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Geschichtenerzähler par excellence

Jason Collett & Paso Mino

Tourtagebuch Europa 2006

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Jason Collett
Ziemlich leer war es an diesem Abend im Duisburger Hundertmeister (10.05.06), doch dafür war das "richtige" Publikum da: Nicht irgendwelche Hipster nämlich, die unverbindlich auschecken wollten, was Jason Collett abseits des Broken Social Scene-Hypes als Solist so alles kann, sondern Menschen, die wissen, dass Collett auf Solopfaden ein ganz ausgezeichneter Singer / Songwriter alter Schule ist. Ein Publikum also, das sich eher an den Stehtischen am Rande des Saals postierte, anstatt vor der Bühne die ersten Reihen zu bevölkern.
Collett nahm das allerdings mit Humor und "bedankte" sich lächelnd für den breiten Graben zwischen Band und Publikum: "Das gibt mir genug Raum, wenn ich im weiteren Verlauf des Konzertes meine Breakdance-Performance durchziehe." Solche Gimmicks brauchte der Kanadier natürlich nicht, denn neben seiner ausgezeichneten, weil traumhaft eingespielten Backingband Paso Mino hatte er auch jede Menge Songs im Gepäck, mit denen er das Publikum zu verzaubern wusste. Folk-Zeugs wie "These Are The Days", sommerliche Pop-Ohrwürmer wie "We All Lose One Another", indierockigere Momente wie "I'll Bring The Sun" oder abgehangene Country-Rocker wie "Pavement Puddle Stars".

Doch auch wenn diese Nummer als letztes Lied auf der Setlist stand, war noch lange nicht Schluss. Collett kam nämlich nur mit der Akustikklampfe bewaffnet zurück, um alleine weiterzumachen. Eigentlich hatte er nur geplant, ein, zwei Songs solo zu spielen, aber er hatte so viel Spaß, dass daraus gleich ein halbes Dutzend wurde. Woher er die Songs nahm, ist dagegen nicht ganz klar. Ein Großteil davon ist jedenfalls auf seinen beiden Alben als Solist nicht zu finden. Dabei war sein Vortrag als waschechter Folkie und Storyteller alter Schule eigentlich das Highlight eines an Höhepunkten wahrlich nicht armen Konzertes, und das nicht nur, weil er mit seinem abgewetzten Anzug, dem Wuschelkopf, dem gen Boden gerichteten Gitarrenhals und der Körpersprache – bewusst oder nicht - mehr als einmal den frühen Bob Dylan originalgetreu imitierte.

Mit der Broken Social Scene war er derweil zwar qualitativ auf Augenhöhe, stilistisch war er dagegen - anders als seine viel mehr im Hier und Jetzt verankerte Band - eher am klassischen Sound der 60er und 70er interessiert und an den nicht zuletzt oft amüsanten und stets kurzweiligen Geschichten, die er zu erzählen hatte. Wie die von seiner Highschool-Liebe (Chrystal hat sie wohl geheißen), vom Doperauchen auf dem Schulparkplatz und einem feuergefährdeten Polyesterpullover (ja, das hing alles irgendwie zusammen!), mit der er ganz zum Schluss "Almost Summer" einleitete. Nach dem Konzert erzählte er noch, dass er es kaum abwarten könne, bis in Berlin und beim Immergut auch seine Broken Social Scene-Kolleginnen Leslie Feist und Amy Millan dabei wären. Dann würde es richtig gut. Er meinte wohl eher: Noch besser, denn schon das Konzert in Duisburg war einfach fabelhaft.

Europatournee 04.05. - 04.06.2006

"Der beste Mittwoch, den ich überhaupt haben kann, ist eine Dienstagnacht", lacht Jason Collett und erfüllt bereits zu Konzertbeginn eines der wichtigsten Rockstar-Klischees. Er weiß nicht mehr, welcher Wochentag es ist. Daher - nur für's Protokoll - es ist Dienstagabend, der 23. Mai 2006, im Dresdner Starclub. Aber wen kümmert das schon. Was zählt, ist die Musik und hier weiß Collett wirklich zu punkten. Von einer intellektuell entzückten Fachpresse bereits zum neuen Bob Dylan ausgerufen, will der kanadische Singer / Songwriter so gar nicht in das Bild eines einsamen Protestbarden mit Akustikklampfe passen. Jeder seiner Songs auf "Idols Of Exile" ist durchtränkt mit einer lässigen wie genre-untypischen Coolness. Sie kokettieren mit jugendlichem Charme und deutlicher Sprache, während sie das Beste aus lupenreinem Americana, funkelnden Pop-Perlen und ehrlichem, handgemachten Rock herausholen. Live bedeutet das vor allem eines: eine ordentliche Party. Und so zeigt das eine X-tel des umtriebigen Indie-Kollektivs Broken Social Scene auf seiner einmonatigen Europatournee, warum ihn in Kanada und den USA zwischen 800 und 1.000 Leute sehen wollen. Pro Konzert versteht sich, nicht eine komplette Tour aufrechnend.

Der Anlaufhafen Deutschland - allein zwölf seiner 27 Gigs bestreitet er hier - ist bei weitem nicht so ergiebig. Egal ob in Städten wie Berlin, Karlsruhe oder Dresden, in der schwäbischen Provinz oder bei Festivals im Norden - mehr als eine Hand voll Zuschauer verirrt sich kaum zu seinen Auftritten. Doch das nimmt er mit Humor und droht einen "Singer-Songwriter-Breakdance" in den leeren Reihen vor der Bühne zu zeigen, sollten die wenigen Anwesenden nicht zumindest näher kommen. Man folgt der Aufforderung, es kann losgehen.

Auch seine Backing-Band Paso Mino agiert so souverän, dass man fast versucht ist, die abstruse Geschichte zu glauben, die um das Aufeinandertreffen der Musiker - vornehmlich im Internet - herumgeistert. Mutmaßlich kannten Paso Mino nicht nur Colletts Songs bereits aus dem ff, ohne je mit ihm gespielt zu haben, sie hatten diese auch mit eigenen Arrangements versehen. Der ebenso überraschte wie überrannte Künstler konnte nicht anders, als die junge Band zu engagieren.

Wer Glück hat, erlebt während der Tour weitere überragende (Gast-) Auftritte. Ab dem Berliner Gig ist Amy Millan von der Montréaler Alternative-Popband Stars mit von der Partie. Sie gehört wie Collett zum aufstrebenden Label Arts & Crafts, von dem momentan jede Hoffnung auf die Erlösung vom Mainstream-Einheitsbrei auszugehen scheint. Das haben auch die Booker des Immergut Festivals begriffen, die freudestrahlend den halben Musiker-Katalog der Plattenfirma für ihr ausverkauftes Spektakel gebucht haben. Collett ergreift ebenfalls die Chance und lädt kurzerhand auch den Posaunisten der Stars, Evan Cranley, ein, mit ihm zu spielen. Und so wird es beim Abschlusskonzert der Tour im Amsterdamer Rock-Tempel Paradiso zeitweilig richtig eng auf der Bühne - und sogar noch eine Spur gelöster.

Am Ende steht Colletts Erkenntnis: "Ich spiele gern, es macht Spaß. Da kommt es nicht darauf an, wie viele Leute im Publikum sind. Es sind einfach noch ein oder zwei Jahre nötig, bis wir auch hier richtig bekannt sind." Bodenständig ist er ja, dieser Jason Collett, der hauptberuflich eigentlich mehr Zimmermann und Familienvater als Rockstar ist. Im Herbst, wenn sein neues Haus fertig ist, so verspricht er, kommt er wieder nach Europa zurück und macht das, was er am besten kann: Musik.

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Surfempfehlung:
www.arts-crafts.ca/jasoncollett/
www.myspace.com/jasoncollettmusic
Text: -Carsten Wohlfeld (DU) / Elisa Reznicek (Europatournee)-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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