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Konzert-Bericht
 
Kein gewöhnlicher Abend

Jon Auer

Münster, Gleis 22
30.11.2006

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Jon Auer
Das Gleis 22 und The Posies - das ist schon eine ganz besondere Beziehung. Wie anders ist es zu erklären, dass der Frontman eben jener Kultband aus Seattle bei seinem Gastspiel in Münster, dem letzten Stopp der von Gaesteliste.de präsentierten Tour hierzulande, sechsmal mehr Tickets absetzte als zwei Tage zuvor in Wien und mehr als dreimal so viele wie am Vortag in Hamburg? Nun gut, dass die Vorgruppe Yesterday Oh I Forgot einen großen Fan- und Freundeskreis im Münsterland hat, half sicherlich mit, aber für einen schönen Abend war dennoch gesorgt.
Diesen Abend begann Auer dann so, wie man es hatte erwarten dürfen: Er spielte uns die Songs seines nach jahrelanger, akribischer Studioarbeit nun endlich fertig gewordenen Solo-Erstlings "Songs From The Year Of Our Demise" vor. Zunächst auf der Akustikgitarre, später auch auf der elektrischen. Wer gedacht hatte, die komplexen Songs würden in der Ein-Mann-Performance leiden, sah sich schnell eines Besseren belehrt: Wo auf dem Album der Perfektionismus Auers die Songs bisweilen noch recht uniform klingen ließ, schaffte es der Amerikaner live, die Unterschiede zwischen den Songs besser herauszuarbeiten: So wurde aus "Bottom Of The Bottle" ein richtig guter Rocksong, der durch das etwas verschärfte Tempo und den Sound der Gibson-Gitarre fraglos gewann.

Dass wir es hier trotzdem - anders als beim großartigen Auftritt der Posies an gleicher Stelle im Januar diesen Jahres - nicht mit einem Rockkonzert, sondern mit einem Singer / Songwriter-Abend zu tun hatten, unterstrich Auer vor allem zwischen den Songs: Dort redete er ausführlichst über die Entstehungsgeschichte der Songs, erzählte vom Tourleben mit den Posies ("Wir hatten 1957 mal einen Hit"), von morgens vom Vorabend betrunkenen Bassisten und von der Erholung, die seine aktuelle Solotournee, im Vergleich zum Unterwegssein mit einer kompletten Band, darstellt, wenn man außer ein paar Gitarren und einem Iron Maiden-Boxset keine Begleiter auf Reisen hat.

Das passte zu den oft sehr persönlich gefärbten Songs ("Josephine" handelt von der Suche seines Vaters nach dessen leiblicher Mutter, "Angelita" schrieb er für seine Frau Michelle und benannte den Song nur nicht nach ihr, weil ihm die Beatles bereits zuvorgekommen waren), und deshalb war es auch durchaus verständlich, dass sich einige durch die Unterhaltungen an der Bar gestört fühlten, wo die Anhänger der Supportband ihren Helden feuchtfröhlich und lautstark huldigten. Was machte Auer also? Nach fünf neuen Songs stöpselte er seine Gitarre aus, lief zur Bar hinüber, bat die Menschen dort um ihre Aufmerksamkeit, kletterte auf einen Stuhl und spielte fernab der Bühne völlig unplugged mal ganz locker einen der größten Posies-Hits - "Throwaway"!

Doch das war nicht die einzige ungewöhnliche Aktion des Abends. Gleich im Anschluss suchte Auer nach einem Schlagzeuger im Publikum, den er schließlich in Andreas, dem Schlagwerker der Vorgruppe, fand. Der war fast schon auf dem Weg in den Backstageraum, um sein Instrument zurück auf die Bühne zu holen, als ihm Auer erklärte, dass es durchaus reichen würde, wenn man ein Mikro in den leeren Gitarrenkoffer legen und den Beat darauf mitklopfen würde. Also gab's "You Used To Drive Me Around" in einer Duo-Version, und weil der - von Auer übrigens augenzwinkernd als John Bonhams Vorgänger bei Led Zeppelin angekündigte - Gast-Percussionist etwas überqualifiziert war und sich keineswegs auf das von ihm Geforderte, den Beat einem Drumcomputer gleich durchzuhalten, beschränkte, durfte er dann sogar noch ein Gitarrenkoffer-Drumsolo spielen und Auer begleiten, als der Song plötzlich zu "Smoke On The Water" mutierte.

Damit war das Konzert zwar erst halb vorbei, aber der offizielle Teil, in dem es darum ging, in erster Linie die "Songs From The Year Of Our Demise" vorzustellen, war damit praktisch beendet, sieht man einmal davon ab, dass sich Auer mit dem wunderbar balladesken "Wicked World" und "Six Feet Under" zwei vereinzelte Highlights für die zweite Hälfte des Konzertes aufgehoben hatte. Also gab's statt Auer-Solo-Songs für den Rest des Abends vornehmlich Posies-Klassiker à la "Flavor Of The Month" und - einigermaßen überraschend - "Daily Mutilation" zu hören, Letzteres mit einem großartigen, vom Soundman spontan eingespielten Echo von Stadionrock-Format.

Sogar Wünsche durften geäußert werden, wobei Auer dem Publikum in Münster die Auswahl zwischen einem Ween-Song ("Baby Bitch") und einem von Big Star ließ, was zur Folge hatte, dass Ween keine einzige Stimme bekamen. Das war vermutlich auch ganz gut so, denn bei allen Qualitäten Weens - einen Song wie Alex Chiltons "Thirteen" haben sie ganz sicher nicht geschrieben. Zum Schluss des regulären Sets präsentierte Auer uns dann noch - kein Witz! - Queen Latifahs Lieblings-Depri-Ballade, "Coming Right Along" von den Posies (!), bevor er sich für die eigentlich einzige Zugabe abermals unverstärkt ins Publikum begab, um einen letzten Posies-Song, "Conversations", zu spielen und dabei noch einen richtig guten Singalong im Publikum zu entfachen.

Danach hätte eigentlich Schluss sein sollen, aber in Münster geht nun mal kein Konzert aus dem Posies-Umfeld ohne große Überraschungen zu Ende. Also kramte Auer für eine zweite Zugabe einen Zettel hervor, pappte den eigens ausgedruckten Songtext auf seinen vor ihm liegenden Gitarrenkoffer und bat das Publikum darum, die Feuerzeuge herauszuholen, denn der letzte Song sei "a total classic rock song". Da hatte er nicht zu viel versprochen, denn er spielte als letzte Nummer doch tatsächlich "Wild Horses" von den Rolling Stones! Ein schönes Konzert war der über anderthalbstündige Soloauftritt auch schon vorher gewesen, doch das war ganz ohne Zweifel das Sahnehäubchen und der schlagende Beweis, dass nicht nur Auers Posies-Kollege Ken Stringfellow solo immer für Überraschungen gut ist!

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Surfempfehlung:
www.jonauer.com
www.myspace.com/jonauermusic
www.theposies.net
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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