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Konzert-Bericht
 
Von Seebären und Vampiren

John Blek

Mülheim/Ruhr, Raumfahrtzentrum Saarner Kuppe
02.02.2018

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John Blek
"Ach Herrjeh, ich müsste ja eigentlich schon seit Stunden um Bett sein", meinte der Ire John Blek nach einem Blick auf die Uhr bei seinem Konzert im Mülheimer Raumfahrtzentrum Saarner Kuppe zum gut gelaunten Publikum - nur um dann zu ergänzen: "Das ist natürlich ein Scherz, denn ich schlafe so gut wie gar nicht, weil ich ja ein Vampir bin." Die Frage, wieso ein offensichtlich stets so gut gelaunter, humorvoller und glücklicher Mensch wie John Blek dann aber meist melancholische, ernsthafte, todtraurige und teilweise sogar depressive Songs schreibt - wie sie natürlich auch auf seinem aktuellen Solo-Album "Catharsis Vol. 1" enthalten sind -, beantwortete der Meister dann auch gleich selbst: Weil er nämlich den düsteren Scheiß, dem auch er ausgesetzt ist - wie jedermann sonst auch auf dieser Welt - auf diese Weise aus seinem System bekommt und deshalb der denkbar glücklichste Mensch auf Erden sei. Das war dann auch eine der Lehrstunden, die man als Zuhörer von dem Solo-Konzert mitnehmen konnte - dass nämlich augenscheinlich traurige Liedermacher tatsächlich oft glückliche Menschen sind (wie umgekehrt lustige Clowns dem Vernehmen nach ja auch oft traurig sind).
Ein Clown möchte John Blek dann allerdings bei allem Spaß an der Sache und den haarsträubend komischen Zwischenansagen, mit dem er die Leute zwischen seinen Songs amüsiert, denn doch nicht sein - und führte als Beispiel den Komiker Robbie Coltrane an, der seine Laufbahn als possenreißender, banjospielender Musikant begonnen hatte. Überhaupt zitierte und referenzierte John Blek zwischen seinen Songs eine ganze Menge - Townes Van Zandt etwa, einen seiner Heroen, den er auch gleich im Doppelpack mit den Cover-Versionen "If I Needed You" und "Pancho & Lefty" ehrte, Tim Hardin, dessen "If I Was A Carpenter" er schlüssig als Blaupause für ein perfektes, aufrichtiges Liebeslied analysierte - aber auch jenen namenlosen holländischen Seemann, dessen Lebensgeschichte John dereinst nach einem Konzert im heimatlichen Cork mit dem Handy aufzeichnete und als Grundlage für seinen neuen Song "Compass" hernahm oder jenes Paar, dem er als Hochzeitsgeschenk erleichtert den Song "Needle And Thread" komponiert hatte, um sich so aus der Verpflichtung lösen zu können, teure Geschenke machen zu müssen. Überhaupt überzeugte John Blek sowieso mit einem gelungenen Mix aus eigenen Solo-Stücken, einigen Elaboraten seiner Hausband The Rats, Coverversionen (Chris Smithers "Leave The Light On" war z.B. auch mit dabei), gespielten Witzen, Publikumswünschen und umfangreichen Erklärungen seiner Songs, der zugrundeliegenden Ideen und somit auch seiner selbst.

In dieser Beziehung ist John Blek ganz der Troubadour, der in seiner Arbeit aufgeht - wie er auch anschaulich erläuterte: Da er erstmals von Irland nach Deutschland geflogen war, anstatt - wie bisher - mit dem Auto zu reisen, habe er nur eine Gitarre mitnehmen können - was dann dazu führe, dass er mehr Stimmen müsse als üblich (denn einige seiner Songs mäandern mit offenen Tunings durch ihr Dasein) - was dann wieder dazu führte, dass er mehr reden müsse, weswegen dann das Konzert dann eben letztlich länger dauern müsse. Bei all dem überzeugte John Blek auch musikalisch - mit einer dezent irisch/britischen Note - auch bei Americana-Anleihen - und einer subtilen Fingerfertigkeit als Gitarrist. Es ist ja schon klar, dass man als akustischer Solo-Folkie sein Programm adäquat instrumentieren können sollte - dennoch muss man das erst mal so feinfühlig und selbstverständlich hinbekommen wie John Blek. Natürlich war das Ganze unter dem Strich eine eher ruhige Angelegenheit - auch wegen des melancholischen Untertons der meisten Songs - aber zum Schluss sollte es dann noch mal richtig laut werden, indem John Blek das Publikum aufforderte, ihm beim Abschluss-Gospel "Lord Don't Leave Me" lautstark zu unterstützen - um die Nachbarn ordentlich aufzuschrecken und wohl auch, um ihm daselbst einen grandiosen Abgang im Stile eines sendungsbewussten Wanderpredigers zu bescheren. Dem Publikum war das alles recht, denn auf diese Weise bekam es schließlich ein zugleich betont kurzweiliges wie ausführliches Programm serviert, das sich unter dem Strich als ziemlich perfektes Folk-Konzert manifestierte.

John Blek
NACHGEHAKT BEI: JOHN BLEK

GL.de: Wie ist denn die John-Blek-Solo-Karriere - als Ergänzung der Bandgeschichte mit John Blek & The Rats - verlaufen?

John Blek: Mein erstes Solo-Album war einfach eine Sammlung von zehn Songs, die mich die Band nicht auf einem Rats-Album platzieren ließ und der Zweck war damals, den Kredit für einen neuen Van, den ich gerade kaufte, auszulösen. Bei dem zweiten Solo-Album "Cut The Light" ging es mir darum, einen Stil als Solo-Performer zu finden. Und das neue Album, "Catharsis Vol. 1", wurde als Konzeptalbum konzipiert, als ich im letzten Jahr für zwei Monate im Krankenhaus liegen musste - weil ich aus irgendwelchen Gründen kein Essen bei mir behalten konnte. Als ich mich ein bisschen besser fühlte, fragte ich meinen Vater, ob er mir nicht eine Gitarre mitbringen könne. Ich saß also im Bett und komponierte Songs, damit ich mich besser fühlen und die ganze Sache verarbeiten konnte.

GL.de: Ist John Blek denn jetzt wieder gesund? Denn immerhin heißt das Album ja "Catharsis Vol. 1".

John Blek: Ja, ich bin jetzt wieder gesund. Die Musik hat mir auch dabei geholfen, wieder gesund zu werden - allerdings weniger physikalisch als mental. Das ist aber schon immer so gewesen, dass Musik wie eine Krücke für mich ist. Und ohne Musik wäre ich auch niemals so glücklich wie ich bin. Ich hatte ursprünglich vor, dass es ein Doppelalbum werden sollte, weil ich noch mehr Stücke geschrieben hatte - darunter einige Instrumentals, denn es ging mir auch darum, meine Fingerfertigkeit als Gitarrist zu verbessern. Im Studio realisierte ich dann aber, dass wohl niemand ein akustisches Doppelalbum mit vielen Instrumentals von mir hören wollte und deswegen beschlossen dann mein Produzent, Brian Casey, und ich, stattdessen einfach ein konzentriertes, echtes Album zu produzieren.

GL.de: Auf "Catharsis Vol. 1" gibt es keine direkten Referenzen zur Spiritualität - was für ein Album, das sich mit dem Heilen (und der Vergänglichkeit des Lebens) beschäftigt, ungewöhnlich ist. Wie hälst du es denn mit der Religion?

John Blek: Ich bin überhaupt nicht religiös. Ich mag auch keine Religion. Es gibt Referenzen in den Songs - zum Beispiel mit Bezug auf meine religiösen Eltern wie "Mother lits candles and Father's been praying". Es ist aber nichts, was mich interessiert. Ich glaube stattdessen an gute Menschen, die mich umgeben - und nicht an einen Gott, den ich nicht sehen kann.

GL.de: Was waren denn die musikalischen Inspirationen für "Catharsis Vol. 1"? Es ist ja letztlich ein klassisches Folkalbum geworden.

John Blek: Musikalisch ging es mir - wie auch auf dem letzten Album - um Fingerfertigkeit. Ich wollte auch mal zeigen, dass ich leise und delikat Gitarre spielen kann. Meine Einflüsse sind in der Spielfertigkeit englischer Folk-Musik zu suchen - wie zum Beispiel jener von Bert Jansch. Ich finde es unglaublich, was man in dieser Art von Musik mit einer Gitarre alles erreichen kann. Ich betrachte mich auch als klassischen Folkmusiker. Auch deshalb, weil der Begriff Singer-Songwriter - speziell in Irland - fast schon zu einer Art Unwort geworden ist - wobei ich gar nicht weiß warum. Den Begriff "Singer-Songwriter" assoziiere ich jedenfalls mehr mit Pop-Musik - sagen wir mal wie Ed Sheerhan im Unterschied zu Paul Brady.

GL.de: Was ist denn mit der irischen Identität?

John Blek: Das bin ich neulich schon gefragt worden, weil das Album sich nicht nach Irish Folk anhört. Aber ich sage immer: Wir haben doch jetzt 2018 - die Welt ist heutzutage größer geworden. Ich bin doch nicht bloß von der Musik des Landes oder gar der Stadt beeinflusst, in der ich lebe, sondern von aller möglichen Art von Musik, weil ich heutzutage ein breiteres Spektrum des Wissens um die Musik habe. Warum soll ich mich da limitieren? Die Palette, von der man heutzutage wählen kann, ist doch viel größer als früher. Und ein irisches Album ist es ja schließlich dennoch, weil es von einem Iren in Irland gemacht wurde.

GL.de: Da sind ja einige Referenzen zu Seefahrern auf der Scheibe.

John Blek: Ja - aber nicht, weil ich selbst ein Seefahrer bin. Es gibt da aber zwei Bezüge: Ich traf einen Herrn in Bantree, einem Fischerort in der Nähe von Cork, wo ich Mick Flannery supportete und er erzählte von seiner Arbeit. Man stellt sich ja immer vor, dass Fischer morgens rausfahren und abends zurückkehren - er ist aber zuweilen mehrere Monate am Stück unterwegs. Und da wurde mir bewusst, dass es da Parallelen zum Leben eines Musikers gibt, der ja auch oft monatelang auf Tour ist. Das war eine nette Analogie. Daraus entstand der Song "Salt In The Water". Und dann gab es da noch die Geschichte dieses holländischen Seefahrers, der mich eines Nachts nach einem Konzert in Cork um zwei Uhr Nachts auf sein Boot einlud und mir dort von seinem Leben erzählte. Das war so profund, dass ich ihn fragte, ob ich unsere Konversation mitschneiden könne. Daraus entstand der Song "Compass".

GL.de: Eine Frage sei noch erlaubt: Was ist denn der Unterschied zwischen John Blek (Johns nom de plume) und John O'Connor (Johns "richtigem" Namen)? Gibt es da eine gespaltene Persönlichkeit?

John Blek: Das kann schon sein - ich weiß nicht. Nein, ich denke, der Unterschied ist der, dass John Blek jetzt hier mit dir sitzt und seine Arbeit macht und John O'Connor der ist, der zu Hause bei seiner Mutter ist.

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Surfempfehlung:
johnblek.com
www.facebook.com/johnbleksolo
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

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