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Frankie goes to Recklinghausen

Ruhrfestspiele: Volksfest zum 1. Mai

Recklinghausen, Festspielhaus
01.05.2004

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Die Sterne
Das Volksfest zum 1. Mai im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen hat eine lange Tradition. Doch selten war das bunte Spektakel - Kindercircus, Ruhrgebietsrallye mit Christoph Schlingensief, Podiumsdiskussion mit Franz Müntefering, Teaser der kommenden Theater-Highlights - auch popmusikalisch so gut besetzt. Dafür sorgten die in diesem Jahr für das Programm Verantwortlichen Frank Castorff ("Frankie goes to Recklinghausen") und Christoph Gurk von der Berliner Volksbühne.
Den Anfang machte zur Mittagszeit auf der "Gewerkschaftsbühne" Bernd Begemann. Der wollte offensichtlich die Gunst der Stunde seines vorerst letzten Soloauftritt (den gesamten Sommer tourt er mit seiner Band Die Befreiung) nutzen und lieferte eine 1A-Show mit seinen besten alten und neuen Hymnen "(Kelly Family Feeling", "Fernsehen mit deiner Schwester", "Ich habe nichts erreicht außer dir" und - besonders passend - "Ich komme, um zu kündigen"), sarkastischen Ansagen zu den Themenkomplexen "EU-Erweiterung" und "1. Mai" und jeder Menge Publikums-Animation ab.

Derweil spielten die Sons Of Jim Wayne im "Saloon" der Westernvorstadt drei kurze Sets, die ein wenig unter desaströsen technischen Voraussetzungen, dem unüberhörbaren Sound von der Hauptbühne und der Müdigkeit der Band (die erst wenige Stunden zuvor von einer erfolgreichen zweiwöchigen Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz zurückgekehrt war) litten, aber dennoch mit vielen Highlights ihres phantastischen neuen Albums "Best Make Up Is A Smile" und ausgewählten alten Songs gespickt waren. Die Highlights? Einmal mehr Bernd Uebelhödes "Comes A Tear", die ultraschnelle Version des Traditionals "Satan Your Kingdom Must Come Down" und Stefan Kulliks abschließendes Solo mit "Colours Of The Rainbow".

Auf der großen Bühne spielten die Münsteraner Samba einen ihrer leider in letzter Zeit selten gewordenen Auftritte und verließen sich dabei nicht nur auf Altbewährtes, sondern hatten auch einige brandneue Songs ihres unlängst fertig gestellten, aber noch unveröffentlichten neuen Albums im Gepäck, die nicht selten angenehm Samba-typisch klangen, wenngleich das absolute Highlight eine neue Ballade ("Hochtief") war. Wenn das (und die neue Nummer "Tip zur Sonne" auf der "Müssen alle mit 2"-Compilation) der Maßstab für die kommende Platte ist, dürfen wir uns darauf freuen!

Astra Kid hatten anschließend leichtes Spiel, kein Wunder, schließlich kommen sie aus der Gegend. Hatten Samba noch auf eine ziemlich grüne (weil leere) Wiese vor sich geschaut, tummelten sich bei den Astras jede Menge junger Menschen (vor allem Mädchen) vor der Bühne und sangen alle Songs zwischen "Parken in Münster" und "Schwarzfahren" begeistert mit.

Danach legte Schorsch Kamerun auf der Aktionsbühne einen aberwitzigen Kurzauftritt als Sylvesterboy hin. Mit einem Kostüm bestehend aus Boxershorts, Umhang, Gesichtsmaske und Schwert (!) krächzte er 15 Minuten lang - unterlegt mit elektronischen Klängen - alle möglichen Rock N Roll Klischees ins Mikro und ließ zwei aufgebrezelte Damen dazu, na ja, herumzappeln. Ein Auftritt, der eigentlich unbeschreiblich im wahrsten Sinne des Wortes war, aber genau deshalb für ziemlich viel Spaß im Publikum sorgte.

Alpha Boy School zogen anschließend auf der Hauptbühne das größte Publikum der gesamten Veranstaltung an - mit dem schlechtesten Auftritt. Dafür, dass Karsten Riedel früher bei den legendären Frits mitmischte, war das, was die Bochumer Band an diesem Abend bot, doch eine ziemlich uninspirierte Ska-Variante. Zudem sich die siebenköpfige Combo allerspätestens dann alle Sympathien verspielte, als sie öffentlich The Cures "Boys Don't Cry" massakrierte. Da half es auch nicht, dass sie in ihren letzten Song, "Please Come Home", einen kurzen Abstecher zu "Universal Tellerwäscher" (als Teaser für den Hauptact) einbauten.

Die Sterne unterstrichen zum Schluss, warum sie auch heute - wo die meisten Hamburger-Schule-Bands aufgelöst oder nur noch ein Schatten ihrer selbst sind - immer noch zu den besten deutschen Bands gehören. Ihr 75-Minuten-Set war äußerst kurzweilig, und das, obwohl die Band gut die Hälfte ihres erst in vier Wochen erscheinenden neuen Albums "Das Weltall ist zu weit" spielte. Songs wie "Kaltfront", "Aber auch schön", der lupenreine Northern-Soul-Pop von "In diesem Sinn" und das als witzige Punkrock-Nummer endende "Hau drauf" dürften schon bald zu den Sterne-Klassikern zählen, die an diesem Abend natürlich auch nicht fehlen durften - Songs von der Güteklasse "Was hat dich bloß so ruiniert?" oder "Trrrmmer", das Sänger Frank Spilker witzigerweise der Stadt Recklinghausen widmete! Fazit? Trotz einiger organisatorischer Ungereimtheiten war es ein schönes Volksfest in Recklinghausen!

NACHGEHAKT BEI: DIE STERNE

Bevor sich der Kollege Ullrich Maurer Ende Mai in einem ausführlichen Feature mit dem neuen Album "Das Weltall ist zu weit" beschäftigen wird, fragten wir Die Sterne vor der Live-Premiere des neuen Materials in Recklinghausen zu ihren Bühnenaumbitionen aus. GL.de: Das Livespielen scheint sich zum vielleicht sogar wichtigsten Eckpfeiler für euch entwickelt zu haben - gerade wenn man an großartige Auftritte wie die letztes Jahr in Bochum oder Düsseldorf denkt oder den ausgezeichneten Konzertmitschnitt "Live im Westwerk" als Maßstab anlegt...

Frank Spilker: "Das stimmt. Wir haben beschlossen, das Livespielen als Basis zu nehmen. Mein persönliches musikalisches Interesse geht auch wieder mehr in die Richtung, dass ich wieder mehr Rockmusik und Livemusik höre."

GL.de: Schon vor der Veröffentlichung des neuen Albums gab es eine ganze Reihe Songs live zu hören. Wann ist der Punkt erreicht, an dem die Songs reif sind für die Premiere vor Publikum?

Christoph Leich: "Eigentlich präsentieren wir die Songs erst in der Öffentlichkeit, wenn wir denken, dass sie komplett fertig sind, aber wenn dann alle mit verschränkten Armen vor der Bühne stehen, waren sie wohl doch noch nicht fertig (lacht)!"

Frank Spilker: "Das entspringt natürlich auch aus der Lust, die Stücke spielen zu wollen. Das Songmaterial ist schon ziemlich lange da, und wir haben dann einfach Bock, die Sachen zu spielen. Wir haben uns auf der letzten Tour noch ziemlich zurückgehalten und jeden Abend nur zwei, drei neue Stücke gespielt, obwohl wir eigentlich schon das Bedürfnis hatten, noch mehr zu spielen. Aber da ging es ja auch in erster Linie um die Live-Platte."

GL.de: Dabei waren die "Greatest Hits"-Sets der letzten Tournee wohl nicht nur auf das vorangegangene Livealbum zurückzuführen. Schließlich gibt es bestimmte Songs, um die die Band bei ihren Konzerten einfach nicht herumkommt, oder?

Frank Spilker: "Ja, das ist so, das ist eine Hypothek. Allerdings gibt es bestimmt auch junge Bands, die einen darum beneiden. Wir haben für die kommende Tournee im Mai überlegt, ob wir eine Vorband mitnehmen oder nicht. Die Idee war, dass wir dann nicht so lange zu spielen brauchen. Dann habe ich mir die Situation noch einmal vor Augen geführt und festgestellt, dass wir unter anderthalb Stunden eh nicht wegkommen. Selbst wenn wir nur annähernd alle Stücke vom neuen Album spielen und dazu nur die allergrößten alten Hits, damit die Leute nicht enttäuscht nach Hause gehen, sind wir schon bei einer solchen Konzertlänge. Es ist für uns eigentlich gar nicht mehr möglich, nur eine Dreiviertelstunde zu spielen."

GL.de: Gibt es denn bestimmte Songs, von denen ihr wisst, dass ihr sie eigentlich gar nicht aus dem Programm streichen könnt?

Frank Spilker: "Das, was wir irgendwann mal als Singles herausgebracht haben und was dazu noch gut funktioniert hat, ist das, was die meisten Leute hören wollen. Ohne die kommen wir nicht weg. Dann gibt es noch die heimlichen Lieblingssongs, die wir nicht immer spielen müssen. '1-2-3-Tier' wird immer gefordert von einer Gruppe Fans, und trotzdem haben wir das nur ganz selten gespielt, weil es sehr schwer auf die Bühne zu bringen ist. Vielleicht wird es genau deshalb auch gefordert!"

GL.de: Bedeutet das, dass sich Die Sterne also besonders bei den Konzerten auch für ihr Publikum "verantwortlich" fühlen?

Frank Spilker: "Wir wollen natürlich unsere Fans nicht verprellen. Ich denke, das geht in Richtung eines Kompromisses. Dass wir nur immer die Hits spielen, würde unser Publikum in Wahrheit auch nicht mögen!"

Christoph Leich: "Trotzdem mag ich gerade die Partyatmosphäre sehr gerne, und natürlich ist es schwierig, diese Atmosphäre zu schaffen, wenn man nur Stücke spielt, die niemand kennt (lacht)."

Frank Spilker: "Wir hoffen einfach darauf, dass jedes neue Album ähnlich erfolgreich wird wie die früheren und zumindest ein, zwei Stücke davon in dieses Repertoire übergehen und es sich so immer ein bisschen erneuert."

GL.de: Wisst ihr denn nach all den Jahren inzwischen von vorne herein besser, welche Stücke später - vor allem live - funktionieren werden?

Frank Spilker: "Im Nachhinein tut man dann immer so (lacht)!"

Christoph Leich: "Es gibt wirklich immer wieder Überraschungen, Stücke, von denen du denkst, dass sie der totale Kracher sein müssten, bei denen die Leute aber dann live total abwartend reagieren. Das war auch bei den neuen Stücken so. Bei 'Was ist hier los' und 'Kaltfront' hätte ich gedacht, dass 'Kaltfront' viel besser ankommt, trotzdem sind alle bei 'Was ist hier los' viel mehr mitgegangen."

GL.de: Trotzdem ist euch Abenteuerlust wichtiger, als den einmal eingeschlagenen Pfad weiterzuverfolgen?

Frank Spilker: "Abenteuerlust trifft es, glaube ich, ganz gut. Vielleicht ist das kommerziell ganz falsch. Vermutlich sollte man, wenn man einmal ein kommerziell erfolgreiches Modell hat, das immer weiterverfolgen. Das kennt man ja auch von verschiedenen anderen Bands. Bei uns geht es allerdings immer auch darum, dass die Band erhalten bleiben muss. Wenn wir jetzt etwas machen würden, was wir alle zum Kotzen finden, nur um erfolgreich zu sein, gäbe es die Band danach auch nicht mehr."

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Surfempfehlung:
www.ruhrfestspiele.de/2004/pages/
www.bernd-begemann.de
www.sonsofjimwayne.com
www.samba-pop.de
www.astrakid.de
www.diesterne.de
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Simon Mahler-


 
 

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