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Konzert-Bericht
 
Onkel Bob's Hütte

Bob Dylan

Bonn, Museumsplatz
29.06.2004
Bob Dylan
Also Onkel Bob's Hütte war in dem Fall das zugegebenermaßen überdimensionierte und äußerst gut besuchte Zelt auf dem Museumsplatz in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Selbstredend liefen die üblichen Zeremonien, die vor dem Konzert zu absolvieren sind - Anstellen, Einlass, Körperhohlraumuntersuchungen - vergleichsweise streßfrei ab. Denn das Publikum hätte - anders gekleidet - durchaus als Anwaltskongress mit Sekretärinnen durchgehen können; obwohl vereinzelt doch jüngere Gesichter zu sehen waren. Onkel Bob ist doch irgendwie auch so was wie eine Integrationsfigur. Der von Dylanologen seit Monaten bemängelte Bühnenaufbau - bei dem der Meister auf der linken Seite an einem Keyboard herummacht - wirkte zunächst mal ernüchternd. Auch der Umstand, dass keine Musik zum Einstimmen vom Band lief. Und als es doch welche gab - zunächst kaum hörbar -, war das amerikanische Klassik von Aaron Copeland: "Fanfare For The Common Man" - das war insofern witzig, wenn man sich erinnern konnte, dass sich ausgerechnet Emerson, Lake & Palmer mal an dem Track vergriffen haben (und ein ganz gewöhnlicher Mann ist Bob ja nun schon mal gar nicht).
Um kurz nach Acht ging's dann los: Hinter seiner neuen Band tänzelte Herr Zimmermann im schwarzen Gehrock mit ebensolchem Stetson auf die Bühne. Der erste Track war "Rainy Day Women #12 & 35" und der stimmte dann groovemäßig auf den Abend ein. Die Dylanologen hatten ja im Vorfeld berichtet, dass das Konzept der aktuellen Tour eine stramme Blues-Rock-Angelegenheit werden würde. Ganz so war es freilich nicht. "Stramm" war nicht unbedingt der Ausdruck, den man für das Zusammenspiel der Truppe hätte anführen können. Das lag aber nicht alleine an den Musikern, sondern an der enervierenden Art, mit der Dylan seine Mitstreiter triezte. Dylan singt halt nicht dann, wann das Versmaß es gebietet, sondern wenn er kegeln möchte. Gleiches gilt für seine Mundharmonika-Soli, die er z.T. doch relativ unmotiviert ins Geschehen einbrachte und die auch eigenartig umständlich erschienen, da er sich bemühte, mit der linken Hand weiter in die Tasten zu greifen. Manch ein Track wurde so - besonders, was den gemeinsamen Abschluss betrifft - gegen die Wand gefahren, obwohl alle Musiker verbissen den ständigen Augenkontakt mit ihrem Dirigenten suchten. Das hört sich jetzt negativ an, war es aber nicht wirklich. Denn das, was musikalisch passierte, war - entgegen der Ansagen auf den entsprechenden Websites - äußerst lebhaft, kurzweilig und spannend. Auch, wenn nicht alles unbedingt gelang - was aber nicht der Punkt ist, denn wichtiger erschien, dass hier etwas passierte und sich bewegte.

Vielleicht kamen deshalb gerade die Stücke, die Dylan per se sowieso schon als Blues-Rock angelegt hatte, am schlechtesten weg - eben weil sie am wenigsten aufregend und vorhersehbar erschienen. Wie z.B. "Tweedle Dee & Tweedle Dum" vom letzten Album. Ansonsten aber ließ sich der Arrangeur Dylan (wenn er das denn alles alleine so arrangiert hat) doch ziemlich gehen. Erkennen konnte man das daran, dass das Publikum, das jedes Stück artig feierte, sobald es zu erkennen war, dies zuweilen erst beim Refrain tat - weil die Tracks doch ziemlich zerpflückt und auf interessante Weise neugeboren erschienen. "It Ain't Me Babe" z.B. begann als angedeuteter akustischer Two-Step, das offensichtlich kurzfristig angesagte "This Wheel's On Fire" kam als bedrohlich dahinschmirgelnder Rock-Blues und die Zugabe "All Along The Watchtower" bestand z.B. nur aus unheimeligen Steel-Gitarren-Sounds (Multi-Instrumentalist Larry Campbell war hier zuständig) und Gitarrensoli von Lead-Gitarrist Stu Kimball. Alles was recht ist: Jemand, der Klassiker dieser Art dergestalt demontiert (schließlich lebt das Stück ansonsten ja stets vom markanten Riff, der hier vollkommen fehlte), der hat noch Spaß und Interesse an der eigenen Musik! Was auch gefiel war Dylans Art, die Lyrics, wie ein Wurzelmännchen übers Mikro gebeugt, mit seltsamen Betonungen und Phrasierungen geradezu herauszubellen. "It's Alright, Ma" - auch musikalisch einer der Höhepunkte der Show - spie er wie ein Gangsta-Rapper in die Menge, bei "Masters Of War" (mit akustischem Bass) erinnerte er an einen fanatisch predigenden Mullah und "This Wheel's On Fire" sang er, als wolle er kleine Kinder auffressen. Da lief einem zuweilen jener gewisse Schauer den Rücken herunter und da brannte ein gewisses Feuer - wobei es jetzt an den Dylanologen liegt, zu interpretieren, wo das herrühren mag. Paul Williams kann jedenfalls schon mal ein Kapitel dafür im Abschnitt "Warum Bob jetzt Piano spielt und warum das die Welt verändern wird" einplanen. Eine weitere Nuance, die Dylan in Bonn forcierte, war der Western-Swing. Bei "Floater" spielte Campbell Geige und das offiziell letzte Stück, "Summer Days", geriet zu einer ausufernden Jam-Session, bei der jeder seinen Senf dazugeben durfte - wobei hier wie bei ähnlichen Gelegenheiten weniger die Gitarreneskapaden der beiden Protagonisten bestachen, sondern das Zusammenspiel der Rhythmusgruppe, bestehend aus dem stets souveränen Musikalischen Direktor Tony Garnier und des "besten Drummers auf der Bühne", wie Dylan ihn ankündigte, dem leichtfüßig agierenden George Receli. Die Setlist erschien - zumindest dem unbedarften Zuschauer - originell und ausgewogen und abgesehen von den kleinen Unstimmigkeiten das Zusammenspiel betreffend, gab es nicht wirklich etwas auszusetzen. (Zumindest dann nicht, wenn man die Show ohne Bezug zu anderen Dylan-Konzerten betrachtete) Fazit: Dieses war zwar mit Sicherheit zwar nicht unbedingt das beste Dylan-Konzert - aber auf jeden Fall ein unterhaltsames nach dem Motto "wer wagt, gewinnt" - und auch eines das zeigte, dass sich Altmeister also keineswegs zwangsweise in Routine und Gelassenheit auf die Rente vorbereiten müssen.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigabe-


 
 

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