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Jesus zum Abendessen

Nada Surf

Bochum, Matrix
14.04.2006

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Nada Surf
Als Nada Surf zum Auftakt ihrer diesjährigen Deutschlandtournee letzte Woche in Köln ein kurzes Set bei der 20. Rocknacht ablieferten, vermutete der Kollege Ullrich Maurer, das gestraffte Programm sei daran schuld gewesen, dass das New Yorker Trio in "Nach mir die Sintflut"-Manier rockte. Bei ihrem Auftritt am Karfreitag in Bochum standen Matthew Caws, Daniel Lorca und Ira Elliot dagegen knapp zwei Stunden auf der Bühne - und rockten dennoch kurzerhand alles weg.
Aggressiv waren Nada Surf zwar auch schon gewesen, als wir sie vor knapp einem Jahr zu Beginn der "This Weight Is A Gift"-Tournee in Boston gesehen hatten, doch während die neuen Songs am Anfang der weltumspannenden Gastspielreise noch geradezu filigran klangen, war nun alles R.O.C.K. Klar, der Opener "Popular" - ist es nicht herrlich, wenn Bands ihren größten, ungeliebten Hit gleich zu Beginn aus dem Weg räumen? - verlangte nach maximaler Angriffslust und Lautstärke, doch von diesem Konzept wichen die drei auch dann nicht ab, als bisher eher für grazil gehaltene Songs wie "Inside Of Love" oder "Fruit Fly" auf dem Programm standen. Selbst "80 Windows" war kurz davor, sich am Ende zu einer Feedback-Orgie auszuweiten. Überhaupt spielte die Band ihre Songs technisch ziemlich unsauber, was vielen Stücken allerdings eher zum Vorteil gereichte, nach dem Motto: Raue Schale, weicher Kern.

Große Worte mussten die drei deshalb nicht machen. Lediglich zum Thema Ostern ließen sie sich etwas länger aus und plauderten aus dem Nähkästchen. Den Zusammenhang zwischen flauschigen Häschen und dem Osterfest konnte Matthew zwar auch in Bochum niemandem erklären ("Diese Frage stelle ich mir jedes Jahr um diese Zeit wieder neu"), dafür erfuhren wir, dass Mama Lorca aus Protest gegen gängige Ostertraditionen an den Feiertagen früher immer Hasenbraten auf den Tisch gebracht hatte, währen Ira zu Protokoll gab, man hätte zu Ostern Jesus verspeist: "Aber wir sind in der Hinsicht etwas seltsam". Und auf den Einwand Matthews', dass man ja eigentlich am Karfreitag keine laute Musik spielen sollte, hatte Ira ebenfalls eine passende Antwort parat: "Das ist schon okay, denn ich bin jüdisch!"

Nach dem kleinen Anekdoten-Intermezzo ging es allerdings unvermindert laut und heftig weiter: Zumindest aus den letzten beiden Alben (die spielten Nada Surf nämlich praktisch beide komplett) fehlte wirklich kein Hit, und die Ungeduldigen im Publikum, die schon zu Beginn des Abends nach Frühwerken wie "Amateur" und "Stalemate" verlangt hatten, wurden gegen Ende des Konzerts dann auch noch belohnt. Überhaupt schien das Programm sehr darauf ausgelegt gewesen zu sein, das Publikum glücklich zu machen, denn eigentlich gab es nur zwei Songs zu hören, die man bisher nicht mit "Nada Surf" und "heimlicher Hit" in Verbindung gebracht hatte. Einmal die wirklich schöne Coverversion von The Smiths' "There's A Light That Never Goes Out" (eine Nummer, die, den andächtig-begeisterten Blicken nach zu urteilen, dem vornehmlich jungen Publikum in den vorderen Reihen womöglich eine neue Welt eröffnete) und das Kinderlied "Meow Meow Lullaby".

Etwas beschaulicher wurde es dann interessanterweise ausgerechnet bei der Zugabe. Da standen mit dem großartigen "Blizzard Of 77" und dem wunderbar sanften "Let Your Legs Grow" nicht nur zwei (Fast-) Solosongs Matthews auf dem Programm, sondern auch "Blonde On Blonde", die vielleicht einzige Nummer, bei der sich die drei etwas mehr zurücknahmen und nicht Subtilität durch Lautstärke ersetzten. Dafür war dann allerdings bei Songs wie "Imaginary Friends" oder "Hyperspace" zum Schluss noch genügend Raum. Will meinen: Dem Tinnitus wieder ein Stück näher gekommen, aber dafür immerhin ein weiteres perfektes Nada Surf-Konzert gesehen!

Vor dem Auftritt in Bochum standen Nada Surf am 13.04.06 in Bremen (Schlachthof) und am 15.04.06 im Hamburger Grünspan auf der Bühne - Gaesteliste.de war auch dort vor Ort:

Wer hätte das gedacht? Nachdem Nada Surf erst im November im vollgepackten Hamburger Logo schwitzende Menschen mit süßen Melodien und Stromgitarre beglückt hatten, gab es nun gleich zwei Konzerte in Norddeutschland, und beide waren - Achtung Unterteibung! - sehr gut besucht.

So lief in Bremen dann auch alles glatt. Die bis unters Dach gefüllte Kesselhalle im Schlachthof stand schon Kopf, als die drei New Yorker mit dem unvermeidlichen "Popular" loslegten. Schnell folgten "What Is Your Secret?", "Killian's Red" und ein unheimliches "80 Windows". Nebenbei erwähnte Matthew Caws, dass seine Großmutter ein paar Jahre in Bremen gelebt habe. Doch es lag nicht an irgendwelchen Anbiederungen, dass das breit gefächerte Publikum mehr als zufrieden war, sondern schlichtweg an der Qualität von Songs wie "Blizzard Of '77" oder dem immer wieder fantastischen "Blonde On Blonde". So gingen scheinbar alle mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause, egal ob 16-jährige Mädchen in Nylonstrümpfen und bunten Chucks oder alternde College-Rocker mit Haarausfall und ausgebleichtem Pearl Jam-Shirt. Und das alles wegen drei Herren, von denen zumindest zwei von weitem aussehen, als wären sie 15 Jahre jünger als sie eigentlich sind. Unfassbar.

Dass das Hamburger Konzert zwei Tage später wegen anschließender Disko schon kurz vor sieben anfing, wussten dummerweise nicht so viele, und daher spielten Clovis nur vor einer Hand voll Leuten. Diejenigen, die schon früh im Grünspan waren, wurden jedoch spätestens belohnt, als sich zu den beiden sympathischen Spaniern noch Matthew Caws und Ira Elliot gesellten und man zusammen "Mundo" spielte. Eine weitere, offenbar nicht allzu spontane Kollaboration gab es dann, als die sehr verheißungsvollen Engländer von Goldrush vor sich langsam aber sicher füllender Halle Unterstützung aus dem Publikum holen wollten. Freiwillig meldete sich ein gewisser Günther, der Nada Surf-Drummer Ira Elliot zum Verwechseln ähnlich sah, für einen Song auf die Kuhglocke eindrosch und Jägermeister aus der Flasche trank. Die Party erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt, als Nada Surf später "Blankest Year" spielten und alle Mitglieder von Clovis und Goldrush auf die Bühne stürmten, um zu tanzen. Wenn man doch bei diesem Song nicht immer an Autowerbung denken müsste...

Es spricht für diese Band, dass man mit technisch absolut minimalem Aufwand (Schlagzeug, Gitarre, Bass) und ausschließlich mit guten Songs eine derart umwerfende Show abziehen kann. Okay, Matthew hat den Anfang seines Gitarrensolos in "What Is Your Secret?" vergeigt, aber was solls, wenn an diesem Abend der perfekte Popsong in so greifbarer Nähe schien? Nada Surf sind unterwegs nach oben, und so wie es jetzt aussieht, könnten sie es tatsächlich schaffen. Wir würden es ihnen gönnen.

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Surfempfehlung:
www.nadasurf.com
Text: -Simon Mahler (BO) / Christian Spieß (HB / HH)-
Foto: -Simon Mahler-


 
 

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