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Konzert-Bericht
 
Überwältigend

The Wrens

Köln, Gebäude 9
01.04.2006

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The Wrens
Wenn man über 100 Shows pro Jahr (und das jedes Jahr) sieht und Konzertgänge in gewisser Weise eher als Job denn als Hobby betrachtet, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass man nach Hause kommt und denkt: "Wow, so etwas Überwältigendes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!" Anfang April war so ein Tag. Anfang April spielten The Wrens in Köln. Und es war nicht irgendein Konzert, sondern die Rockshow des Jahrzehnts. Mindestens.
Aber der Reihe nach. Der Anfang ist verhalten, geradezu behäbig. Die Gitarristen Charles Bissell und Greg Whelan stehen - rechts und links außen - alleine auf der Bühne und sorgen für einen sphärischen instrumentalen Beginn. Nett, aber unscheinbar. Und in keinster Weise eine Vorwarnung auf das, was kommt: Plötzlich stürzt Bassist und Sänger Kevin Whelan mitten im zweiten Song auf die Bühne, das Gesicht verhüllt von einem überdimensionierten Kapuzenanorak, und brüllt sich erst einmal die Seele aus dem Leib, während er dabei wie das Duracell-Häschen über die Bühne hüpft. Der erste Song mit seiner Beteiligung ist kaum zu Ende, da hat er seinen Bass schon durch die Luft geschleudert, hat die Monitorboxen am Bühnenrand erklommen und ist - obwohl den ganzen Abend kein zusätzlich wärmender Scheinwerfer auf ihn gerichtet ist - bereits schweißgebadet.

Bei jeder anderen Band sorgt ein fulminanter Start für gewöhnlich dafür, dass sich der "Sicherheitsabstand" zwischen Bühne und Reihe 1 schlagartig verringert. Hier bleibt das Publikum wie angewurzelt stehen - aus Ehrfurcht, versteht sich. Einige Zuschauer lachen im ersten Moment sogar. Noch nicht einmal über Kevins Outfit, sondern ob der unerwarteten Urgewalt, die sich da kaum eine Armlänge vor uns entlädt. Die Energie, die die vier Herren Ende 30 - schließlich gibt es die Wrens schon weit über 15 Jahre - im Gebäude 9 an diesem Abend freisetzen, ist einfach unfassbar. Selbst liebenswerte Verrückte wie Trail Of Dead oder The Posies sehen dagegen wie brave Schuljungen aus. Selbst die skeptischsten Zuschauer werden von den Wrens einfach mitgerissen, von dieser Welle aus Sound, Power und Sympathie, die von den Amerikanern ausgelöst wird. Wenn sich Kevin gleich mehrfach wortreich beim Publikum für das Erscheinen bedankt oder an die erste, für die Band so motivierende Europa-Reise vor elf Jahren erinnert, klingt das keinesfalls wie Rockstar-Blabla, sondern scheint wirklich von Herzen zu kommen. Selbst als er sagt, die Kölner seien das bestaussehende Publikum, vor dem die Wrens je aufgetreten seien, nimmt man ihm das gerne ab.

Womöglich gerade deshalb, weil man sich nicht daran erinnern kann, jemals eine Band gesehen zu haben, die nach anderthalb Jahrzehnte immer noch so viel Spaß auf der Bühne hat. The Wrens spielen jeden einzelnen ihrer Songs, als gäbe es kein Morgen. Schon beim Soundcheck sind sie Ohrenzeugen zufolge in doppeltem Tempo durch ihren heimlichen Hit "This Boy Is Exhausted" gestürmt, und auch bei der Show fällt es bisweilen schwer, die Songs zu dechiffrieren. Mit den keinesfalls schlechten Platten des Quartetts - zuletzt die bei uns mit zwei Jahren Verspätung erschienene Großtat "The Meadowlands" - hat dieser bisweilen wahnwitzige Auftritt jedenfalls wenig zu tun.

"Faster Gun" lässt sich als eines der vielen Highlights ausmachen, nicht nur, weil Kevin auf die knapp zwei Meter hohe Bassbox klettert (und natürlich auch wieder herunterspringt). Bei einer anderen Nummer, es dürfte "Boys You Won't Remember" gewesen sein, steht plötzlich ein halbes Dutzend Zuschauer mit auf der Bühne, die Drummer Jerry MacDonnell während des Songs mit allerhand Drumsticks, Rasseln und Maracas ausstattet, um die Rhythmusgruppe zu verstärken! Jerry drischt derweil so sehr auf sein Schlagzeug ein, dass irgendwann das Fußpedal für die Kickdrum seinen Geist aufgibt. Also segelt das unbrauchbar gewordene Arbeitsgerät im hohen Bogen über die Bühne, während der Drummer kurz nach hinten läuft, um ein Ersatzteil zu besorgen - das alles, während die Kollegen weiterspielen, versteht sich.

Nach knapp einer Dreiviertelstunde versagt bei Kevin dann die Stimme - nach dieser intensiven Energieleistung kein Wunder. Trotzdem kommt die Band, nachdem sie uns "Fire, Fire" um die Ohren gehauen hat, noch für zwei Zugabenblöcke zurück. Zunächst lässt sich Kevin allerdings erst einmal verarzten, indem er sich, am Keyboard sitzend, von Jerry ein Fläschchen "gutes deutsches Bier" in den Rachen schütten lässt!

Das hilft wirklich, und wir kommen noch in den Genuss der ohne Frage schönsten Wrens-Nummer: Das sich unaufhaltsam steigernde "She Sends Kisses". Nach 80 Minuten geht dann das Licht an, aber der erstaunliche Auftritt der Wrens ist noch lange nicht zu Ende. Nach dem Konzert signiert die Band nämlich nicht nur alles, was nicht fest am Boden angeschraubt ist, nein, sie verteilt sogar noch handgemachte Kopien ihrer ersten beiden, lange vergriffenen Alben "Silver" und "Secaucus" - für lau! In England hatten sie wenige Wochen zuvor sogar ihre - übrigens äußerst hübschen - T-Shirts VERSCHENKT. Wie geil ist das denn bitte?

Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Europa-Auftritte - weitere Konzerte in Deutschland folgen im Mai und Juli - für die Band einen finanziellen Kraftakt darstellen: Donnerstagabend hatten sie sich in New Jersey auf den Weg gemacht, waren Freitagmorgen in Frankfurt eingetroffen, hatten abends in Münster eine nicht weniger sensationelle Show im Gleis 22 abgeliefert, waren am Samstag nach Köln gefahren, hatten dort alles in Schutt und Asche gelegt und würden keine 10 Stunden später schon wieder im Flieger zurück nach Amerika sitzen! Aber wie gesagt: The Wrens sind einfach unvergleichlich!

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Surfempfehlung:
www.wrens.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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