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Mehrsamkeit

Haldern Pop Festival 2018 - 1. Teil

Rees-Haldern, Alter Reitplatz Schweckhorst
09.08.2018

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Kevin Morby
Ein eindeutiges Festival-Motto gab es auch bei der 35. Auflage des Haldern Pop Festivals nicht - aber in der Festival-Zeitung "Datt Blatt" fand sich dann das Foto eines Vogelschwarms, über den das Wort "Mehrsamkeit" gelegt worden war. Das hätte in vielerlei Hinsicht das Motto des diesjährigen Festivals sein können, denn mehr geworden war da so manches. Etwa die Time-Slots in den mittlerweile auch mehr gewordenen Spielstätten und demzufolge die entsprechenden Schlangen bei nahezu jedem Gig, die sich beim inzwischen vollwertigen ersten Festivaltag mittlerweile vor allen Dingen durch das Dorf Haldern mit den offiziellen Spielstätten Kirche, Haldern Pop Bar und Jugendheim winden. Obwohl das Programm bereits um 12:30 Uhr los ging (zu einem Zeitpunkt also, zu dem sich die Hälfte der Festivalbesucher noch auf der Anreise befindet), konnte also von Entspannung keine Rede sein. Spätestens als sich dann um 13:30 Uhr die Pforten der Kirche öffneten und der Belgier Tamino dort mit seinem Solo-Set das Programm startete, war zuschauermengenmäßig sozusagen praktisch alles dicht, so dass erste Besucher schon auf die Warteliste mussten.
Tamino ist ein smarter junger Mann mit arabischen Wurzeln aus Antwerpen, der aufgrund der Vorliebe seiner Mutter für Mozarts Oper "Die Zauberflöte" nach dem Protagonisten des barocken Singspiels benannt wurde. All das - also der Umstand, dass er aus Belgien stammt, ägyptisch/libanesische Wurzeln hat und familiär bedingt ein Faible für klassische Musik hat - verquickt er in seinen zwar dialektisch konstruierten, aber überwiegend düster/melancholischen Zwielicht-Epen zu einem einfühlsamen und insbesondere einer Kirche enorm effektiven Noir-Balladen-Stil. Auf seiner ersten EP "Habibi" (was so viel wie "mein Liebling" auf arabisch bedeutet) ließ er sich von Colin Greenwood von Radiohead unterstützten - während das Material indes von seinem Soundtechniker produziert wurde, der auch für den Live-Mix bei seinem Auftritt in Haldern verantwortlich zeichnete - was sich durch einen durchaus greifbaren, raumfüllenden Sound bemerkbar machte.

Der nächste Act, Chad Lawson, ist ein klassisch ausgebildeter Pianist, der mit seinen meditativen Live-Improvisationen und -Variationen am Steinway-Flügel hingegen für einen typischen Haldern-Donnerstag-Moment in der Kirche sorgte. Dazu gehört auch der leise Humor des Mannes, der erklärte, sich aus den vielen angebotenen Teebechern des Backstage-Raumes - dem Anlass angemessen - einen mit einem Weihnachtsmotiv ausgesucht zu haben.

In der Haldern Pop Bar kam es derweil - Soundcheck-bedingt - zum ersten Stau. Der junge Ire Chris Montcrieff freute sich unbändig, mit seiner Band den ersten Gig auf deutschem Boden absolvieren zu können. Mühelos hatte er dabei mit seinem angenehm temperierten, handwerklich sauber inszenierten Soul-Pop insbesondere die jungen Damen im Griff, die sich vor der Pop Bar im pünktlich zu Konzertbeginn einsetzenden Regens schon in freudiger Erwartung ungeduldig die Beine in den Bauch gestanden hatten. Die Musik Montcrieffs besitzt dabei insofern eine Art naiven Unschuldscharakter, als dass sich der Mann gar nicht erst bemüht, eine eigene Identität ins Spiel zu bringen, sondern sich ganz auf den zugänglichen Charme seines eher generisch ausgerichteten Materials verlässt. Kurz gesagt: Es fällt schwer, ihn - rein musikalisch - vom seinen bereits etablierten Kollegen zu unterscheiden. Was freilich heutzutage eher förderlich für den Erfolg sein kann.

Kommen ein Jazzer, ein Blueser und ein Folkie in die Kirche... Was sich zunächst anhört, wie ein schlechter Witz, entpuppte sich schnell als unerwartetes Highlight. Kiss Krisztián (Saxophon, Bouzouki, Koboz), Lo Buglio Vincenzo (Gesang), Szabó Mátyás (Gitarre, Bass) alias Terra Profonda haben sich in ihrer ungarischen Heimat lange in verschiedenen Szenen getummelt. Seit sechs Jahren machen sie aber ohne Berührungsängste gemeinsame Sache. Mit ihrer Musik bauen sie genreüberwindende Brücken und landen damit musikalisch ungefähr zwischen den zwei Grenzgängern, die beim letzten Haldern Pop begeisterten: Mario Batkovic und Mammal Hands. Sänger Vincenzo erinnerte stimmlich nicht nur ein wenig an Tex Perkins und Tom Waits, er bewies auch Humor: "Applaudieren", das riet er dem Publikum nach dem warmen Begrüßungsbeifall, "sollte man immer erst hinterher. Man weiß ja nie, was kommt."

Der Andrang im Jugendheim beim Auftritt von Hannah Williams & The Affirmations konnte durch den Einlass nur ungefähr zur Hälfte befriedigt werden, so dass man versuchte, die zwangsläufig draußen Gebliebenen durch Öffnen der Fenster des Jugendheim-Festsaales während des Auftrittes zumindest musikalisch teilhaben zu lassen. Hannah Williams ist eine raumgreifende Soul-Röhre aus Bristol, die vor allen Dingen für die mitreißenden Live-Shows mit ihrer exzellenten Band The Affirmations, mit der sie seit 2016 zusammen arbeitet, bekannt wurde. Das Besondere an The Affirmations ist dabei weniger der Umstand, dass die Band unter der Regie von James Graham mit kompletter Bläsersektion und zwei Backing-Sängerinnen daherkommt, sondern dass die aktuellen Songs von Hannah Williams (abgesehen von den gelegentlich eingestreuten, in diesem Umfeld typischen Coverversionen) von Mitgliedern der Band geschrieben werden. Dass Hannah Zeit deren Lebens von Sharon Jones und ebenso von US-Star Jay Z unterstützt und gefördert wurde/wird, ist eine nette Randnotiz, spielt aber für sie selbst keine große Rolle, denn mit dem brillanten Songmaterial und der genre-konformen, bluesigen Mörderstimme kann in einem solchen Setting schließlich kaum etwas schief gehen - wie sich in Haldern bestätigte.

Eigentlich kommt es praktisch nie vor, dass der gleiche Künstler in zwei aufeinanderfolgenden Jahren in Haldern gastiert, aber für Lisa Hannigan machten die Verantwortlichen gerne eine Ausnahme. Die irische Ausnahmemusikerin begeisterte letztes Jahr gemeinsam mit dem Halderner Cantus-Domus-Chor im Zelt, und dieses Mal war das Besteck sogar noch größer. Neben Lisa und dem Chor stand nun nämlich auch André de Ridders Stargaze-Orchesterensemble mit auf der Bühne - und den Bassisten ihrer eigenen Band hatte Lisa auch noch dazugemogelt. Hört sich nach einem todsicheren Highlight an, und das war es in den schönsten Momenten auch - bei "A Sail" hatten ungelogen erwachsene Menschen Tränen der Rührung in den Augen und auch die Musiker auf der Bühne waren sichtlich ergriffen von ihrem eigenen Tun -, doch auch wenn Lisa nicht müde wurde zu betonen, wie groß das Ensemble ihre kleinen, allein in ihrer Küche geschriebenen Songs gemacht hat: Dass es im Programmheft "Stargaze & Lisa Hannigan" hieß und nicht etwa andersherum, war nicht geflunkert. Gerade bei den ersten Nummern versteckte sich die Sympathieträgerin von der grünen Insel doch merklich zwischen all den Mitmusikern auf der Bühne, obwohl sie doch eigentlich problemlos auch solo, nur mit ihrer Stimme, einer Gitarre und all ihren Emotionen Räume wie die St.-Georg-Kirche problemlos füllen kann.

Im Jugendheim gab es dann wieder eine klassische Haldern-Entdeckung zu feiern. Die junge Nülifer Yanya aus West-London überraschte nämlich mit einem Set, wie es selbst in Haldern nicht alle Tage zu finden ist. Stilistisch angesiedelt zwischen den Extremen ihrer Inspirationsquellen - den Pixies auf der einen Seite und klassischem Soul-Jazz auf der anderen - hat Nülifer einen erstaunlich originellen Stilmix entwickelt, in dem sie dem Indie-New-Wave-Pop auf angenehm jazzige, oldschool-orientierte Manier frischen Wind einhaucht. Das Witzige dabei: "Hey" von den Pixies hat sie zwar diverse Male bereits gecovert, während sie die anderen (scheinbar offensichtlichen) Referenzen wie Sade oder Amy Winehouse erst entdeckte, nachdem man sie darauf aufmerksam machte, dass sie nach diesen klänge. Freilich bietet Nülifer bereits jetzt genügend Eigenständigkeit um sich nicht Vergleichen belästigen lassen zu müssen. Jedenfalls wehte - nicht zuletzt durch die Kombination von Nülifers Stimme, ihrem dezent jazzigen New Wave-Gitarrensound und dem Saxophon von Kollegin Jazzi Bobby am Ende ein dezentes 70s Flair durch das Jugendheim, das ausnahmsweise mal NICHT auf Rock-Traditionen fußte.

Zeitgleich spielten Big Thief leider auf der anderen Seite des Dorfes im Spiegelzelt auf dem Festivalgelände. Mit den letzten Songs als Maßstab war es aber ein Gastspiel für die Haldern-Geschichtsbücher, das nicht nur den neben der Bühne stehenden Festival-Chef Stefan Reichmann sichtbar beeindruckte, sondern auch ein ungewohnt hohes Musikeraufkommen rechts und links der Bühne verursachte. Kevin Morby war gleich mit seiner kompletten Band angetreten, und viele andere folgten seinem Beispiel. Nach der Soloalbum-Auszeit von Gitarrist Buck Meek inzwischen wieder zu viert, begeisterten die New Yorker Indierock-Helden um Sängerin und Gitarristin Adrianne Lenker mit den gleichen Tugenden wie zuvor: Statt die Idiosynkrasien ihres Sounds und die Eigenheiten des Songwritings ihrer Frontfrau zu vertuschen, rückten Big Thief sie mit jedem neuen Song deutlicher in den Fokus und bildeten dabei oft innerhalb weniger Takte das gesamte Gefühlsspektrum von lieblich verträumt bis hin zu wütend aufbrausender Aggressivität ab. Ganz stark!

Reverend Beat-Man trat am Abend im Spiegelzelt in die Fußstapfen des Österreichers Voodoo Jürgens, der im Vorjahr als schräger Mundart-Poet mit einer noch schrägeren Bühnenpräsenz vor einem gut geölten Publikum in Mitgröllaune richtig abgeräumt hatte. Der Reverend kommt aus der Schweiz, war früher mit einer Wrestling-Show unterwegs, könnte vom Aussehen her gut und gerne auch als Türsteher durchgehen und bringt mit 51 Jahren ordentlich Lebenserfahrung mit, die er mit der Poesie des kleinen Mannes in räudige Songs gießt, die dem Titel seines Albums "Surreal Folk Blues Gospel Trash" alle Ehre machen. Bonuspunkte gab es dafür, dass er mit Mario Batkovic gleich noch einen weiteren im positiven Sinne Verrückten in der Band hatte.

Der Amerikaner Kevin Morby unterstrich im Anschluss, warum er in seiner Gewichtsklasse derzeit ungeschlagen ist. Mit sagenhafter Leichtigkeit gelang es ihm an diesem Abend einmal mehr, sich musikalisch von der Vergangenheit inspirieren zu lassen und das Ergebnis trotzdem brandneu und zeitgemäß klingen zu lassen. Musikalisch vereint der lässige Crooner die nervöse Großstadt-Energie von The Velvet Underground mit der relaxten Americana-Idylle von The Band und verlor sich auf der Spiegelzelt-Bühne bisweilen so sehr in seiner eigenen Musik, dass mehr seiner Band als dem Publikum zugewandt spielte. Mit einem ordentlich Druck produzierenden neuen Drummer im Rücken ließ er oft hypnotisch mäandernd beginnende Songs wie "Harlem River" mit viel Inbrunst und Leidenschaft in berauschenden Gitarrenduellen mit seiner großartigen Leadgitarristin Meg Duffy aufgehen, bevor er sich mit dem unwiderstehlichen Sturmlauf "Dorothy" laut und wüst verabschiedete. Ein unglaublich intensiver Auftritt!

Die norwegische Band (oder soll man sagen "das konzeptionelle norwegische Gesamtkunstwerk") Broen (= "Brücke") ist auf dem Bella Union Label des ehemaligen Cocteau Twins Simon Raymonde beheimatet. Das ist angesichts dessen, was das Ensemble auf der Bühne veranstaltet, etwas seltsam. Denn es gibt hier einen - zwar durchaus sympathischen, aber weitestgehend wirren - Art-Pop-Mix, in dem sich so unterschiedliche Elemente wie Kinderkram-Elektronik, avantgardistischer Freejazz, New Wave-Pop, HipHop oder R'n'B-Psychedelia erfolglos um die Vorherrschaft balgen. Nun gut: Von einer Band, die ihre Scheibe "I < 3 Art" nennt (was "I love Art" heißen soll, aus ehemaligen Jazz-Studenten besteht, mit Heida Karine Johannesdottir Mobeck eine vollamtliche Tubistin ihr Eigen nennt und in farbenfrohen Phantasiekostümen auftritt, die über Second-Hand-Anoraks, Birkenstock-Sandaletten mit verblassten Socken und löchrige Adidas-T-Shirts gestülpt sind, darf man vermutlich genau so etwas auch erwarten. Wie dem auch sein mag: Frontfrau Marianna S. A. Røe freute sich, dass das kunterbunte Treiben auf der Bühne des Spiegelzeltes mit großer Begeisterung vom Publikum goutiert wurde.

Und die Headliner? Das Vergnügen, Jake Bugg in Haldern zu erleben, hatte nur ein erlauchter Besucherkreis. Der Auftritt des britischen Singer/Songwriter-Stars, der auf Facebook inzwischen fast Follower-Millionär ist, war unverständlicherweise in der Kirche angesetzt worden, was zu vielen langen Gesichtern in der Schlange draußen führte. So war die echte Music for the Masses Philipp Poisel vorbehalten, der nach Mitternacht als Letzter des ersten Tages die Hauptbühne beschallen durfte.

Abgerundet wurde dieser abwechslungsreiche Festival-Auftakt dann mit einem famosen Gewittersturm, der insbesondere den Zeltbewohnern auf dem Festivalgelände eine unterhaltsame Nacht beschert haben dürfte.

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Surfempfehlung:
www.haldernpop.com
www.facebook.com/haldernpop
Text: -Ullrich Maurer / Carsten Wohlfeld-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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