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Konzert-Bericht
 
Vielsaitig

Steve Vai
Eric Sardinas

Köln, Live Music Hall
13.12.2001

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Steve Vai
Wenn solche Namen im Tourkalender auftauchen, ist die Erwartungshaltung groß: Ausnahmegitarrist Steve Vai hat seit den frühen 80er Jahren, als er mit seinem Mentor und Idol Frank Zappa die Musikwelt aufhorchen ließ, den Ruf als Perfektionist und Saitenmagier erster Güte. Ausgestattet mit Ehrendoktorwürde und einem eigenen Label trat er seitdem mit mehr als 20 verschiedenen Formationen in Erscheinung (u.a. Whitesnake, G 3), viele davon in Form von eigenen Soloprojekten. Auch sein direkter Spannmann Billy Sheehan an Baß und Vocals (lange Zeit bei Mr. Big) ließ Gutes ahnen, ebenso wie Tony MacAlpine (Gitarre, Keyboard), Virgil Donati (Drums; beide u.a. Planet X) und der vergleichsweise junge Dave Weiner an einer dritten (!) Gitarre. Das hatte gezogen, und dementsprechend war die Live Music Hall schon deutlich vor Konzertbeginn zum Bersten gefüllt.
Aber zuerst sollte Eric Sardinas mächtig einheizen, der sich mit zwei CDs in der Blues-Szene bereits einen Namen gemacht hat. Überpünktlich stürmte er mit seinem Trio aus L.A. die Bühne und machte mit "Treat Me Right" direkt richtig Dampf. Sein wesentliches Stilelement ist der Delta-Blues im weitesten Sinne mit Abstechern bis hin zum Stoner-Rock, und er ließ keinen Augenblick Zweifel daran aufkommen, daß sein größtes Vorbild Johnny W. heißt (wahlweise Winter oder Walker). Es folgte "Aggravatin' Papa" und "Get Along Rider" mit einem wirklich schönen Solo in Slide und Fingerpicking; alles geht immer noch ein bißchen schneller, etwas härter, ein wenig rotziger und lauter. Zehn Minuten durchatmen konnte man bei einem instrumentalen Slowblues, den Sardinas allerdings auch sehr intensiv rüberbrachte. Er gehört nicht zu der Sorte Musiker, die ihr Instrument (eine wunderschöne alte Dobro) liebkosen, er verprügelt es regelrecht. Beim nachfolgenden "Down In The Bottom" von Willie Dixon wurde die Klampfe nach einem guten, knalligen Drumsolo erst reichlich mit Bier getränkt (Sardinas münzt den Bottleneck-Stil problemlos in den Bottle-Stil um), dann flambiert - und zur allgemeinen Erleichterung dank schnellem Löschvorgang weitergespielt. Die Power und Spielfreude läßt über Sardinas' etwas extrovertiertes Äußeres - tonnenweise Fingerringe und Amulette, ein aufgerissenes Schlangenmaul über der breiten Hutkrempe, die sein Gesicht sorgfältig abschattet und reichlich Posing - problemlos hinwegsehen. Nach 50 Minuten hinterließ die Band ein durch und durch zufriedenes Publikum. So muß Blues sein! Straight ahead!

Die knapp halbstündige Umbaupause mit mehrsprachiger Durchsage, man möge doch bitte die Handys im Saal ausschalten, wurde dann nicht zum Entspannen, sondern zum Drängeln benutzt. Der Meister nahte - und kam mit Macht! Nach einem eingespielten Intro aus "The Audience Is Listening" erschienen zunächst Vai (mit Gesichtslarve), Sheehan und Donati und knallten zu allgemeinen Überraschung und Begeisterung mit Sheehan's "Shy Boy" los, das Vai und Sheehan schon vor 15 Jahren in der Band von David Lee Roth zusammen spielten. Nach "Giant Balls Of Gold" empfahl Vai (jetzt völlig entlarvt), man solle doch den ganzen besorgniserregenden Sch..., der derzeit auf dieser Welt passiert, für einen Moment vergessen und diese Nacht allein der Musik widmen. Und er drohte: "It's gonna be a looong concert tonight..."

Was folgte, war ein mehr als 2stündiges Feuerwerk an schier unglaublicher Gitarrenarbeit. Das altbekannte Spiel: Augen zu und raten, über wie viele Finger dieser Mensch wohl verfügt. Ich habe mehrfach ungläubig nachgezählt, bin aber stets nur auf 10 gekommen. Die haben allerdings alle so gut wie nie Pause. Man merkt, daß Vai jeden einzelnen Ton regelrecht durchlebt - mit faszinierender Virtuosität, einer herrlichen, manchmal selbstironischen Mimik und z.T. von gekonnt diabolischem Grinsen und von witzigen Verkleidungskünsten begleitet. Alles sitzt perfekt, nichts wirkt runtergenudelt, nie schleicht sich Langeweile ein. Und bei aller Perfektion wirkt der Mann äußerst sympatisch. Er läßt auch seine Mitstreiter ausgiebig zu Wort (Ton) kommen; und die haben das durchweg verdient! Besonders Sheehan fällt durch erfrischend virtuose Baßarbeit auf, obwohl er sich über weite Strecken mit einem monströsen Doubleneck abschleppt. Auch ein artistisches Drumsolo sowie ein wunderschönes langes Keyboardsolo mit ungewohnten, innovativen Sounds durfte nicht fehlen. Ab und zu wird den Kollegen unter die Arme respektive aufs Griffbrett gepackt, man duelliert sich ausgiebig, da werden Gitarren im Zweier- oder Dreierpack gespielt, ohne daß diese ganze Show der Musikqualität irgendeinen Abbruch tut. Perfekt eben. Wenn Vai beispielsweise seine Klampfe reitet wie die Hex' den Feger, ohne seine quirligen Läufe dabei durcheinander zu bringen, dann ist das schon sehr beeindruckend. Den Vibratoarm benutzt er wie beim Mellotron als Kurbel, so als wollte er die Klampfe aufziehen; dann wieder montiert er ihn ab und mißbraucht ihn für höchst interessante Anschlagstechniken. Oder er verwöhnt die Saiten seiner selbst designten Ibanez JEM mit klangvollen Zungenküssen - soviel Zeit muß sein! Überhaupt Showeffekte: Man stelle sich vor, welches Lichtgewusel die Laserpointer an jedem Finger von Vai's Griffhand ins neblige Dunkel zaubern, während er über sein LED-beleuchtetes Griffbrett huscht... Ach ja: Was wurde gespielt? Das Songmaterial war überwiegend von Vai's Soloalben "Passion And Warfare" (wunderschön: "For The Love Of God"), "Alien Love Secrets", "Firegarden" (besonders hervorzuheben: "The Crying Mashine") und dem neuen Live-Album "Alive In An Ultra World" entnommen - eine erstklassige Auswahl, wie gesagt ohne den kleinsten Durchhänger. Als Bonbon gab's "Little Wing" und "Fire" von Jimi Hendrix, beides von Vai selbst gesungen. Die Chance nutzte er ("Sorry, no Britney Spears song") für eine herrliche, latent sexistische Parodie auf Spears und die Popmaschinerie schlechthin ("I'm too old for that shit, but the other guys on stage...?" (...) "What would happen if Hendrix met Spears?"...). Und Sheehan durfte sich bei "Chameleon" von seiner aktuellen Soloscheibe ausgiebig mit Vai kabbeln. Insgesamt brachte diese Topformation 20 Stücke zu Gehör, von supersanft bis knüppeldick, eins besser als das andere. Der größte Teil des Materials war zudem recht "ohrschmeichelnd"; die Stücke, die dem Kultgitarristen den Ruf eingebracht haben, überwiegend Musik für Musiker zu machen, wurden ausgespart. Obwohl natürlich auch bei dem gebotenen Material diese Fraktion Vorteile beim Hören und Bewundern hatte. Wer das erlebt hat, versteht, warum Zappa ihn damals mit den Worten vorgestellt hat: "Steve Vai on impossible guitars"...

Als es dann nach über zwei Stunden leider zu Ende gehen mußte, ließen die Recken sich nicht lange für zwei Zugaben bitten ("Liberty" und "The Attitude Song"), diesmal mit tatkräftiger Unterstützung von Eric Sardinas. Und sie führten einen regelrechten Derwischtanz der schwirrenden Saiten auf (vier Gitarren, Baß und Drums!), was das Publikum endgültig aus dem Häuschen brachte. Danach ließ sich der Meister noch sichtlich gerührt in minutenlangen, verzückten Ovationen feiern, und man verließ schwer beeindruckt und selig grinsend den Ort des Geschehens.

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Text: -Stephan Kunze-
Foto: -Stephan Kunze-


 
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