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The Prog, The Power And The Glory

ProgPower Europe 2003, Teil 2

Baarlo, Sjiwa
05.10.2003

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Evergrey
Der zweite Tag des Festivals begann blauhimmlig und windstill, nach dem Wetter des Vortages kaum zu glauben. Wer frühmorgens durch die Gassen des netten Örtchens streifte, konnte aus diversen Autos, Pensionen und vom nahen Zeltplatz bleiche, vom Vorabend leicht angeschlagene Gestalten kriechen sehen. Offensichtlich hatte vereinzelten Festivalbesuchern das Bier dann doch so gut gemundet, dass sie kurz darauf der gesamten Abendverköstigung wieder ansichtig wurden. Die gröbsten Schäden wurden mit einem leckeren Kaffee in einer nahen Pommesbude abgemildert, die allerdings so roch, als könnte das Frittenfett das vorjährige Festival auch schon erlebt haben. Egal, kurz darauf hatte ja der Keller des Jugendzentrums Sjiwa wieder geöffnet, und hier war die Tafel zum musikalischen Frühstück mit Bandkontakten gedeckt. Kaffee, Käse- und Wurstbrötchen zu akzeptablen Preisen.
Den Bühnentag eröffneten wiederum oberpünktlich Xystus mit einem holländischen Heimspiel. Wie schon Chrome Shift vom Vortag sind auch diese Newcomer bei René Janssens DVS Records unter Vertrag (wo sie noch in diesem Monat ihr Debütalbum präsentieren) und haben damit die engst mögliche Verbindung zu ProgPower. Unmittelbar vor dem Festival mussten sich Xystus nach einem neuen Bassisten umsehen und wurden vorübergehend beim Tieftöner von Silent Edge fündig, die vor zwei Jahren zu den Akteuren von ProgPower gehörten. Die kürzliche Umbesetzung tat dem Auftritt aber keinen Abbruch. Die Holländer spielen Bombast-Powermetal mit progressiven Elementen. Der Sound ist fett, speedig, überwiegend melodisch und streckenweise brachial. "Lost In Misery" beispielsweise beginnt ruhig, baut dann reichlich melodische Power auf, bei der sich der Frontman durch markante Vocals sowie flotte und schöne Gitarrenparts hervortut, und endet in einem Double-Bass-Gewitter, für das sich der Fellgerber die Seele aus dem Leib prügelt. Die Halle war leider der Tageszeit entsprechend nur halb gefüllt, die Anwesenden aber immerhin bei spürbar guter Stimmung. Auf das Album darf man gespannt sein!

Die jetzt aufspielenden Andromeda aus Schweden sind wie schon Vanden Plas, die Headliner des Vortages, Wiederholungstäter bei ProgPower und wurden vom Publikum wie alte Bekannte begrüßt. Zuvor musste eine kleine Hürde überwunden werden: Der dem Theater entliehene Bühnenvorhang, der den Stage-Umbau vor neugierigen Blicken schützen und die Spannung steigern soll, wollte partout nicht aufgehen. Schallendes Gelächter in der Halle! Dann aber ging es tierisch los mit Andromedas vielschichtigem Frickelprog. Power satt, sehr laut, aber mit durchweg gutem Sound. Die Keyboards geben den Songs den nötigen Background, dominant ist aber die extrem wendige und lauforientierte Gitarre von Johan Reinholdz. Frontshouter David Fremberg im Kettenhemd-Outfit passt mit seiner leicht rauchigen Stimme genau ins Konzept und ergänzt sich, oftmals im Duett mit Tastenmann Martin Hedin, sehr harmonisch mit dem Saitengewusel, lässt aber auch Freiräume für längere, komplexe Instrumentalexzesse. Von Bombast über melodisch und nachdenklich bis Gefrickel wurde in routinierter Bühnenperformance eine gute Stunde lang alles geboten, was man sich so von einem eindrucksvollen Gig wünscht. Für den staunenden Rezensenten das Highlight des Festivals!

Jetzt schlug die Stunde von Pagan's Mind. Wüsste man nicht, dass die Jungs den langen Weg aus Norwegen auf sich genommen hatten, so könnte man den Sound spätestens nach den ersten Tönen des Shouters Nils K. Rue für melodischen Powermetal italienischer Prägung halten. Dementsprechend ist dem mehrfach kettenbehängten Lockenkopf mit lasziv geöffnetem Oberhemd auch ein gewisses poserhaftes Auftreten nicht abzusprechen. Sein Gesang ist manchmal leicht anmacherisch, je nach Geschmack mit einer Spur zuviel Vibrato und Pathos, aber auch sehr eindringlich, wenn er sich entschließt, mal ein paar Töne stehen zu lassen. Optisches Highlight am Set war aber Tieftöner Steinar Krokmo, der mit dem breitesten / diabolischsten Grinsen des Festivals einen imposanten Sechssaiter mit fettem Sound traktierte. Leadklampfer Jörn Viggo Löfstad, der durchweg positiv auffiel, konnte seine Fähigkeiten besonders bei längeren Instrumentalparts anbringen, mal mit progressivem Bombast, mal frickelig, dann wieder über sehr schöne ruhige Passagen bis hin zu jazzigen Anklängen. Mitreißend! Insgesamt ein gutes Powerpaket zum Mitgehen.

In der gut einstündigen Pause wurde wiederum der Sonne, der Pizza, dem Bier oder dem Merchandisebereich im Keller gehuldigt. Zudem gab es da unten Livemusik von Anarchy-X, was aber rein optisch auf der winzigen Kellerbühne wirkte wie fünf Mann auf einem Bierdeckel.

Ursprünglich war an dieser Stelle At Vance eingeplant, die aber ihren Auftritt wenige Wochen vorher absagen mussten. Ersatz hatte René Janssen in den ebenfalls aus Deutschland stammenden Everon gefunden, die in den Vorjahren ebenfalls schon zweimal canceln mussten. Ein sehr ruhiger Start wurde mit verhaltenem Applaus beantwortet, offenbar in der Erwartung, dass Everon gleich durchstarten würden. Das passierte aber nicht. Es blieb bei sehr ruhigen (nicht: leisen) progressiven Klängen, teilweise schön, aber nicht sehr publikumswirksam; die Halle füllte sich nur halb. Highlight des Gigs war der Auftritt der auffallend hübschen Judith Stüber, die schon das Everon-Album "Flesh" als Gastsängerin mit ihrer schönen Stimme bereicherte. Insgesamt blieben aber Liveperformance und Musik irgendwie statisch; ohne das Feuer, das man von einigen Everon-Konserven kennt. Schade!

Spätestens hier geriet der Zeitplan dann doch ziemlich aus dem Ruder. Elegy aus den Niederlanden gingen mit ca. 45 Minuten Verspätung an den Start, ließen dann aber nichts anbrennen. Geboten wurde sehr quirliger, progressiver Powermetal mit etwas anmacherhafter Bühnenpräsentation. Ian Parry, der nebenbei u.a. Kopf des Consortium Project ist oder seine Stimme auch mal bei Ayreon einbrachte, ließ seinem Mikro nur selten eine Pause, abgesehen von einem Instrumentalstück mit sehr schönen Gitarrenleads. Überhaupt machte der für hervorragende Saitenquälerei bekannte Patrick Rondat (ebenfalls beim Consortium Project) einen guten Job, war nur leider manchmal etwas zu leise abgemischt. Im Prinzip ein gutes Konzert, nur vielleicht in seiner Dichte etwas erschlagend.

Hatten die Headliner des zweiten Tages technische Probleme beim Bühnenaufbau, sind sie vielleicht etwas überperfektionistisch oder einfach nur zu spät in Baarlo aufgeschlagen? Jedenfalls begann der Bühnensturm von Evergrey - nach Vanden Plas und Green Carnation vom Vortag schon die dritte Band, das auch 2002 in Wacken dabei war - erst eineinhalb Stunden nach der ursprünglichen Ankündigung und trieb denen, die am nächsten Tag in einem anderen Teil Europas das eine oder andere Brötchen verdienen mussten, einige Sorgenfalten ins Gesicht, die von der Bemerkung von Frontshouter und Saitenmann Tom S. Englund noch vertieft wurden, man würde heute jede Menge Songs spielen und sich richtig Zeit lassen. Zunächst überraschten Evergrey mit einem sehr lauten, äußerst brachialen Headbangerstart, schwenkten aber dann doch bald auf ihren vertrauten Stil ein: Melodischer, progressiver Powermetal mit großer Bandbreite von sehr schönen Balladen mit feinster Gitarrenarbeit bis hin zu aggressiven Knallern mit Zähnen und Klauen. Als der Hörer gerade dachte, jetzt wäre die Sache im Fluss, verschwand Bassmann Michael Hakansson von der Bühne und tauchte trotz mehrfacher Aufforderung Englunds erstmal nicht wieder auf. Die Vakanz wurde für ein gefühlvolles, softes Vocal-Keyboard-Duett genutzt. Wieder vollzählig, fraßen sich Evergrey vor begeistertem, aber sich in Anbetracht der Uhrzeit langsam lichtendem Publikum durch eineinhalb Stunden Musik und ließen dabei nichts anbrennen. Keine Durchhänger, feines Material und solide Bühnenperformance. Nur mit der Lautstärke übertrieb man es zeitweise etwas und brachte die Anlage zum Clippen. Am Ende gab es mehrere Zugaben, u.a. mit "Recreation Day", dem Titelstück des aktuellen Albums. Ein satter, kraftvoller Abschluss eines gelungenen Festivals!

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Surfempfehlung:
www.progpower.com
Text: -Stephan Kunze-
Foto: -Stephan Kunze-


 
 

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