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Konzert-Bericht
 
Seltsam (schön)


Isobel Campbell
Euros Childs

Köln, Prime Club
04.05.2006

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Isobel Campbell
Arme Isobel Campbell! Das war nicht wirklich ihr Tag! Zum einen hatte im Gegensatz zu ausgezeichneten Besucherzahlen anderenorts in Deutschland Indierock-Köln entschieden, geschlossen zu Hause zu bleiben - oder vielleicht den bisher schönsten Tag des Jahres im Biergarten zu verbringen. Zum anderen hatte die ehemalige Belle And Sebastian-Mitstreiterin bei ihrem Gastspiel in der Domstadt auch noch Stimmprobleme, was sie offensichtlich selbst am meisten störte und sie vor allem während der ersten Hälfte ihres Auftritts etwas griesgrämig dreinschauen ließ.
Ausgezeichnet aufgelegt war dagegen Euros Childs, der das Vorprogramm bestritt. Sein erstes Album abseits der liebenswerten Gorky's Zygotic Mynci, "Chops", ist zwar bisweilen etwas eigensinnig, aber auf der Bühne gelang es dem walisischen Tausendsassa mit gerade einmal zwei Mitstreitern (die allerdings beide mehrere Instrumente teils gleichzeitig bedienten), eine feine und vor allem äußerst unterhaltsame Performance abzuliefern. Am Anfang standen zwar etwas schwer verdauliche Zirkusmusikanwandlungen, aber spätestens, als Childs begann, in herrlich breitem Akzent die Stories seiner in walisischer Mundart vorgetragenen Songs zu erklären - die mal aus der Sicht eines Kleinkindes geschrieben waren und mal von "drei Beerdigungen zum Preis von zweien" handelten (sofern uns Childs da nicht verkohlt hat) - musste man ihn einfach lieb haben. Das i-Tüpfelchen war dann ganz zum Schluss noch ein rockiges Cover des obskuren Bridget St. John-Songs "If You've Got Money". Herrlich!

Damit war eigentlich alles bereit für den ersten Tourneestopp von Isobel Campbell in diesen Breiten. Jahrelang hatte sich die Schottin dagegen gewehrt, auf Tour zu gehen, und obwohl der Kölner Auftritt ohne Frage nett und charmant war, konnte man ihre bisherige Abwehrhaltung bisweilen ein wenig verstehen. Denn auch wenn sie ohne Zweifel zeitlos schöne Songs zwischen Country und 60s-French-Pop schreiben kann, die geborene Frontfrau ist sie nicht gerade, bzw. sie will es einfach nicht sein. Deshalb ordnete sie sich ihrem ausgezeichneten Ensemble fast ein bisschen zu sehr unter. Da an diesem Abend ihr aktuelles Duettalbum "Ballad Of The Broken Seas" im Mittelpunkt des Interesses stand, der eigentliche Gesangspartner Mark Lanegan aber nicht zur Verfügung stand, übernahm Vaselines-Legende Eugene Kelly den männlichen Vokalpart - und brachte mit dem Multiinstrumentalisten David McGowan und dem Drummer Dave Gormley auch gleich noch seine eigene Band mit, die für die Isobel-Tour um den mit Opa-Hut angetretenen Leadgitarristen Jim McCulloch (früher Soup Dragons, zuletzt bei The Green Peppers) ergänzt wurde.

Doch auch wenn sich Kelly redlich Mühe gab, nicht aufzufallen (er stand in schlichten schwarzen Klamotten, mit Brille und unrasiert auf der Bühne), hatte er nicht nur eine wesentlich größere natürliche Bühnenpräsenz als Campbell, sondern auch musikalisch einfach größeren Anteil am Geschehen. Oft, für eine Headlinerin fast zu oft, begnügte sich Campbell damit, ein paar nette gesangliche Harmonien beizusteuern, ein paar Takte auf dem Cello zu spielen oder das Tamburin zu schwingen.

Deshalb klang vieles zwar angenehm nach Nancy & Lee, aber auch ein wenig unspektakulär. Warum zum Beispiel die Plink-Plonk-Pianonummer "Dusty Wreath" im Programm war, dafür aber fast nichts aus Campbells hörenswertem Solodebüt "Amorino", verwunderte schon etwas. Aus besagtem Album gab es nur einen einzigen Song zu hören, treffenderweise "Time Is Just The Same", schon auf dem Album ein Duett mit Kelly. Von der Uptempo-Nummer "Honey Child" einmal abgesehen, waren die wahren Highlights des Abends interessanterweise nicht auf Platte erhältlich: Das dank McGowan an der Pedal Steel authentisch countryeske "Love Hurts" beispielsweise, an dem sich vor über 30 Jahren schon Gram Parsons und Emmylou Harris versucht hatten, das brandneue, auf der USA-Tour bereits bei einigen Radiosessions gespielte "Might Have Been" oder die Johnny & June-Nummer "Time's A Wastin'". Eigensinnig sicherlich auch die Entscheidung, Kelly mit "Wedding Dress" noch eine Mark Lanegan-Solonummer (aus dessen "Bubblegum"-Album) singen zu lassen - als wenn es nicht gereicht hätte, dass der Amerikaner bei fast einem Dutzend weiterer Songs schon "gefehlt" hatte.

Ob es daran gelegen hat, dass das Tempo gegen Ende des Auftritts ein wenig anzog, oder an den Zwischenrufen, mit der einige im Publikum der merklich unsicheren Campbell ihre Liebe gestanden - zum Schluss taute die Gute dann doch noch ein wenig auf, es huschte sogar manchmal ein Lächeln über ihr Gesicht, und sie erlaubte sich vor dem letzten Song sogar noch den Scherz, dass einst Nirvana die Nummer ruiniert hätten, die sie sich als letztes Highlight aufgehoben hatte: Da trällerte sie zusammen mit Kelly nämlich noch den von Kurt Cobain und Co. unsterblich gemachten Vaselines-Song "Son Of A Gun" und hatte daran sichtlich Spaß.

Mag sein, dass wir mit falschen Erwartungen zu diesem Konzert gegangen sind, aber eine etwas aktivere Rolle Campbells hätte dem Abend sicherlich gut getan. Nichts gegen Eugene Kelly! Dass der Mann großartig ist, müssen wir nicht extra betonen, aber wenn er schon praktisch der Frontman der Band ist, die auf der Bühne steht, hätte man natürlich lieber seine eigenen Songs gehört, als seine Interpretation des Lanegan'schen Gegrummels. Das alles war ein bisschen seltsam, aber irgendwie passte es natürlich auch zur leicht verschrobenen Art Campbells, und deshalb war letzten Endes wohl doch alles richtig so, wie es war.

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Surfempfehlung:
www.isobelcampbell.com
www.myspace.com/isobelcampbell
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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