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Konzert-Bericht
 
Bob's back!

Bob Dylan

Münster, Halle Münsterland
05.04.2007
Bob Dylan
Bob Dylan mag Münster. Schon sein Konzert im Jahre 1996 in der Halle Münsterland war ganz ausgezeichnet, sein Auftritt an gleicher Stelle im Jahre 2000 dagegen zählt zu seinen besten überhaupt. Noch heute bekommen manche Anhänger ganz feuchte Augen, wenn sie von den 25 Minuten sprechen, in denen Dylan - in unfassbarer Perfektion - "John Brown", "Visions Of Johanna", "One Too Many Mornings" und "Tangled Up In Blue" hintereinander absolvierte und später am Abend - 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung - sogar noch die Skurrilität "If Dogs Run Free" als Livepremiere auf die Bühne brachte. Bob Dylan mag Münster. Grund genug, sich nach vielen eher durchwachsenen Konzerten in der Post Charlie-Sexton-Phase 2003 bis 2006 endlich einmal wieder auf eines seiner Konzerte zu freuen.
Eine Freude, die durchaus berechtigt war, wie sich zeigen sollte, wenngleich man auf die Highlights, anders als sieben Jahre zuvor, dieses Mal länger warten musste. Zwar gab es nach fast vierjähriger Pause bei den ersten Songs wieder einen gitarrespielenden Dylan zu erleben, doch auch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Band, die ihn nun schon seit einigen Jahren begleitet, unglaublich langweilig ist. Zwar ist die offensichtliche Angst, die die Musiker vor Jahren noch vor ihrem Arbeitgeber hatten, nun etwas gewichen, und Dylans Personal ist deutlich lockerer geworden, interessante Parts spielen sie deshalb aber noch lange nicht. Sollte es Dylans Intention sein, alle Instrumente wie ein einziges klingen zu lassen, so erreichte er dieses Ziel in Münster mit Bravour. Nicht nur die Instrumente, sondern bisweilen auch die Songs waren kaum zu unterscheiden. Es gab kaum Nuancen, ständig die gleichen Gitarrenfills, und selbst Songs, die früher wirklich eigenständige Arrangements hatten, wurden als bluesige 08/15-Rocker dargeboten. Das ging so weit, dass Gitarrist Denny Freeman gleich mehrfach Szenenapplaus bekam, und das nicht etwa, weil seine Darbietung besser gewesen wäre als die der nie beklatschten Gitarrengötter Charlie Sexton und Larry Campbell, sondern einfach deshalb, weil das Publikum so erleichtert war, dass die vorhersehbare Bluesstruktur zumindest zeitweise einmal aufgebrochen wurde.

Warum war es dann trotzdem ein besseres Konzert als in den Jahren zuvor? Vor allem deshalb, weil die Setlist weit weniger auf "Greatest Hits" konzentriert war. Echte Touristen hätten wohl nur drei der 17 Songs des genau zweistündigen Konzertes erkannt. Los ging es nämlich direkt mit dem obskuren "Cats In The Well", mit dem Dylan eine alte Spezialität (LP-Schlusssongs als Konzert-Opener zu spielen) wieder aufleben ließ. Viel mehr als eine Aufwärmübung war der Song allerdings nicht. So richtig wach schien Dylan eh noch nicht zu sein, denn gleich danach begann seine Band das wunderbare "If You See Her, Say Hello" zu spielen, während Dylan dazu die Akkorde des - in seiner derzeitigen Version - weit weniger spektakulären "Don't Think Twice" klampfte. Dylan war zwar in der Unterzahl, setzte sich aber natürlich durch. "It's Alright Ma" dagegen war ein erstes Highlight. Zwar ist die Nummer seit Jahren ständig im Programm und die Dramatik des Akustikarrangements von vor einigen Jahren lange passé, dennoch konnte hier der stärkere Blues-Einschlag durchaus gefallen, da durch monotonere Begleitung die Betonung auf Dylans Gesang lag. Dessen Stimme klang einmal mehr zwar ziemlich rau, aber so akzentuiert singend und zudem gewillt, aus den Texten das Letzte herauszuholen, haben wir Dylan schon lange nicht mehr erlebt.

Danach wechselte er an die Orgel, wo er sich merklich wohler fühlte und sich wesentlich mehr bewegte als zuvor in der Bühnenmitte mit der Stromgitarre um den Hals. "When The Deal Goes Down" hieß der erste Song der aktuellen Platte "Modern Times", der zur Aufführung kam, ein wenig zerstört von George Recelis Rummelplatz-Drumbeat, aber immerhin schön gesungen. Mit "High Water" stand danach eine jahrelang unterbewertete Nummer des 2001er Albums "Love And Theft" auf dem Programm, die vor zwei Jahren in Oberhausen schon ein Glanzlicht gewesen war und sich in einem - im Vergleich zum Original - völlig umgekrempelten Arrangement als echter Showstopper erwies. Endlich durften die Musiker, allen voran Freeman an der Leadgitarre und Multiinstrumentalist Donnie Herron am Banjo, eigene Akzente setzen, was ihnen exzellent gelang. Die Dramatik, die dadurch aufgebaut wurde, hätte anderen Songs sicher auch nicht geschadet. Ebenfalls völlig umgekrempelt und die nächste positive Überraschung war "The Lonesome Death Of Hattie Carroll", trotz der historischen Ungenauigkeiten immer noch einer der rührendsten Dylan-Songs, der in Münster sanft und einfühlend gespielt wurde, eher als Würdigung des Lebens von Hattie Carroll denn als Anklage des William Zanzinger. Und es ging weiter mit den Glanzlichtern: Auch "Til I Fell In Love With You", jahrelang eher Beiwerk denn Highlight, wusste in Münster wirklich zu gefallen. Ähnlich wie bei "It's Alright Ma" störte auch hier das eigentlich einfallslose Bluesarrangement, leicht angelehnt an frühere Versionen von "Highway 61 Revisited", überhaupt nicht, ließ es doch mehr Freiraum für Dylan, tief in den Text einzutauchen. Mit einem schönen "Simple Twist Of Fate", bei dem er einige Zeilen im Stakkato-Stil fast wie ein Rapper betonte - eine Technik, die auch noch bei einigen anderen Nummern zum Einsatz kam -, schloss Dylan danach den Überraschungsblock der Show ab.

Zeit, zu den neuen Songs zurückzukehren: Das Muddy Waters-inspirierte "Rollin' And Tumblin'" polterte dem Titel gerecht werdend laut dahin, "Nettie Moore", einer der außergewöhnlichsten Songs auf "Modern Times", konnte auch live - weil recht nah am Original - begeistern, und selbst "Spirit On The Water", auf dem Album "nur" eine weitere Crooner-Nummer, gewann in Münster durch Dylans konzentrierten Gesangsvortrag. Unverständlich dagegen, warum Dylan an der ausgewalzten Rockabilly-Nummer "Summer Days" weiter festhält. Der Song könnte eine ausgiebige Pause genauso gut vertragen wie das direkt im Anschluss als finaler Song des Mainsets gespielte "Like A Rolling Stone". So blutleer hat gerade letzteres Stück selten geklungen. Dylans spontaner Einfall, das Stück mit einem langgezogenen Mundharmonikasolo zu eröffnen, tat ein Übriges. Wo, bitte schön, waren denn anfangs die Gitarren? Brauchen wir "Like A Rolling Stone" wirklich als Drum N Bass-Nummer?

Das Publikum war dennoch begeistert. So viel Enthusiasmus vor den Zugaben haben wir ehrlich gesagt seit Jahren bei keiner Dylan-Show in Deutschland mehr erlebt. Gedankt wurde es den Zuschauern mit einer krachigen Version der Alicia Keys-Hommage "Thunder On The Mountain" vom neuen Album und - natürlich - dem Jimi Hendrix-Cover "All Along The Watchtower" ganz zum Schluss. Übrigens eine weitere Nummer, die schon bessere Zeiten erlebt hat. Dass der Auftritt dennoch so unterhaltsam war, lag in seinem nicht ganz leicht in Worte zu fassenden Überraschungscharakter und daran, dass Dylan selbst - anders als in den Jahren zuvor - der Star der Show war.

Surfempfehlung:
www.bobdylan.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -William Claxton-


 
 

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