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Fickend unabhängig

Wir sind Fucking Independent Festival IV

Köln, Blue Shell / Stereo Wonderland
15.10.2004/ 16.10.2004

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Wir sind Fucking Independent
Na die sind gut! Innerhalb von zwei Tagen ca. 20 Acts in Kölns kleinsten Live-Schuppen trommelten Thomas Pohlmann und die Macher des Fucking Independent Festivals dieses Mal zusammen - und das bereits zum dritten Mal. Warum machen die das? Vermutlich, um der Welt zu beweisen, dass es auch ohne große Plattenfirmen klappen kann. Erstaunlich ist dabei eigentlich nur, dass sich auch immer wieder internationale Künstler finden, die hier mitmachen. Dieses Mal waren es z.B. Jeffrey Lewis aus der New Yorker Antifolk-Szene und Francis McDonald of Teenage Fanclub-Fame. Und jetzt aufgepasst: Das Nachfolgende ist keine Setlist, sondern die Auflistung der teilnehmenden Bands: Chaos Digital, Locas In Love, Lume, Enno Palucca, Jeffrey Lewis, Cuba Missouri, Soul's Off Fire, Roman, Pawnshop Orchestra, Wolke, Decorder, Motocrotte, Velvet Underwear, Keegan, Francis McDonald, Henry Ryels, Spruce, Jenny Lund, Künnecke & Smukal sowie diverse DJ-Acts.
Am ersten Abend sah das ganze zum Beispiel so aus: Nachdem sich der Soundcheck - nahezu erwartungsgemäß - um ca. eine Stunde verschoben hatte, bangten die Organisatoren bereits um den Zeitplan - denn das Kölner Ordnungsamt kennt keinen Spaß, wenn es um die Einhaltung von gesetzlich einklagbaren Ruhezeiten geht. Deswegen mussten Cuba Missouri auch praktisch mitten im Soundcheck im Stereo Wonderland den Abend beginnen. Das wurde dann auch eher ein Kampfsieg. Mit zahlreichen technischen Problemen kämpfend arbeiteten sich die vier Herren aus Münster ziemlich ernsthaft und grüblerisch durch ihr streng durchkalkuliertes Oeuvre. Unter Vermeidung jeglicher Melodien gab es atmosphärischen Indie-Rock, von dem angesichts der verkniffenen Mienen der Musikanten angenommen werden musste, dass es nicht allzuviel Spaß macht, diesen vorzutragen. Wer weiß: Vielleicht hätte ja der eine oder andere dritter Akkord an dieser oder jener Stelle einmal geholfen? Auch Soul's Off Fire aus Düsseldorf hatten mit der Technik zu hadern - und mit der doch ziemlich winzigen Bühne im Stereo Wonderland. Dies wurde dadurch gelöst, dass die vier Souls sich mehr oder minder um die Bühne herumgruppierten, um sich und ihre Instrumente wenigstens halbwegs hören zu können. Zum Glück basierten die ersten Tracks auf Drumloops, während Drummer Florian Dürrmann sich zunächst aus dem Publikum heraus an der zweiten Gitarre zu schaffen machte. Schließlich aber pegelte sich doch alles irgendwie ein und letztlich konnte man auch Sängerin Manuela Barczewskis Stimme vernehmen - eigentlich das Wichtigste bei dieser Band, da sich - schräg-schöne Gitarrenkaskaden hin oder her - doch letztlich alles darum dreht und angelt. Nebenan im Blue Shell hatte mittlerweile auch das Programm begonnen und Chaos Digital - auch aus Düsseldorf - versuchten tapfer, die hier noch wenigen Zuschauer zum Abhotten zu bewegen. Die Truppe setzte auf Pop mit Keyboards, griff zum Ende der Show ganz tief in die Klamottenkiste und bot eine eingedeutschte Version von Cindy Laupers "She Bop". Den ersten Höhepunkt des Abends gab es, als die Locas In Love auf die Bühne krabbelten - gerade auf Tour mit ihrer ersten richtigen CD "What Matters Is The Poem" und noch frisch unter dem Eindruck, mit ihrer Aktion bei Top Of The Pops abzusagen, mal so richtig fucking independent agiert zu haben. Wer gedacht hätte, das Kölner Quartett würde auf Nummer sicher gehen, und nur "Hits" wie "In My Life" spielen, der sah sich zum Glück getäuscht. Voller Sendungsbewusstsein beendeten die gutgelaunten vier zum Beispiel ihre abwechslungsreiche Show mit dem Magnum-Alternative-Opus "Our Hearts And The Real World" - inklusive minutenlanger Feedbackorgie und Dead-Turtle-Soli (das ist, wenn Björn Sonnenberg strampelnd und auf dem Rücken liegend Gitarre spielt, während die Apokalypse Mühlacker erreicht). Übrigens: Trotz der o.a. Titel singen die Locas immer noch deutsch!

Danach gab's eher ernsthaften Herrenrock. Lume, ebenfalls aus Köln, überzeugten mit kraftvollen Gitarren-Sounds, einer besonders tighten Rhythmusgruppe, knackigen Riffs und dem ersten und einzigen Lautstärke-Rekord des Abends. Das erinnerte zuweilen an den Sound des (auch sehr independenten) Labels Tumbleweed, wusste aber letztlich auch durch eine gewisse Popsensibilität zu überzeugen. Lume haben ihre angelsächsischen Vorbilder jedenfalls mit Gewinn studiert. Drüben, im Stereo Wonderland hatte derweil Daniel Decker alias Pawnshop Orchestra die Bühne in Besitz genommen. Obwohl eigentlich auch hier ein Bandauftritt angedacht gewesen war, gab es doch bloß einen Solo-Act. Und das geriet zum Vorteil, denn endlich gab es mal keine Platzprobleme und Daniel gelang es auch, mit seinen charmanten, deutschsprachigen Gitarrenpop-Songs (und einer Cover-Version des Stücks "Mein Freund" von dem später auftretenden Act Wolke) die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und das mittlerweile gut gefüllte Stereo Wonderland zum Mitsingen zu bewegen. "Gut gefüllt" heißt dabei übrigens, dass ca. 1/3 der Leute draußen bleiben müssen. Während der Umbaupausen herrschte dann aber immer wieder eine emsige Fluktuation zwischen den beiden Clubs, so dass jeder mal drankam. Wolke - ebenfalls aus Köln - hatten sich ja neulich im Vorprogramm der Dresden Dolls einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Auch bei dem im Vergleich überschaubaren Act im Wonderland überzeugten Oliver Minck und Benjamin Fülleböck mit ihrem Minimalkonzept Stimme, Piano, Bass und Beatbox vollkommen. Mehr noch: So richtig Face to Face gelangten die stringent dahinfließenden Pop-Songs noch besser an ihren Bestimmungsort (meist mitten ins Herz, manchmal auch in den Bauch). Schon alleine deshalb, weil hier niemand nach Bass-Soli verlangte. "Mein Freund" wurde dann kurzfristig auch in die Setlist aufgenommen.

Im Blue Shell hatte derweil Enno Palucca, der Drummer der Goldenen Zitronen - hier aber als Bandleader in eigenen Sachen - den Schauplatz betreten. Mittlerweile war es hier aber nicht mehr so leicht zu fluktuieren, da sich doch eine ganze Menge interessierter Zuschauer im ebenfalls überschaubaren Auditorium angesammelt hatten. Hier zeitweise die Ventilatoren an der Decke auszuschalten, war jedenfalls keine so gute Idee. "Na, seid ihr denn auch fickend unabhängig?", fragte Enno - im beeindruckend gut sitzenden grauen Nadelstreifenanzug mit Krawatte ins Publikum. Natürlich, lautete da die Antwort - deswegen war man ja schließlich hier. Die knackigen Power-Pop Hits des Trios mit den seltsamen Themen ("Es war Mord") und eigenartig im Shout & Response Verfahren vorgetragenen diesbezüglichen Textgebilden waren jedenfalls die bestmögliche Einstimmung, auf das, was dann folgte. Jeffrey Lewis, Troubadour und Comic-Zeichner extraordinaire, tummelt sich im Umfeld der New Yorker Alternativen Szene um die Moldy Peaches. Der Mann hat CDs mit Titeln wie "It's The Ones Who've Cracked That The Light Shines Through" eingespielt und trug Stücke vor, die "The Last Time I Took Acid I Went Insane" heißen. D.h.: Der kann sich Worte merken. Und wie. Selten hat man einen Künstler vernommen, der sich in verknoteten Satzkonstruktionen und verschlungenen Versmaßen dermaßen wohl fühlt, wie Plappermaul Lewis - und dabei dennoch erstaunlich locker daherfließende Songs zustandebringt. Das fing schon beim zunächst vorgeführten "Low Budget Video" an, bei dem Lewis auf einem Stuhl stehend in einem selbstgemalten Riesen-Comic-Buch herumblätterte und dazu acappella wie ein Moritatensänger die Geschichte vortrug. Zwar spielte Jeffrey im Folgenden hauptsächlich auf seiner bunt beklebten Wandergitarre, ab und an machte sich aber auch die mitgebrachte Band bemerkbar und dann wurde es richtig rockig. Auch wenn Adam Green mittlerweile seine Kollegen publicitymäßig hinter sich gelassen hat: Was Wortwitz und Einfallsreichtum anbelangt, lässt Lewis den erstgenannten eher noch hinter sich. Fazit: Das "Fucking Independent Festival" zeigt beredt, dass die Subkultur auch im konzerttechnisch immer gerne totgeredeten Köln noch funktioniert - wenn sie nur so einfallsreich bedient wird, wie hier. Weiter so!

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Surfempfehlung:
www.fuckingindependent.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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