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Konzert-Bericht
 
Die Poesie des Alltags

Simon Joyner

Oberhausen, Druckluft
24.07.2018

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Simon Joyner
Wagemutig, intensiv und überraschend: In seiner Einzigartigkeit steht der aus Omaha, Nebraska, stammende Singer/Songwriter Simon Joyner in einer Reihe mit gefeierten Anti-Helden wie Bonnie "Prince" Billy, Bill Callahan oder The Mountain Ghosts, doch anders als seine Seelenverwandten hat er sich nie beflissen gezeigt, den Status des Kult-Troubadours abzuschütteln, der einem unweigerlich anhaftet, wenn man Conor Oberst auf den Weg gebracht hat, in DJ-Legende John Peel einen starken Verbündeten hatte und Größen wie Beck, Gillian Welch, Kevin Morby in den USA und Gisbert zu Knyphausen hierzulande erklärte Fans sind. Die Einladung zum diesjährigen Heimspiel Knyphausen war es auch, die Simon Joyner diesen Sommer erneut nach Europa lockte. Neben Festival- und Wohnzimmerkonzerten stand dabei auch ein einziges, stolz von Gaesteliste.de präsentiertes Clubkonzert in Oberhausen auf dem Programm, für das sich sogar das Druckluft richtig herausgeputzt hatte.
"I am either performing a one act Sam Shepard play or twelve songs for my German friends in Oberhausen tonight", twitterte Joyner zwischen Soundcheck und Auftritt, und das ungewohnte Ambiente hätte in der Tat beides zugelassen. Stuhl, Stehlampe und Blumendeko auf der stimmungsvoll ausgeleuchteten Bühne, Sofas, Stehtische und Barhocker dort, wo sich sonst das Publikum auf unschmuckem Beton die Beine in den Bauch steht: Für das Gastspiel Joyners war das Druckluft einen Abend lang mehr uriges Wohnzimmer als eine alte Werkhalle der früheren Zeche Concordia, ein gut gefülltes noch dazu, denn trotz Urlaubszeit und Hitzewelle hatte an diesem Abend eine ansehnliche Zahl Zuschauer den Weg nach Oberhausen gefunden, die sich von Joyners schnörkellos minimalistischem Solovortrag und seinen wunderbar poetischen, allerdings auch gerne rabenschwarzen Geschichten gefangen nehmen ließen.

Das färbte offensichtlich auch auf den einmal mehr mit Hut und Westernhemd makellos gekleideten Protagonisten ab, der schüchtern wie eh und je, aber doch spürbar gelassener als bei seinen letzten Gastspielen in unseren Breiten durch den Abend führte und sich bei vielen ausführlichen Ansagen zu seinen einmaligen Liedern tiefer als sonst in die Karten schauen ließ. Ohne auf die Songs seiner just auf Vinyl wiederveröffentlichten Raritäten-Sammlung "A Rag Of Colt (Disgraced Songs 1987-2012)" zurückzugreifen, spiegelte das Programm praktisch sein komplettes Schaffen der letzten 30 Jahre wider, denn Joyner spannte an diesem Abend den Bogen von Frühwerken wie "Nocturne" und "My Life Is Sweet" über Lieder aus der "mittleren Phase" wie "Evening Song To Sally" bis hin zu den Liedern seiner famosen letzten beiden Alben, "Grass, Branch And Bone" und "Step Into The Earthquake". Selbst für einige echte Raritäten war Platz auf der Setlist, denn Joyner spielte mit "Time Slows Down In Dreams" und dem als Fingerübung unter Tourkumpels begonnenen "Sean Foley's Blues" nicht nur die A-, sondern gleich auch noch die B-Seite einer vergleichsweise obskuren Single von 2009. Eine Stunde wollte er eigentlich nur spielen, am Ende waren es fast anderthalb, zwei Zugaben inklusive.

Was die mit brüchiger Stimme, aber doch ungemein kraftvoll und eindringlich vorgetragenen Lieder eint, ist das Gefühl der Intimität, mit dem Joyner selbst bei schwierigen Themen nie sein unfehlbares Gespür für musikalische wie textliche Details verliert. Auf den Schultern von Folk, Americana und Rock formt er Songs, die bei aller Eigenwilligkeit in den besten Momenten doch auch eingängig sind und stets seine unverwechselbare Handschrift tragen. Bei praktisch jedem Song schüttelt er sich zudem Zeilen aus dem Ärmel, deren Brillanz andere Songschreiber vielleicht nur einmal im Leben erreichen (und viele, seien wir ehrlich, nie). Dabei gelingt es ihm mit faszinierender Leichtigkeit, nicht nur die Poesie im Alltäglichen zu finden, sondern auch Geschichten und Beobachtungen, die in ihrem Kern auf eigenen Erfahrungen in seinem persönlichen Umfeld beruhen, mit Allgemeingültigem zu verknüpfen und die in seinen Songs verborgenen Weisheiten zu einer Art Leitfaden für die mentalen und emotionalen Hürden des Leben im Hier und Jetzt zu machen: eine Kunst, die kaum jemand so perfekt beherrscht wie Simon Joyner.

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Surfempfehlung:
simonjoyner.net
facebook.com/simonjoynermusic
simonjoyner.bandcamp.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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