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Konzert-Bericht
 
Something is happening here

Bob Dylan

Mainz, Zollhafen Nordmole
20.06.2015
Bob Dylan
Viele Jahre waren allabendlich wechselnde Setlisten eine der Hauptattraktionen bei den Auftritten von Bob Dylan und der Grund für den Kult um die Shows des inzwischen 74-jährigen Singer/Songwriters, der dazu führte, dass ihm Dutzende von Fans von Konzertort zu Konzertort nachreisten. In den letzten zwei Jahren dagegen hatte sich ein festes Programm mit größtenteils Songs jüngeren Datums festgesetzt, bei dem auf große Klassiker abgesehen von "Blowin' In The Wind" bei der Zugabe praktisch komplett verzichtet wurde. Dann kam der Start der aktuellen Europa-Tournee in Mainz Mitte Juni.
Die Mainzer Nordmole bietet Konzerte direkt am Wasser. Im Hintergrund erinnern vor sich hin rostende Ladekräne an die besseren Zeiten unten am Hafen, die neu angelegten, frisch asphaltierten Zufahrtswege dagegen verheißen, dass dieses Open Air-Venue in Kürze irgendwelchen Bürotürmen mit Rheinblick wird weichen müssen. An diesem Abend wird es allerdings noch einmal richtig voll vor der Bühne, und sogar der Wettergott spielt mit. Es ist zwar kühl, aber der befürchtete Regen bleibt aus. Doch nicht nur deshalb ist die Stimmung vor dem Konzert relaxt. Die Tatsache, dass alle Eingeweihten wissen, was kommt (oder zumindest meinen zu wissen), nimmt dem Abend zunächst etwas von der nervösen Energie, die früher vor Dylan-Auftritten immer im Publikum spürbar war. Als allerdings erst die Roadies rauskommen, um mit Edding auf der Setlist herumzumalen, und nicht viel später auch noch ganz neue Setlisten gebracht und Songtexte für Dylan aufs Klavier geklebt werden, ist klar: Heute wird alles anders.

Als es um 21.35 Uhr und damit deutlich später als angekündigt endlich losgeht, gibt es dennoch zunächst einmal Erwartbares. Die erste halbe Stunde ist identisch mit dem Beginn praktisch aller Konzerte seit Herbst 2013. Die Oscar-prämierte Großtat "Things Have Changed" macht den - wenngleich in Mainz unerwartet leblosen - Auftakt, "Workingman's Blues #2" glänzt mit neuem Arrangement und teilweise neuen Zeilen, und mit "Duquesne Whistle" und "Pay In Blood" gibt es zwei der besten Songs aus "Tempest", Dylans bislang letztem Album mit eigenen Songs, kurz hintereinander. In dem Moment allerdings, als Gitarrist Stu Kimball eigentlich zur Akustikgitarre hätte greifen müssen, um "Tangled Up In Blue" zu beginnen, schnappt er sich die Halbakustische und begleitet Dylan und den Rest der Band bei einer Weltpremiere, denn zum ersten Mal überhaupt gibt es an diesem Abend "Full Moon & Empty Arms" aus Dylans Anfang des Jahres veröffentlichtem Sinatra-Covers-Album "Shadows In The Night" zu hören - noch dazu in einer Version, in der Dylan genauso schön singt wie bei der Studioversion. Die Standing Ovations dafür gibt's sogar schon eine Strophe zu früh...

Einmal in die Welt von Swing und Jazz eigetaucht, zaubert Dylan danach zum ersten Mal in diesem Jahr "To Ramona" aus dem Hut, mehr noch, er verpasst dem Country-Walzer von 1964 erstmals seit Menschengedenken wieder ein wirklich schönes Arrangement und gewinnt dem Stück zwischen Jazz und lateinamerikanischem Flamenco-Flair ganz neue Seiten ab. Einmal warm geworden, dauert es auch nicht lange bis zur nächsten Weltpremiere: Passend zu gleich zwei Walzern im Programm covert Dylan erstmals überhaupt Willie Nelsons "Sad Songs And Waltzes" und gibt dabei seinem Pedal-Steel-Gitarristen Donnie Herron die Chance, ganz tief in den Country-Bunker hinabzusteigen. Überhaupt ist die Band einmal mehr der heimliche Star der Veranstaltung. Während Dylan früher oft gegen seine Musiker anspielte, macht er nun merklich mit ihnen gemeinsam Musik. Alleingänge kommen dabei in Mainz fast ausschließlich von der Country-seligen Pedal-Steel, während Stu Kimball zumeist an der Akustikgitarre die Struktur vorgibt und Charlie Sexton ohne großes Aufhebens als Sologitarrist ohne Soli die Lücken füllt, wenn Dylan am Klavier mal vom Weg abkommt. Statt lauter Blues-Rock-Shuffles gilt das Hauptaugenmerk nun Jazz und Western Swing, und dazu passt es, dass Dylan immer wieder hinter dem Flügel hervorkommt, um sich in der Bühnenmitte ohne Instrument als mit dem Mikroständer spielender Crooner alter Schule zu präsentieren - als wirklich passabler sogar, denn seine Stimme klingt gar nicht so zerschossen wie bei vielen anderen Konzerten der letzten Jahre.

Einmal vom ausgetramplten Pfad abgekommen, spielt Dylan in der zweiten Hälfte komplett andere Lieder als sonst allabendlich in der letzten Zeit und bringt beim erstmals seit vier Jahren ins Programm gerutschten "'Til I Fell In Love With You" seine Band gehörig ins Schwitzen, denn diese Jazz-Coda hatten die Herren ganz sicher vorab nicht einstudiert! Ganz am Ende verzichtet er dann sogar darauf, sich auf Lieder der letzten Jahre zu konzentrieren, und geht weit zurück in die 60er. Auf "A Hard Rain's A-Gonna Fall" folgt "Ballad Of A Thin Man" und als Rausschmeißer sogar noch ein gejammtes "All Along The Watchtower" bei der Zugabe. Um 23.15 Uhr geht ein ohne Frage sehr gutes, aber gerade wegen der vielen One-offs keinesfalls brillantes Dylan-Konzert zu Ende, dass nach vielen, vielen Shows ohne Überraschungen allein deshalb etwas ganz Besonderes ist, weil plötzlich wieder gilt: "Something is happening here - but we don't know what it is."
Surfempfehlung:
www.bobdylan.com
www.expectingrain.com
www.boblinks.org
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Pressefreigabe-


 
 

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