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Konzert-Bericht
 
Romantische Unerbittlichkeit

Tinpan Orange
Indianageflüster

Köln, Theater im Bauturm
01.08.2018

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Tinpan Orange
Unter dem Titel "Ruhestörung im Bauturm" gibt es in Köln eine neue Konzertreihe, bei der - jeweils am ersten Mittwoch des Monats - je zwei Bands im malerischen Theater am Bauturm auftreten. In der zweiten Auflage trafen dabei zwei dann doch sehr unterschiedlich ausgerichtete Acts aufeinander. Um es gleich zu sagen: Für das Thema "Romantik" waren Tinpan Orange zuständig, während es bei Indianageflüster tatsächlich eher um die "Unerbittlichkeit" ging.
Das australische Folkpop-Trio Tinpan Orange machte auf der aktuellen Festival-Tour auch Station in der Domstadt, unter anderem um den neuen Song "Going Home" zu präsentieren. Die das aus den Geschwistern Emily & Jesse Lubitz und ihrem Kumpel Alex Burkoy bestehende Combo aus Melbourne ist eigentlich regelmäßig in Deutschland unterwegs - allerdings ansonsten unter anderen Bedingungen: "Wir hatten gedacht, dass es in Deutschland immer kalt sei, weil wir für gewöhnlich im Herbst hier sind", erklärte Emily Lubitz angesichts der überraschenden aktuellen Großwetterlage und führte dann aus, dass es aber gut sei, dass es so heiß sei, da man ja beim Rock'n'Roll besser schon schwitzen solle, um glaubwürdig zu sein. Wer Tinpan Orange etwas kennt, der wird freilich bestätigen können, dass es hier nicht wirklich um Rockmusik geht - die diesbezügliche Bemerkung hängt eher mit dem zuweilen leicht absurden Humor von Emily Lubitz zusammen, die alles, was sie tut und sagt, mit einem gewissen, nonchalanten Maß an Philosophie und Theatralik verbindet. (Auch, wenn die Philosophie zuweilen nur für anderthalb Minuten reichen mag, wie sie freimütig einräumte.) Aber das ist so eine Sache mit der Philosophie, denn an anderer Stelle hat Emily schon eingeräumt, dass sie gar nicht immer wisse, wovon ihre Songs denn nun eigentlich handelten. Und dann ist es auch so, dass die anderen Tinpan-Mitglieder (auch Emilys Ehemann Harry Angus, der für gewöhnlich (wie auch dieses Mal) nicht mit auf Tour geht), Songs beisteuern, von denen auch nicht immer so eindeutig klar ist, wovon genau diese denn nun so handeln. Nicht dass das besonders schlimm ist, denn Tinpan Orange haben eine Technik entwickelt, ihre Songs auch auf einer nonverbalen Ebene emotional verständlich rüberzubringen. In jedem Tinpan Orange-Set finden sich zum Beispiel Passagen, in denen gar nicht gesungen wird. Sei es, dass das Trio die Stücke jam-session-artig aufbohrt (wie etwa regelmäßig bei "Like Snow") oder aber dass Alex Burkoy mit seiner Geige oder Gitarre und seiner Sample-Station zuweilen improvisierte, sich symphonisch aufbauschende Instrumentals aufschichtet, die gar nicht mal zu bestimmten Songs gehören müssen. Und damit wären wir wieder bei der Wettersituation. Es war nämlich dann doch so warm im Club, dass Alex der Geigenbogen aus der Hand rutschte und die Hälfte der Pferdehaare, mit denen die Geigentöne erzeugt waren, abrissen. Das liegt übrigens daran, dass die Häuser in Deutschland so gebaut seien, dass es im Winter warm ist, während sie in Australien so konstruiert sind, dass es im Sommer kühler darin ist. Diese Theorie hatte jedenfalls Jesse Lubitz nach der Show parat. Wie dem auch sei. "Kannst du das nicht bei jeder Show machen?", fragte Emily Alex nach dem Geigenbogen-Malheur, "das ist doch gut für Dramatik der Show." "Wie viel Pferde hast du denn dabei?", antwortete Alex dann verschmitzt.

Das TPO-Set bestand im Wesentlichen aus den "Hits" des Trios - wie "City Of Gold" oder "Barcelona" (die tatsächlich auch mal in irgendwelchen Charts gelandet sind), wurde aber auch ergänzt um die aktuelle, neue Single "Going Home", bislang nicht live aufgeführte Songs wie "Diary" vom letzten Album "Love Is A Dog" und nicht zuletzt einer wirklich gelungenen, druckvollen Version von Neil Youngs "Out Of The Blue" - was insofern bemerkenswert ist, da Tinpan Orange ohne Live-Bassisten und -Drummer auftreten und ja nun wirklich über kein konventionelles Band-Set-Up verfügen. Das ist aber nicht der einzige Aspekt, der die Band von vergleichbaren Acts dieser Art absetzt, denn das Trio hat es tatsächlich geschafft, sich durch das Fernhalten von klassischen britischen oder amerikanischen Stilen eine eigene Nische im Folkpop-Sektor herauszuarbeiten. Auch das stellten sie in Köln wieder ein Mal eindrucksvoll unter Beweis. Freilich: Eine neue LP ist erst mal nicht in Sicht, denn zur Zeit befindet sich das Trio diesbezüglich noch in der Sondierungsphase.

Nach einer kurzen Umbaupause gab es dann ein Kontrastprogramm, wie es deutlicher nicht hätte ausfallen können. Das Quintett Indianageflüster hat sich zwar auf das Genre Deutschrap-Genre festgelegt - allerdings mit einigen Besonderheiten: Die fünf jungen Herren aus Emmelshausen, Kastellaun und Boppard haben nicht nur einen ziemlich coolen Bandnamen, sondern verzichten gänzlich auf genretypische, elektronische Elemente und Samples. Stattdessen spielen sie mit einer konventionellen Rockband-Besetzung plus Cello. Während der Vokalist Jojo Rauch sich über Fragen Gedanken macht, die seine Generation berühren (und dabei bemerkenswert oft zu dem Schluss kommt, dass es gar nicht so einfach ist, wirklich relevante Themen zu finden), legen sich seine Kollegen mächtig ins Zeug und entfachen ein technokratisches Hardcore-Gewitter, in dem so ziemlich alle Spielarten harter, schroffer Rockmusik zum Tragen kommen - von klassischen Led Zeppelin-Zitaten über Hommagen an aktuelle Genrecharttopper bis hin zu m US-geprägten Post-Punk. Leider sind die Stücke alle ähnlich aufgebaut - beginnen mit scheinbar versöhnlichen Klangwolken oder lyrischen Intros, um dann irgendwann ins totale Riff-Bashing umzuschlagen und auch die Integration des Cellos überzeugt nicht immer wirklich (weil die sich diesbezüglich anbietenden Möglichkeiten kaum genutzt werden), aber auf der technischen Ebene macht den Jungs so schnell niemand etwas vor, denn sie haben wirklich alle Spielarten souverän drauf und bieten dabei auch zuweilen liebevolle und überraschende Details. Freilich: Indianageflüster sind ein reines Herrengedeck. Mit Melodien und Emotionen haben es die Fünf nun wirklich nicht. Zwischen Kopf, Bauch und Muskeln gibt es nichts (vor allen Dingen kein Herz), das die Musik des Quintetts versöhnlich gestalten könnte. "Unerbittlich" ist tatsächlich ein geeignetes Attribut, mit dem sich die Musik von Indianageflüster definieren ließe. Ein gutes Beispiel dafür ist das selbsternannte Liebeslied "Mary Jane" (in dem es wohl eher um ein ähnlich klingendes bewusstseinerweiterndes Genussmittel geht), das nun wirklich nur dadurch als solches erkennbar wird, dass es Jojo Gauch so bezeichnet. Das Fehlen jeglicher Melodien macht die Sache auch nicht einfacher - was das Ganze dann nur für ein spezifisches Nischen-Publikum jenseits des Pop-Zirkels interessant macht. Die Herzen von Mädels werden sich auf diese Weise sicherlich nicht so einfach erschließen lassen. Sei es drum: Schlecht machen die Herren ihre Sache keineswegs. Ein besonderer Crossover-Effekt das Publikum betreffend ließ sich bei einer so gegensätzlichen Paarung allerdings natürlich nicht erzielen. Vielleicht ist das ein Aspekt, der beim Booking für die künftigen Ruhestörungs-Veranstaltungen vielleicht berücksichtigt werden sollte.

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Surfempfehlung:
tinpanorange.com
www.facebook.com/tinpanorange
www.indianagefluester.de
www.facebook.com/indianagefluester
www.theater-im-bauturm.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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