetorisch hochstehendem Niveau. Wäre Judith nicht zuguterletzt beim "Echolot" ein aus dem Publikum geworfener Holofernes-Stoff-Hai an den Kopf geflogen, der dann im Anschluss in die Show eingebunden wurde und schließlich von Mund zu Mund in der Band weitergereicht wurde, hätte es kaum etwas Verständliches zum Schmunzeln gegeben. Aber wir waren ja auch beim Thema "Schluss mit lustig". Auf dieser Tour - und das ist dann durchaus auch das Fazit des Abends zu werten - waren die Helden jedenfalls angetreten zu beweisen, dass sie es durchaus ernst gemeint haben, dass sie bleiben wollen.

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Surfempfehlung:
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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