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Konzert-Bericht
 
Licht und Schatten

Malcolm Middleton
Strike The Colours

Köln, Gebäude 9
02.05.2007

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Malcolm Middleton
Das Erste, was wir, kaum am Gebäude 9 eingetroffen, mitbekommen, ist, dass Malcolm Middleton das Gaesteliste.de-Interview um mehrere Stunden nach hinten verschoben hat, weil er sich vor der Show nicht in der Lage sieht, den Medien gegenüberzutreten. Das Zweite ist, dass Jenny Reeve, Multiinstrumentalistin in Malcolms Band und als Strike The Colours auch im Vorprogramm zu hören, bereits beim Soundcheck "Message In A Bottle" spielt, ihren feinen Beitrag zum an dieser Stelle just zur Platte der Woche gekürten "Ballads Of The Book"-Poetry-Projekt. So bleibt es dann auch für den Rest des Abends: Licht und Schatten liegen oft dicht beieinander.
Ihre vier Mitstreiter von Strike The Colours (darunter Idlewild-Bassist Gareth Russell) hat Jenny an diesem Abend zwar nicht dabei, dennoch steht bzw. sitzt sie nicht alleine auf der Bühne: Stevie Jones von Malcolms Band begleitet sie bei gut der Hälfte ihres kurzen Sets. Mehr als eine Akustikgitarre und Jennys Geige braucht es auch gar nicht, um ihre herbstlich-melancholischen (Folk-) Songs zum Leben zu erwecken. Musik ist ihre Sprache, denn während sie mit der Violine in der Hand ungemein souverän wirkt, präsentiert sie sich zwischen den Songs als schüchternes Nervenbündel - und das, obwohl das Publikum mehr als nur höflichen Applaus spendet.

Dass Malcolms Set danach völlig anders klingen würde als die ausgezeichneten Solo- bzw. Duoauftritte in unseren Breiten im Januar und Februar, verrät allein ein Blick auf das mitgebrachte Instrumentarium: Nicht nur, dass es hauptsächlich Stromgitarren sind, die auf der Bühne bereitstehen, es sind sogar Modelle aus dem Hause Gibson oder Fender, die sich bestens dazu eignen, es richtig krachen zu lassen. Das tut die ausgezeichnet besetzte Band - neben Malcolm, Stevie und Jenny noch Scott Simpson am Schlagzeug und Michael Scanlon am Bass - dann auch umgehend.

Doch ausgerechnet bei "Break My Heart" bricht nicht nur Malcolms Herz, es reißt auch eine Gitarrensaite. Er lächelt zwar, aber es ist wohl eher Galgenhumor. Die Band spielt instrumental noch eine Zeit lang etwas verunsichert weiter, während der Chef nach einer neuen Gitarre sucht, doch irgendwann bricht sie die Nummer ab. "Ich wusste, dass heute im Gebäude 9 etwas passiert... irgendetwas Schlechtes", murmelt Malcolm, bevor er die Musiker anweist: "Okay, noch mal ab der dritten Zeile der ersten Strophe!" Die zweite Version ist danach nicht nur viel lauter, sondern auch viel intensiver als die erste. Bei der Zeile "I don't want to sing these shit songs anymore" lächelt er schon wieder, dennoch kann man ihm ansehen, dass die Zeile an diesem Abend wohl kaum ironisch gemeint ist.

Bei "Fuck It, I Love You" und "A Brighter Beat" ist es vor allem Drummer Scott, der soundtechnisch unglaublich nach vorne drängt, als gälte es den Beweis anzutreten, dass er sein Iron Maiden-T-Shirt nicht nur zufällig trägt. Wer Malcolm zuvor als traurigen Leisetreter auf der Rechnung hatte, darf sich in Köln eines Besseren belehren lassen. Sogar die zierliche Jenny spielt keinesfalls nur die Violine und die Keyboards, sondern greift auch häufig zur Stromgitarre.

Dass ausgerechnet der druckvollste und soundtechnisch beeindruckendste Song, den Malcolm je aufgenommen hat ("Loneliness Shines"), im Gebäude 9 kraft- und emotionslos daherkommt, ist allerdings geradezu unverständlich. Als habe er selbst das auch gemerkt, wendet er sich danach "King Of Bring" aus seinem Solo-Erstling "5:14 Fluoxytine Seagull Alcohol John Nicotine" zu, das selbst in der Quintett-Version seine akustischen Wurzeln nicht verhehlen kann. "Autumn" wartet danach zwar mit einer prägnanten Piano-Figur auf, doch auch hier hält sich die Band anders als zuvor merklich zurück. Anschließend verlassen die vier Musiker sogar ganz die Bühne, und die zwei Solosongs, die folgen, sind die unbestrittenen Highlights des Abends.

Auf "Autumn" folgt - na, klar! - "Cold Winter", das schönste Lied des Debütalbums, dessen Zeilen Malcolm an diesem Abend noch bedrückender ("My life is dead and I can't see a future") und ehrlicher ("I think I need professional help to get better / This may take a while") klingen lässt als auf der Platte. Der folgende Song ist zwar ähnlich depressiv, aber dennoch eine der cleversten Nummern des Programms, nicht zuletzt ob der unglaublichen Zeile "so far, so good, sober". "Cheer Down" heißt die Nummer und ist eigentlich "nur" ein Bonustrack der limitierten Version des aktuellen Albums, in Köln allerdings - mit der Akustikgitarre anstatt am Klavier vorgetragen - erinnert der Song ein wenig an Bob Moulds emotionale Großtat "Hardly Getting Over It".

Dann kehrt die Band zurück, Malcolm greift zur Stratocaster, und gemeinsam lassen sie "Superhero Songwriter" noch sperriger klingen als auf dem Album. Danach scheint der Schotte zumindest kurzzeitig seinen Humor wiedergefunden zu haben, ruft er doch dem Mann am Mischpult zu, dass er gerne weniger Gitarre im Monitor, dafür aber mehr Leute im (spärlich gefüllten) Saal hätte! Die zumindest scheinbar gute Stimmung hält so lange, bis beim nächsten Song zum zweiten Mal an diesem Abend eine Saite reißt. Wieder versuchen die Musiker zu retten, was nicht zu retten ist, und dieses Mal macht sich Malcolm noch nicht einmal die Mühe, den Song zu beenden, als er ein neues Instrument in den Händen hält. Immerhin entschuldigt er sich auf Deutsch für sein Missgeschick.

Die erste Zugabe, den Gute Laune-Klassiker "We're All Going To Die", widmet Malcolm seinem Sinn für Humor, denn "er war der Erste, der von uns ging", und dass ausgerechnet "Happy Medium" mit der Zeile "Woke up today, realized I hate myself" am Ende des Konzerts steht, sagt viel über den Gemütszustand des Protagonisten aus. Dass Licht und Schatten nicht nur beim Kölner Konzert eng beieinander liegen, beweist übrigens der kurze Kommentar, den Malcolm auf seiner Website zur aktuellen, übrigens von Gaesteliste.de präsentierten, Gastspielreise abgibt: "Die Europa-Tournee läuft ok. Verliere langsam den Willen zu leben. Wie viel zahlt eigentlich McDonalds?"

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Surfempfehlung:
www.malcolmmiddleton.co.uk
www.myspace.com/malcolmmiddleton
www.strikethecolours.com
www.myspace.com/strikethecolours
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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