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Konzert-Bericht
 
Waldorf-Salat

Antje Schomaker
Deniz Jaspersen

Köln, Blue Shell
28.02.2018

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Antje Schomaker
Obwohl es bei der ersten Hedliner-Tour von Antje Schomaker selbstredend darum ging, ihr Debütalbum "Von Helden und Halunken" zu präsentieren, war das dann doch keine Präsentation von blutigen Debütanten. Denn es hat dann doch relativ lange gedauert, bis Antjes Scheibe fertig gestellt wurde. Und so war ihr Besuch im Kölner Blue Shell dann auch nicht der erste Besuch in der Domstadt, denn zuvor hatte sie - unter anderem als Support Act für Bosse oder Stu Larsen - schon des Öfteren hier auf der Bühne gestanden. Tatsächlich kam sie ja ursprünglich auch aus der Nähe - vom Niederrhein -, bevor sie dann vor fünf Jahren nach Hamburg umsiedelte und dort ihre musikalische Laufbahn in Angriff nahm.
Auch Support-Maestro Deniz Jaspersen ist kein Neuling - obwohl er noch nicht mal eine eigene Scheibe als Solo-Liedermacher im Angebot hat. Bekannt wurde der kompakte Bartträger als Gründungsmitglied der Deutschrock-Combo Herrenmagazin, die immerhin seit 2004 ihr Unwesen treibt und 2015 die bislang letzte LP "Sippenhaft" heraus brachte. Hier und jetzt ging es jedoch um deutschsprachige Solo-Songs, mit denen sich Jaspersen in die Riege der deutschen Betroffenheitskünstler einreiht. Es geht um inhaltlich romantisch Selbstfindungssongs, in denen Deniz seine Weltsicht in Form minimalhumoriger Selbstbespiegelungs-Dramen darlegt. Das Ganze ist dann doch ein wenig pubertär ausgerichtet, was der langen Laufbahn, die Jaspersen vorzuweisen hat, dann doch ein wenig entgegensteht, denn der Mann ist definitiv älter als der Inhalt seiner Balladen und Pop-Songs glauben machen will. Musikalisch ist das Ganze recht angenehm temperiert, in Maßen variantenreich und irgendwie betont unauffällig angelegt. Provozieren oder herausfordern will Deniz jedenfalls niemanden. Nun gut: Er singt auf Deutsch und das passte dann ja zumindest zum Thema des Abends.

Was Antje bei den Gesprächen zu ihrem Album im Vorfeld gar nicht so sehr in den Vordergrund gestellt hatte, ist der Umstand, dass ihre musikalische Laufbahn irgendwie in der Waldorf-Schule ihren Anfang genommen haben muss - mit Blockflötenspiel und Tanz-Spielen, die bis heute für sie eine gewisse Rolle spielen. Jedenfalls legte sie das Nahe, als sie ehemalige Schulfreunde im Publikum ausmachte und dann erklärte, was sie alles der Waldorf-Schule zu verdanken habe. Als Performerin besticht Antje Schomaker dabei mit einer geradezu selbstverständlichen Bühnenpräsenz, die schlicht und ergreifend keinen Widerspruch zulässt - einfach deshalb, weil sich Antje hier auf sympathisch bodenständige Art mit dem Publikum verbrüdert (bzw. verschwestert) ohne sich allerdings aufzudrängen oder gar Botschaften zu implementieren. Dafür erläuterte sie dann aber die Inhalte ihrer Songtexte. "Du löst dich auf" beschäftigt sich zum Beispiel mit dem Thema Tod und "Auf und davon" ist nicht als Liebeslied zu verstehen, sondern als Motivation für eine Freundin. Als Performerin hat Antje des Weiteren alle Tricks drauf, die eine potentiell vorhersehbare Angelegenheit wie ein Pop-Konzert immer wieder interessant und kurzweilig erscheinen lassen. Dazu gehört, dass sie sich gleich zu Beginn der Show für eine Solo-Nummer ins Auditorium gibt, zwischen Gitarre, Keyboard, Glockenspiel und Handmikro wechselt, sich mit ihren Musikanten (insbesondere die in Fix und Foxy umbenannten Musikanten Felix und Felix) zusammentut und diesen letztlich auch viel Freiraum lässt - zum Beispiel die mit ausführlichen Intros und Zwischenspielen die Songs zusammenzuhalten. Zum Konzept gehörte dann auch, dass sich Nicht-LP-Titel ins Programm schlichen - ebenso wie die Bosse-Cover-Version "Drei Millionen" - und das das ganze Programm einer geschickten Dramaturgie unterlag, die unter anderem darin bestand, dass sie die richtigen Gassenhauer ihres Albums - etwa "Aller guten Dinge" oder "Gotham City" - für den Schluss der Show aufgehoben hatte, als die Stimmung im dicht gepackten Blue Shell schon auf dem Höhepunkt kochte. Mit Sprüchen wie "Ihr könnt aber gut klatschen und singen" gelang es Antje dann auch mühelos, das Publikum zum Mitmachen zu bewegen. Musikalisch geht die Sache auf der Bühne deutlich stärker in die Pop-Richtung als im Studio - was aber natürlich für ein Live-Konzert grundsätzlich durchaus förderlich ist - zumindest, wenn (wie in diesem Fall) motivierte Musiker für eine lebendige, abwechslungsreiche Umsetzung des Materials sorge tragen. Insgesamt überzeugte Antje Schomaker mit dieser Show vor allen Dingen durch ihre ungezwungene, lockere Art, mit der sie ihr Material ohne Allüren, dafür aber mit einer gehörigen Portion Selbstironie absolut glaubwürdig verkaufte.

Antje Schomaker
NACHGEHAKT BEI: ANTJE SCHOMAKER

GL.de: Auf dem Album klingt immer alles so selbstverständlich - als ginge das alles gar nicht anders. Was sind eigentlich die Inspirationen, die zu den Songs führen?

Antje: Och alles mögliche - Erich Fried oder Erich Kästner, auch bestimmte Filme - vor allen Dingen aber Menschen. Wenn wir uns zum Beispiel unterhalten und du sagst was Schönes, dann schreibe ich mir das heimlich auf. Selbst Rückenschmerzen können ja eine Inspiration sein - wenn man zum Beispiel denkt 'Aua, jeder Schritt tut jetzt weh' - dann fängt der nächste Song vielleicht genau mit dieser Zeile an. Keine Ahnung - ich habe da jetzt keine bestimmte Muse oder keinen bestimmten Ort, dem der Song entspringt.

GL.de: Das hört sich an, als sei ein kleines Detail jeweils der Ausgangspunkt, aus dem dann eine größere Idee entsteht, richtig?

Antje: Das stimmt auf jeden Fall. So entstehen nämlich die Songs. Da gibt es dieses eine Wort, von dem man denkt 'Wow - da schreiben wir jetzt einen Song drüber'. Wenn man eine schöne Idee um dieses Wort herum entwickelt, dann entsteht - glaube ich - etwas Schöneres, als wenn man sich sagt 'Ich schreibe jetzt einen Song, der die Welt verändert' - denn sowas geht dann wahrscheinlich eher nach hinten los.

GL.de: Wie wichtig ist denn Humor bei dieser Sache? Immerhin gehört ja Erich Kästner zu den Inspirationsquellen.

Antje: Ich finde es wichtig, dass man nicht immer alles so ernst nimmt. Vor allen Dingen nicht sich selbst auf der Bühne. Manche Songs sind natürlich auch mit einem Augenzwinkern gemeint - aber ich lege mir da kein Konzept zurecht. Aber klar ist Humor wichtig um mit dieser Welt umzugehen.

GL.de: Wie kommt dabei die eigene Identität ins Spiel?

Antje: Ich glaube, dass dadurch, dass es ja vor mir schon so viele gegeben hat, die das, was ich mache, auch gemacht haben, das natürlich auch den Weg für mich geebnet hat. Ich denke da aber gar nicht so viel nach - zum Beispiel, dass ich mir sage, dass es da ja schon fünf Frauen gibt, die sowas machen und jetzt versuche ich besonders anders zu sein. Ich glaube nämlich immer, dass, wenn man versucht etwas zu sein, das man sich vorher zurecht legt, das eigentlich immer nur schlecht ist. Wenn man aber das nimmt, was man ist, und das ein wenig verstärkt und dabei ehrlich bleibt, dann haben sicher ganz viele Menschen das Gefühl 'Hey, so geht es mir ja auch' - und dann kann man sich damit identifizieren - weil irgendwo passiert ha immer etwas Ähnliches. Wenn man hingegen versucht, herauszustechen, dann kann man das zwar als Kunstfigur sehen - aber ich denke, das ist in der Singer-Songwriter-Szene genau falsch. Authentizität scheint ja auch gerade sehr wichtig zu sein - und wenn die Leute spüren, dass ich versuche, denen etwas vorzumachen, dann fühlen sie sich verarscht.

GL.de: Was reizt beim Schreiben von Songs am meisten?

Antje: Ich finde es schön, wenn man große Ideen mit kleinen Worten beschreiben kann. Dass man keine Metaphern braucht, um etwas schön zu sagen, sondern dass man auch mit ganz einfachen Worten große Sachen sagen kann. Den Anspruch fand ich immer gut und das reizt mich am Schreiben. Musikalisch bin ich hingegen nicht so, dass ich denke, dass ich noch verrückte Sachen ausprobieren muss, um mich zu fordern - sondern ich mache einfach das, was kommt und so wie es sich anfühlt. Ich schreibe auf Gitarre und Klavier und das spiele ich meinen Produzenten vor und dann setzen wir das so um, wie ich es mir vorstelle.

GL.de: Gibt es eigentlich besondere Ansprüche an den Gesang? Anfangs schien es ja so, dass der Sprechgesang eine bestimmte Rolle spielte:

Antje: Nö - eigentlich wollte ich ja Rapperin werden - aber dafür bin ich leider nicht cool genug. Ich kann auch nicht besonders gut tanzen - aber ich mache es gerne. Das ist dann beim Gesang ähnlich. Ich versuche einfach zu erzählen, was passiert - und nicht irgend etwas Großes drumherumzubauen:

GL.de: Was ist bei dem Album das Wichtigste?

Antje: Ich glaube, dass ich etwas schaffen wollte, das ich im Leben einsetzen kann und dass ein bisschen etwas kleben bleibt. Ich denke, es ist ein Album, was großartig gar nicht so viel will. Ich habe mich ja nicht hingesetzt, um große Worte zu finden, sondern ich hoffe, dass der Hörer sich selbst die Zeilen raussuchen kann, die ihm gut tun und sich darin wiederfinden kann.

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Surfempfehlung:
www.antjeschomaker.de
www.facebook.com/antjeschomakermusic
facebook.com/deniz.jaspersen
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

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