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Konzert-Bericht
 
Maximaler Wohlfühlfaktor

Lionel Richie

Oberhausen, Arena
02.03.2007
Lionel Richie
Als vor einigen Jahren Simon And Garfunkel auf ihrer Reunion-Tournee nostalgische Gefühle in die Kölnarena trugen, schrieben wir an dieser Stelle, dass es zumindest vom Wohlfühlfaktor her das Konzert des Jahres gewesen sei. Ganz ähnlich war es nun beim Tourauftakt von Lionel Richie in Oberhausen. Man kann über seine Musik denken, was man will, ein großer Entertainer, der sich selbst durchaus nicht immer so ernst nimmt, ist der frühere Kopf der Commodores auf jeden Fall. Und trotz künstlerisch wie kommerziell auf dem absteigenden Ast befindlicher Platten sind seine Konzerte in den größten Hallen des Landes auch heute noch stets gut gefüllt, wenn nicht gar ausverkauft.
Erste Standing Ovations schon, als Richie gegen 20.45 Uhr die Bühne betritt. Er geht zum Bühnenrand - und strahlt. Ganz einfach, ganz natürlich. Und das Publikum tobt schon, bevor er nur einen einzigen Ton gesungen hat. Nicht aus blinder Heldenverehrung, sondern weil Richie in diesem Moment aussieht, als sei er die Vorschusslorbeeren wert. Die Show eröffnet mit einer Nummer aus dem letzten Album, "Just For You". Sicher nicht der größte Klassiker des riesigen Richie-Repertoires, aber eine Nummer, die gekonnt wie sonst nur wenige andere Songs sein Gespür für sanfte Schmusenummern und selbst fürs einfach gestrickte Rockpublikum interessante Soul-Stampfer vereint. Ein guter Einstieg! Weniger gut dagegen die Entscheidung, die belanglose Single des neuen "Coming Home"-Albums, ein Schmachtfetzen namens "I Call It Love", gleich als Zweites zu bringen. Die Stimmung ist danach jedenfalls auf dem Nullpunkt, und es dauert lange, fast schon zu lange, bis Richie seine Fans wieder auf Betriebstemperatur gebracht hat. So verpufft der Klassiker "Penny Lover" im Anschluss, und selbst als zum ersten Mal der Flügel an den Bühnerand geschoben wird und Richie den genreüberschreitenden Klassiker "Easy" spielt, ist die Reaktion nicht so überwältigend, wie man das hätte erwarten dürfen. Das verunsichert offensichtlich auch den Künstler selbst ein wenig, der bei vielen Zeilen kurz ins Auditorium horcht, um zu hören, ob ihm sein Publikum vielleicht das Singen abnehmen möchte, um dann - immer etwas zu spät - die Parts doch alle selbst zu singen. "Easy" endet mit dem letzten Ton des Saxophonsolos ungewohnt abrupt - nicht nur für das Publikum, sondern auch für den Star der Show, der mit gespielter Empörung und erhobenem Zeigefinger auf seinen Multiinstrumentalisten Dino Soldo zugeht und ihm klarmacht, dass er bitte nie, nie wieder diese Nummer so beenden solle! Als Entschädigung hängt die Band dann noch ein glitzerndes Las-Vegas-Ende dran.

Auch wenn das ohne Frage ein Showeffekt ist: Nicht bei allen Songs läuft es musikalisch hundertprozentig rund. Der Grund dafür ist allerdings denkbar einfach. Die "Coming Home"-Tour ist erst wenige Tage zuvor in Antwerpen gestartet, Oberhausen ist der zweite Auftrittsort. Richie und seine fünf Musiker befinden sich in der Arena offensichtlich noch in der Aufwärmphase. Entschädigt wird das Publikum damit, dass Richie "Oberhausen" kurzerhand zu seinem Lieblingswort erklärt und den Namen seiner Auftrittsstadt ungelogen mindestens 30 Mal erwähnt ("There are German cities and there are German cities and then there's OBERHAUSEN!"). Vielleicht bringt er diesen Gag auch an jedem anderen Abend in jeder anderen x-beliebigen Stadt, aber zumindest klingt er sehr überzeugend.

Nach knapp einer halben Stunde fällt ihm auf, dass sein weißes Hemd bereits komplett durchgeschwitzt ist, während sein - wie gesagt lange Zeit recht reserviertes - Publikum nicht viel mehr tut, als dem Star beim Transpirieren zuzusehen. Das darf nicht sein, denn: "I'm supposed to be exhausted, YOU'RE supposed to be exhausted", also wird flugs "Running With The Night" hervorgekramt, und von da an läuft alles wie von selbst. Anschließend schickt Richie seine Band von der Bühne ("Das ist nichts Persönliches, Jungs!"), weil er einige Nummern solo am Klavier spielen will, "für mich und 12 000 meiner engsten Freunde". Und genau das tut er dann auch, indem er "Still" und ein etwas verkürztes "Oh No" bringt. Wirklich textsicher wirkt er dabei nicht, aber selbst damit geht er offensiv um: Es sei immer genau ein Mensch vorne im Publikum, dem auffallen würde, dass er den Text nicht kann, und der dann so viel Unvermögen mit einem langen Kopfschütteln quittieren würde. Also verspricht Richie "so viele Texte wie möglich" fehlerfrei zu singen. Beim folgenden "Stuck On You" ist das allerdings kaum nötig, denn nun singt endlich das Publikum weite Teile des Songs und Richie kann sich aufs Klavierspielen konzentrieren.

Zwischendurch bittet er noch seinen langjährigen Konzertveranstalter Marcel Avram auf die Bühne, der an diesem Abend seinen Geburtstag feiert (und angeblich 230 Jahre alt wird), doch das ist in dem Moment egal, als Richie verlauten lässt: "There's only two ways to do this next song. You can either dance standing on the FLOOR..." - "Dancing On The Ceiling" also nach nicht einmal der Hälfte der Show, und in der Tat: "What a feeling"! Gleich danach "Three Times A Lady", der nächste imposante Singalong!

Besser kann es danach kaum noch werden, und richtig, zumindest musikalisch wird es im Anschluss etwas mau. Zu "All Around The World" schreiben wir in unsere Notizen nur ein kurzes "doofe Disco-Shownummer", doch genau die lässt die unrhythmisch tanzenden Anwaltsgehilfinnen und weltmännisch tuenden Gebrauchtwagenhändler, die in der Arena nicht nur die billigen Plätze bevölkern, so richtig durchdrehen. Noch als der Song schon lange vorbei ist, singen sie lauthals die Titelzeile, woraufhin Richie mit gespielter Ratlosigkeit von einem Musiker zum nächsten läuft und ruft: "The crowd is taking over!" Das verlangt nach einer drastischen Maßnahme, also spielen Richie und die Seinen den Song noch einmal! Nicht eine Strophe zum Scherz, nein, das komplette Stück läuft noch einmal, ebenso wie die Videoeinspielung auf der Leinwand. "That song isn't even a single", erfahren wir danach. "It just happens to be on the album. But tomorrow, it will be a single!" Eingängig ist der Song ohne Zweifel, qualitativ aber doch vergleichsweise recht billiges Entertainment ohne jeglichen Tiefgang.

Dann kündigt Richie an, einen ganz besonderen Gast auf die Bühne bitten zu wollen: Diana Ross! Die Kamera schwenkt zum Bühneneingang, doch dort steht - natürlich - niemand, schon gar nicht Miss Diana Ross! Richtig enthusiastisch hat das Publikum eh nicht reagiert, eher mit ungläubigem Staunen, was Richie als Anlass dafür nimmt zu erklären, dass Diana auch gar nicht so wichtig sei, wo er doch 10 000 Frauen im Saal habe, die den Part ebenso gut würden singen können. Also bittet er die Damen, Dianas Part zu übernehmen, was allerdings ziemlich schief geht. So muss er dann seine eigenen Zeilen singen und zwischendurch dem Publikum immer wieder Texthilfen geben - was übrig blieb, ist eine ziemlich verhunzte Version des Schmuseklassikers. Witzig dagegen: Ausgerecht bei diesem Song wirft eine Dame ein Stofftier, eine ziemlich derangiert aussehende Ente, auf die Bühne, die Richie dann bei eben diesem "Endless Love" im Arm hält. Sein Kommentar dazu: "Right in the middle of one of the sexiest songs I have ever written, a lady from the audiance throws THE DUCK on stage..." Immerhin nimmt er's mit Humor und platziert das Federtier für den Rest des Abends gut sichtbar für alle auf dem Flügel!

Danach ist es Zeit, die Fans der Commodores auf ihre Kosten kommen zu lassen. Rund ein halbes Dutzend Songs von Richies alter Band stehen auf dem Programm, von "Sail On" über "Sweet Love" bis hin zu "Brick House". Letzteres bildet dann auch das imposante Finale des Mainsets. Zwei Dutzend Songs, die meisten davon Welthits, hat das Publikum in Oberhausen schon gehört, doch das ist alles nichts im Vergleich zur Zugabe, die folgt. Einfach zum Auf der Zunge-Zergehenlassen: Die Zugabe besteht aus "Hello", "Don't Stop The Music", "Angel", "My Destiny" (leider ohne den sexy Motown-Beat des Originals), "Say You, Say Me" (mit Richie im Gegenlicht) und natürlich ganz zum Schluss "All Night Long". Wow.

Da sind dann auch die kleinen Lücken vom Anfang vergessen. Natürlich war das durchorganisiertes Entertainment, aber wie eingangs bereits angedeutet: Was den Wohlfühlfaktor angeht, war dieses weit über zweistündige Konzert nur schwer zu übertreffen!

Surfempfehlung:
www.lionelrichie.com
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Pressefreigabe-


 
 

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