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Let's Eat Grandma
May

Köln, Britney
20.04.2018

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Let's Eat Grandma
"Oh - das sieht ja cool aus", meint Jenny Hollingsworth auf der Suche nach einem geeigneten Hintergrund für ein Foto - und fasst in eine Fläche mit frisch aufgetragener Farbe. "Hm - ich mag meine schmutzige Hand", überlegt sie das Ergebnis betrachtend, "das können wir doch für ein Foto verwenden..." So - oder ähnlich - muss auch der kreative Entstehungsprozess funktionieren, nach dem Jenny und ihre Partnerin, Rosa Walton, ihre Songs und ihre Live-Shows zusammenbasteln. Nicht zu unrecht zählen die beiden jungen Damen aus Norwich - seit sie unter dem eigenartigen Projektnamen Let's Eat Grandma seit 2016 für Furore sorgen - zu den interessantesten Live-Acts unserer Tage, denn LEG-Shows (und in gewisser Weise auch -Tonträger) sind mehr Happenings als alles andere, einfach weil die Mädels mit cleveren Ideen, spontanen Einfällen, interessanten Konzepten und verspielten Improvisationen auf innovative Weise zu unterhalten wissen, wie kaum sonst jemand in der Branche.
Etwas konventioneller ging es da schon bei dem Support Act beim Auftritt im Kölner Britney zu. May ist eine junge Dame mit einem ungooglebaren Projektnamen und einem recht komplizierten ethnischem Stammbaum, der anteilig afroamerikanische, dänische und belgische Wurzeln enthält - wobei sie allerdings auch problemlos deutsch parliert. Zusammen mit ihrem Pianisten Linus präsentierte sie erste Tracks von ihrer Debüt-LP "Gold", die sie zusammen mit dem Elektronik-Frickler Robot Koch auf Tonträger zu mondäner Pop-Grandezza führte, die aber vor Ort in ihrer puren Form als klassische, melancholische Piano-Balladen zum Tragen kamen und durch die Cover-Version "Bad Kingdom" (ursprünglich von Moderat) abgerundet wurden. May hat eine angenehm rauchige Gesangsstimme und eine lustige Schirmmütze und präsentierte ihr Material mit einer gewissen Nonchalance - aber auch mit kleinen Texthängern. Da ist zwar noch Potential nach oben offen - stören tat May aber nun wirklich niemanden und zum Ende des kurzen Sets gelang es ihr sogar, das Publikum zum Mitsingen zu nötigen.
Das, was Jenny Hollingsworth und Rosa Walton auf der Bühne präsentieren, ist nicht nur für sie selbst schwierig in Worte zu fassen - einfach deswegen, weil ihre Performance (wie auch die Musik) keinem konventionellen Regelwerken folgt, sondern auf impulsive Art ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Im Vergleich zu den Konzerten im letzten Jahr haben LEG (wie das Projekt abgekürzt heißt) noch einen Zacken zugelegt und brachten deutlich mehr Bewegung ins Spiel. Ein Teil der Faszination eines LEG-Auftrittes liegt darin, dass man einerseits als Zuhörer nie so genau weiß, was eigentlich gerade oder als nächstes abgeht und dass Jenny und Rosa das Publikum abwechselnd total ignorieren oder aber involvieren, provozieren oder gar veräppeln. Genie und Wahnsinn liegen dabei auf charmante Weise durchaus auf derselben Ebene.

Aber vielleicht mal der Reihe nach: Der Löwenanteil des Programms bestand nicht etwa aus aufgepimpten Versionen der Stücke des Debütalbums "I Gemini", das LEG 2016 auflegten, sondern aus dem Material, das in der Summe das kommende Album "I'm All Ears" ausmacht, das aber erst Ende Juni herauskommen wird. Das ist aber nicht wirklich erheblich, da LED dieses Material teilweise bereits seit zwei Jahren verwenden - einfach deswegen, weil es sich hierbei um Songs handelt, die sie tatsächlich auch für die Veröffentlichung auf einem Tonträger zusammen geschrieben haben (und nicht, wie im Falle von "I Gemini" um eine Sammlung von Material, das sie eher zum Spaß für sich selbst fabrizierten). Im Vergleich zu dem verspielten Hörspiel-Charakter der ersten CD weist das neue Werk dabei eine deutlich klarere Strukturierung auf und auch die Stücke selbst sind klarer gegliedert und auch als solche erkennbar. Die bisherige Krönung dieser Weiterentwicklung ist zum Beispiel eine grandiose, konventionelle Piano-Ballade namens "Ava", die von Jenny gesungen wird, während Rosa das Klavier dazu spielt. So etwas muss man sich in einem solchen Zusammenhang schließlich auch erst mal trauen und Jenny und Rosa erledigten diese Aufgabe mit ungewohnter Ernsthaftigkeit und Geradlinigkeit.

So "konventionell" bleibt es ansonsten aber nicht bei einer LEG-Show. Die restlichen Tracks - wie z.B. die vorab bereits veröffentlichte aktuelle Riot-Grrrl-Pop-Single "Hot Pink", die LEG zusammen mit SOPHIE schrieben und produzierten - kommen als stilistisch unberechenbare Mixe aus elektronischen und organischen Elementen daher, die Jenny & Rosa nach Gusto aufmischen. Um mehr eigene Möglichkeiten zu haben, arbeiten Jenny und Rosa mit einer Live-Drummerin zusammen - was es ihnen ermöglicht, die eigenen Performances noch lebendiger zu gestalten als bislang - auch wenn sie nach wie vor die meiste Zeit hinter zwei Keyboards agieren. Jenny greift dabei gelegentlich zu einem Saxophon - oder einer Blockflöte - und Rosa hat in der Zwischenzeit Gefallen daran gefunden, mehr Gitarre zu spielen, die zuweilen auch gerne mal etwas rockig ausfallen darf. Das, was das LEG-Konzept in Formvollendung ausmacht, kommt in dem epischen Monstertrack "Donnie Darko" zum Ausdruck, den LEG traditionellerweise am Ende einer Show geben und der sich von Show zu Show ändert und weiter entwickelt. Hier fahren LEG dann in ca. 15 Minuten auch alles auf, was sie als Performerinnen auszeichnet. Während sie sich bei den anderen Tracks spontan geben und locker mit den Mikrofonen hantierend umhertanzen (sofern die Songstruktur das hergibt), ist bei "Donnie Darko" (bei dem es weniger um den titelgebenden Spielfilm, als um düstere Machtspielchen und deren Konsequenzen geht) alles streng durchkonzipiert. Hier bringen LEG ihre kindlichen Abklatschspiele unter, hier legen sie sich während der Performance scheinbar unmotiviert auf den Boden, hier hüpft Jenny durch das Auditorium und irritiert, indem sie einzelne Personen ansingt und hier setzen sich die Akteurinnen auf den Boden und fixieren herausfordernd aber schweigend das Publikum. Was das zu bedeuten hat, muss sich jeder selbst ausmalen - unterhaltsam, intensiv und amüsant ist das aber allemal. Sicherlich mag es Acts geben, die sich musikalisch und handwerklich versierter gebärden - aber als selbstbewussten, coolen und wagemutigen Entertainerinnen macht Jenny & Rosa so schnell niemand etwas vor. "You Won't Believe The Shit That I Can Do!" heißt es in einem anderen Zusammenhang in "Hot Pink" - und das kann man in Bezug auf die Performances ohne weiteres als Kommentar so stehen lassen.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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