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Konzert-Bericht
 
Kult in Reinkultur

Frances McKee
Eugene Kelly/ Bridget Storm

London, The Luminaire
17.06.2006

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Frances McKee
Schaut man im Lexikon unter "Kultband" nach, findet man ganz bestimmt ein Foto der Vaselines. Als Frances McKee und Eugene Kelly vor inzwischen fast zwanzig Jahren ihre ungelenk-sympathischen Indie-Hymnen schrieben, interessierte das selbst daheim in Schottland nur die wenigsten. Zwei Singles und ein Album veröffentlichten sie zwischen 1987 und 1989, doch obwohl nur in minimaler Auflage erschienen, wollte die Platten so recht niemand kaufen. Nur ein junger Mann im Nordwesten Amerikas war völlig fasziniert und erzählte jedem, der es hören wollte, dass die Vaselines seine Lieblingsband seien. Da dieser Mann Kurt Cobain hieß und kurz darauf seine Platte "Nevermind" erschien, hörten ihm ziemlich viele Menschen zu. Zu dem Zeitpunkt jedoch, als Nirvana auf ihrer Compilation "Incesticide" zwei Vaselines-Songs coverten und einen dritten Kelly / McKee-Song bei ihrer MTV Unplugged-Performance unsterblich machten, hatten sich die Vaselines längst aufgelöst.
16 Jahre nach ihrem letzten Konzert kam es nun zu einem geradezu historischen Ereignis in London. Anlässlich der Veröffentlichung ihres neuen Albums "Sunny Moon" ging Frances McKee nämlich auf eine kurze Vier-Daten-Tournee, und als Special Guest war kein Geringerer als Eugene Kelly dabei! Eröffnet wurde der Abend allerdings von Julie McLarnon alias Bridget Storm, die leider ein bisschen zu nervös war, sodass ihre simplen, aber effektiven Folksongs - vorgetragen mit Akustikgitarre und Cellobegleitung - ihre Wirkung nicht voll entfalten konnten. Allerdings passte das gewissermaßen ganz hervorragend zum Rest des Abends, immerhin standen The Vaselines früher auch für eine ganz besonders charmante Form des couragierten Dilettantismus.

Danach stand dann Eugene "Ich komme aus Schottland, aber das könnt ihr vermutlich schon an meinem armseligen Akzent erkennen" Kelly auf der Bühne und bewies dabei nicht nur sein Können als Songwriter, sondern vor allem auch Entertainerqualitäten mit nicht selten subtilem Witz. Fast nach jedem Song suchte er den Dialog mit dem Publikum. Dabei ließ er sich weder von der knalligen (und damit ungemein schweißtreibenden) Ausleuchtung der Bühne noch von den Auswirkungen einer Lebensmittelvergiftung aus dem Konzept bringen. Im Gegenteil, zuerst entledigte er sich publikumswirksam seines Jacketts und seiner Krawatte ("Das ist das erste Mal seit Jahren, dass ich mich auf einer Bühne ausziehe"), und als er dann irgendwann den Haustechniker bat, das Licht doch herunterzudrehen - es gab witzigerweise nur an oder aus, sodass Eugene den Rest der Show praktisch im Dunkeln spielte - geschah das auch mit dem Hinweis: "Das Licht muss nicht mehr an sein. Dass ich der schottische Brad Pitt bin, wisst ihr ja jetzt!"

Und natürlich waren auch die Songs - fast ausnahmslos aus seiner ausgezeichneten LP "Man Alive" - über jeden Zweifel erhaben. Der Über-Popsong "You're Having My Sex" stand gleich am Anfang, mit "Older Faster" bewegte sich Eugene, inklusive Mundharmonika, auf folkig-countryeskem Terrain, und mit einem neuen Song über den Fluss Clyde in Glasgow zeigte er zudem Heimatverbundenheit. Nur ein Fauxpas unterlief ihm: Da spielte er zwei Songs hintereinander, die er eigentlich hätte trennen wollen: "Wer genau aufgepasst hat - das war genau die gleiche Begleitung, nur etwas schneller gespielt. Damit das nicht auffällt, spiele ich die Songs eigentlich nie hintereinander, aber heute ist mir das irgendwie entfallen." Dennoch war sein Soloset gut getimt: Mit "I'm Done With Drugs" hob er sich nämlich einen seiner besten Uptempo-Songs bis kurz vor Schluss auf, und das sarkastische "Dear John" war ein ausgezeichneter Rausschmeißer. Die frenetisch geforderte Zugabe gab es trotzdem nicht. Oder sollen wir besser sagen: Noch nicht?

Danach stand nämlich erst einmal Frances McKee mit ihrem spartanisch besetzten Begleittrio -Akustikgitarre, Cello, zweite Stimme - auf der Bühne, und sie machte dort weiter, wo Eugene aufgehört hatte: Ihre Songs mögen stärker als die Solonummern Eugenes in der alten Velvet Underground-Tradition verankert sein, die schon die Vaselines vor zwei Jahrzehnten inspirierte, doch trotz der oft etwas morbid klingenden Stücke bewies auch Frances fast unerwartet viel Humor. So stellte sie gleich nach dem ersten Song "The Kindness Of Strangers" ihre Harmoniesängerin als ihre Schwester Marie vor, "obwohl ich ja eigentlich viel zu jung dafür bin, eine kleine Schwester zu haben", und bedankte sich bei Eugene, dass er trotz seiner gesundheitlichen Probleme gespielt habe: "Ich musste ihn praktisch vom Totenbett zerren." Und auch über ihre Songs verriet sie einige interessante Details. Einer zum Beispiel handelt von einem Traum, in dem Frances Sex mit dem besten Freund ihres Ehemanns hat: "Zum Glück achtet mein Mann nicht so auf meine Texte!" Bei einem anderen Stück dagegen sei sogar ihrem Mann aufgefallen, dass die männliche Hauptperson in dem Song ziemlich schlecht wegkommt. "Da hab ich ihm dann gesagt, dass das Lied nicht von ihm, sondern von, ähm, anderen Männern handelt. Das hat es nicht unbedingt einfacher gemacht!" Den Großteil des Programms machten erwartungsgemäß die feinen, gedämpften Songs von "Sunny Moon" aus. Um das Publikum etwas aufzuheitern, hatte Frances allerdings auch einen Abstecher zu ihrer nicht ganz so schwermütigen Band Suckle (mit der sie 2000 ein einziges Album auf Chemikal Underground veröffentlichte) eingebaut. Ausgelassene Fröhlichkeit herrschte allerdings auch danach nicht im Publikum, was nichts mit der Qualität des Songs, sondern eher mit seiner in diesem Arrangement abermals düsteren Stimmung zu tun hatte.

Nach gut einer halben Stunde bat Frances dann Eugene auf die Bühne, um zum ersten Mal seit 1990 mit ihm gemeinsam einige Vaselines-Songs zu spielen. "Die Tradition gebot es, dass wir für diesen Auftritt nicht geprobt haben, damit wir wirklich so klingen wie damals", verriet Eugene noch vor dem ersten Song, und Frances unterstrich die Richtigkeit dieser Aussage dadurch, dass sie umgehend um Publikumswünsche bat - zu ihrer Überraschung wollte dann jemand ausgerechnet "Monsterpussy" hören! Da bekam Frances dann doch erst einmal kalte Füße, und so ging's stattdessen mit "Molly's Lips" los, allerdings in der langsamen Folk-Version, die Frances sonst auch spielt, nicht in der Uptempo-Version des Originals: "Ihr könnt mitsingen, wenn ihr wollt!" Überraschend der nächste Song: "You Think You're A Man" ist zwar eines der effektivsten Duette des gesamten Vaselines-Katalogs, allerdings stammt die Nummer - die B-Seite ihrer ersten Single - eigentlich von Divine. "Das war nicht wirklich ein Vaselines-Song", entschuldigte sich Frances danach dann auch, bevor Eugene lächelnd meinte: "Eigentlich war es noch nicht einmal ein Song, sondern nur irgendein Geschrammel." Aber genau dafür ist die Band nun einmal berühmt!

Danach gab's noch ein unter diesen Umständen unerwartet perfektes "Jesus Wants Me For A Sunbeam" zu hören, und das war's dann auch schon - fast! Denn natürlich kamen sie noch einmal zurück (Eugene: "Das ist wohl unsere erste Zugabe überhaupt, zumeist setzte früher nach drei oder vier Songs der Flaschenhagel ein"), spielten dann tatsächlich den Publikumswunsch "Monsterpussy", "The Day I Was A Horse" (dem überraschten Gesichtsausdruck Frances' nach zu urteilen, war das eine spontane Idee Eugenes) und den ebenso unweigerlichen wie großartigen Schlusssong "Son Of A Gun". Natürlich war der Auftritt musikalisch nicht perfekt, aber das war, wie Eugene zu Beginn des Sets ja erklärt hatte, auch gar nicht unbedingt beabsichtigt. Vielmehr ging es darum, ein paar mehr Menschen als sonst ins Konzert zu locken, ihnen zu beweisen, dass Frances und Eugene auch als Solisten wunderschöne, zu Herzen gehende Songs schreiben können, und zum Schluss noch einige Hardcore Vaselines-Fans glücklich zu machen. Hat außerordentlich gut geklappt!

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Surfempfehlung:
www.myspace.com/francesmckee
www.myspace.com/eugenekellyrocks
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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