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Der Samstag der Befreiung

Bernd Begemann und Die Befreiung

Tourtagebuch 2007 - Teil 2

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Bernd Begemann
Was für eine Idee! Zwölf Mal dieses Jahr Bernd Begemann im Kölner Blue Shell (und jeweils am Tag davor noch im Hamburger Kunst und tags darauf im Berliner Roten Salon) und trotzdem jedes Konzert ein Unikat! Jeden Monat wird der Hamburger Singer / Songwriter / Entertainer / Spaßvogel nämlich nicht nur seine ausgezeichnete Band Die Befreiung mitbringen, sondern auch noch je eines seiner vielen Alben spielen - komplett, von Anfang bis Ende! Gaesteliste.de wird von allen zwölf Veranstaltungen berichten.
11.08.2007 - "Die Antwort (1998)"

Im August stand das Album auf dem Programm, das - einmal abgesehen vom tatsächlich mit der Befreiung eingespielten Album "Unsere Liebe ist ein Aufstand" - das Begemann-Werk ist, das dem Sound seiner aktuellen Begleitband am ehesten nahekommt: Die letzte LP von Die Antwort aus dem Jahre 1998, damals unbetitelt, in Bälde unter dem neuen Titel "Es darf nicht egal sein" wieder zu haben.

Interessant allerdings, was die Musiker daraus machten. Wie schon im Mai, als das ebenfalls in Triobesetzung entstandene 1987er Debüt auf dem Programm stand, ohne Keyboarder Kai angetreten, ließ die dezimierte bzw. komprimierte Band nur die wenigsten Nummern wirklich Befreiungs-typisch klingen. Das war nicht ganz das, was wir uns erhofft hatten, spricht aber natürlich für die Wandelbarkeit von Bernd und seinen Mitstreitern. Also gab's wieder einen Rock-Abend, wenngleich wesentlich straighter, weniger muckerhaft als in den beiden Monaten zuvor. Vermutlich hatten die drei das Album nicht sonderlich intensiv geprobt, denn vieles klang doch ziemlich holperig, was allerdings den Vorteil hatte, dass die Musiker, Bernd eingeschlossen, viel häufiger als sonst Blickkontakt suchten und viel mehr miteinander anstatt nur nebeneinander spielten. Bernd nutzte dann auch gleich beim ersten Song (dem frühen Highlight "Liebe ist echt") den durch Kais Abwesenheit auf der Bühne freigewordenen Platz, um sich an einem seiner seltenen Luftsprünge zu versuchen, um das "Pete Townshend-Ende" auch visuell zu unterstützen.

Und er tat gut daran, für seine Leibesübungen den ersten Song zu benutzen, denn nach dem immer wieder gerne gehörten "Sie lebt jetzt in Dresden" wurde der Stargast des Abends auf die Bühne gebeten: Thomas Kosinar, Bassist von Die Antwort! Eigentlich, so erklärte Bernd später, hätte er ja nur für einen Song auf die Bühne kommen sollen, doch er kam für "Ich habe mich rasiert" und blieb für den Rest des ersten Sets, um sich zunächst an diversen Percussion-Instrumenten, später auch an der Gitarre zu versuchen und darüber hinaus nicht nur einfach großartige Backing Vocals beizusteuern, sondern vor allem Bernd auch als verbaler Sparringspartner zu dienen. Dabei ließ er seinen früheren Sänger ein ums andere Mal alt aussehen, denn als er erzählte, wie sich die beiden einst in Hamburg kennenlernten, ließ er keinen Zweifel daran, wer von ihnen der Coolere gewesen war. Das schien irgendwann auch Bassist Ben zu glauben, der sich erkundigte, ob es vielleicht möglich sei, in Thomas' neue Band einzusteigen. Bernd konterte übrigens gekonnt mit: "Ich glaube, zwei Bassisten stehen gerade kurz davor, Ex-Bassisten zu werden."

Die ansteckend gute Laune auf der Bühne konnte dann auch über die eingangs bereits angedeuteten musikalischen Ungenauigkeiten hinwegtäuschen. So wurde das Solo bei "Ein Abschied zuviel" auf humorvolle Weise versägt und "Soviel Spaß zusammen" geriet, nicht zuletzt wegen Thomas' zusätzlicher Gitarre, etwas zu schrammelig, aber dafür waren seine Backing Vocals beim Refrain des feinen "Es darf nicht egal sein" Gold wert. "Häuser von Hamburg" war nicht nur das Highlight des gesamten ersten Teils, der Song bekam auch dadurch eine besondere Note, dass er - lange vor der 1998er Studioversion - die allererste Nummer war, die Bernd und Thomas mit der Originalbesetzung von Die Antwort Mitte der 80er geprobt hatten. Danach entschuldigte sich Bernd für "Irgendein französischer Name" und brauchte zwei Versuche, um "Gerlind" hinzubekommen. Bernd wollte die Nummer nämlich schnell und straight spielen, die Band dagegen "wavig". Das entpuppte sich als keine schlechte Idee, grummeliger Cure-Bass inklusive. Mit "Weg aus dem Tal und nach München" klang dann der erste Teil sanft und leise aus, und Bernd versprach noch vor der Pause für den zweiten Teil "all die Songs, die bereits unzählige besoffene BWL-Studenten glücklich gemacht haben!"

Für den zweiten Teil war drei die magische Zahl. Zu dritt, als "Power-Trio-Befreiung", standen Bernd, Ben und Achim auf der Bühne, mit drei exzellenten Songs ging es auch los: Mit "Bist du dabei?", "Hübscher als sonst" (mit einem Super-Endteil) und "Gefangen in einem Samstagnachmittag" standen drei von Achim ausgesuchte Songs aus dem Album "Solange die Rasenmäher singen" am Anfang, von Bernd völlig zutreffend als "Vorgeschmack auf die sensationelle LP, die wir im September spielen" angekündigt. Bei "Fernsehen mit deiner Schwester" führten Bernd und Ben beim Mittelteil, als "Dankeschön" für den amtlichen Singalong zuvor, ein kleines Tänzchen auf, "Judith" gab's mit einem ulkigen Pat Metheny-Intro zu hören, und auch das fast schon obligatorische "Bis du den Richtigen triffst" war wieder im Programm, garniert mit willkommenen Raritäten wie "Runter in den Keller" (ob das auch Achim ausgesucht hatte?), "Wenn wir Glück haben" oder "Romantischer Narr". Der heimliche Höhepunkt waren allerdings dennoch die letzten drei Nummern. Mit einem "Thomas komm zurück, alles ist vergeben" bat Bernd nämlich seinen früheren Bassisten zurück auf die Bühne, und gemeinsam holten sie das nach, was uns im Mai noch vorenthalten wurde. Sie spielten drei Songs aus ihrer ersten gemeinsamen LP, dem von uns heißgeliebten 1987er Debüt der Antwort: "Pläne mit dir" zwar leider nicht, dafür aber "Unten am Hafen" als Reggae, "Aber du meine Liebste" und ein wirklich fulminantes "Warum kommst du nicht zu mir rüber?".

Danach verließen die vier Herren zwar die Bühne, aber Schluss konnte dennoch noch nicht sein. Die gelangweilt-abgedröhnte Soloversion von "Ute" hätte Bernd uns zwar genauso ersparen können wie das - O-Ton Bernd - "spackig" dargebotene "Oh, St. Pauli", aber die Entschädigung folgte auf dem Fuße: Zwei 1A-Coverversionen nämlich, "The Kids Are Alright" von The Who und "Time Of The Season" von den Zombies, die deutlich machten, wo die gemeinsamen Wurzeln von Bernd und Thomas liegen. Der erhoffte musikalische Höhepunkt war der Abend zwar nur bedingt, dafür war der Schlagabtausch zwischen Bernd und Thomas umso unterhaltsamer. Wann durften wir schon mal erleben, dass Bernd gleich mehrfach an einem Abend sprachlos war?

15.09.2007 - "Solange die Rasenmäher singen"

Da war sie also, die LP, auf die sich die Band nach Bernds Aussage schon das ganze Jahr gefreut hatte: "Solange die Rasenmäher singen"! Das erste Album von Die Antwort mag hier und da mehr Pop-Appeal haben, "Rezession, Baby!" streckenweise tiefgründiger sein, "Jetzt bist du in Talkshows" Mitte der 90er den Zeitgeist punktgenauer getroffen haben, aber in ihrer kompakten, zeitlosen Großartigkeit hat Begemann in seiner langen Karriere keine bessere Platte aufgenommen als dieses kleine grüne Wunderwerk.

Eine - mal wieder - späte Anreise und der bisher späteste Beginn (22.15 Uhr) bedeuteten allerdings, dass die Band vor allem anfangs ziemlich müde, fast schon etwas lustlos aus der Wäsche schaute. Da half auch die stilvolle Intromusik - "Children Of The Revolution von T. Rex - nichts, die ersten beiden Nummern waren noch nicht ganz die Höhepunkte, die sie hätten sein können. Zwar streute Bernd in "Gefangen an einem Samstagnachmittag" eine neue Information ein, nämlich, dass es ja gar nicht der im Song erwähnte Mel Sandock, sondern eher Dave Coleman gewesen sei, der seine Platten damals im WDR gespielt habe, aber ansonsten schienen die vier froh zu sein, den Anfang schnell hinter sich bringen zu können. Apropos Platte: Für die obligatorische Vorstellung des Albums du jour hatte Bernd dieses Mal sogar das Cover der Vinyl-Version ("40 Euro auf Amazon!") mitgebracht.

Danach war "Bist du dabei" die erste Nummer, die den Drive besaß, den man eigentlich von Anfang an erwartet hatte. Den hatte auch das immer wieder phantastische "Viel zu glücklich (um es lange zu bleiben)", mit einem ganz ausgezeichneten Orgel-Solo von Kai, das gar nicht enden wollte, sodass Bernd, der eigentlich schon wieder ans Mikro getreten war, um die nächste Strophe zu singen, noch einmal einen Schritt zurück machte, um seinem Tastenmann noch ein bisschen mehr Zeit im Spotlight gönnte. Die endgültige Wende zum Guten nahm der Abend allerdings dennoch erst mit dem Titelstück, auf dem Album a cappella vom Langenhorner Gesangsverein von 1866 intoniert, im Blue Shell zunächst von der Band, dann vom kompletten - zuvor mit Textblättern versorgten - Publikum gesungen. Wunderbar!

Weil es so gut zu den oft eher kontemplativen Songs wie "Sein Mädchen macht ihn glücklich" passte, blieb Bernd übrigens den gesamten Abend über ungewohnt wortkarg. Nach einer wirklich feinen, wenngleich sehr traurigen Soloversion von "Die Verlassenen" meinte er dazu: "Ich habe das Gefühl, nichts erklären zu müssen, alles erklärt sich von selbst. Wir kämpfen uns langsam zum Licht vor." Der Höhepunkt von Teil 1 war dann ausgerechnet eine der wenigen Nummern, die das Quartett bisher noch nie live gespielt hatte: "Froh, dass der Traum vorbei ist" hatte genau die Intensität, die einigen der regelmäßig gespielten Songs streckenweise etwas abging. "Wir werden tanzen", bei vielen, vielen Begemann-Auftritten die letzte Nummer, bildete dieses Mal vor der Pause den krönenden Abschluss.

Der zweite Teil war dann so umwerfend gut, dass selbst der zu Beginn des Abends noch etwas geknickt wirkende Veranstalter kurz vor Ende der Show freudestrahlend zu uns kam und vom bisher besten Abend der Begemann'schen Auftrittsreihe sprach. Was war passiert? Ohne die "Rasenmäher"-Songs, die bisher häufig einen Gutteil des Programms nach der Pause ausgemacht hatten, ergab sich für Bernd und seine Mitstreiter die Gelegenheit, tiefer als sonst in die Raritätenkiste zu greifen. So gab's nach "Bis du den Richtigen triffst" zum Beispiel einen Abstecher zu "Everything Counts" von Depeche Mode, der lediglich ein wenig daran krankte, dass Kai den Song leider nicht wirklich beherrschte, oder, wie Bernd es ausdrückte: "Kai kennt nichts außer Rachmaninow!" Für das Raritätenkontingent gab es sogar "Fremder in deiner Wohnung" zu hören, und auch "Keine Liebe für mich", das sich im Vormonat schon als Höhepunkt entpuppt hatte, wurde erneut gespielt, ebenso wie eine abermals sehr gute Version von "Fernsehen mit deiner Schwester", bei der sich Bernd sogar einen kleinen Ausflug ins Publikum gönnte. Auf immerhin zweifachen Wunsch gab es dann auch das im Februar schon einmal gebrachte "Was weiß Yvonne" zu hören, jene Andreas Henning-Coverversion, deren Original nur auf der obskuren Vinyl-Only-LP "Girls, Gurus und Gitarren" Mitte der 90er veröffentlicht wurde, die inzwischen auf eBay-Höchstpreise erzielt. Der Song wird übrigens auch auf dem nun endlich im Februar kommenden Jahres erscheinenden Begemann Best-Of-Album enthalten sein!

Kurz vor dem geplanten Ende war dann auch das immer wieder unschlagbare "Ich habe nichts erreicht außer dir" zu hören, doch weil das Publikum Bernd einfach nicht gehen lassen wollte, gönnte er seinen Fans noch ein paar echte Kuriositäten: Die kleinen Abstecher zum kölschen Liedgut ("En unserm Veedel" von den Bläck Fööss oder "Müngersdorfer Stadion" von Zeltinger!) zum Beispiel und das John Peel und seinem Lieblings-Online-Magazin gewidmete Undertones-Cover "Teenage Kicks", mit dem Bernd bewies, dass Die Befreiung zwar eine großartige Band ist, er solo aber auch weiterhin einfach eine Wucht ist. Für die letzte Nummer wollte er dann eigentlich noch einmal seine Band auf die Bühne zurückbitten, aber nur Ben und Kai kamen der Aufforderung nach, Achim blieb verschollen. Also spielten die drei "Gut im Bett (nirgendwo sonst)" ohne ihn, bevor sich Bernd ganz zum Schluss noch ans Schlagzeug setzte und ganz nebenbei bewies, dass er offenbar nicht nur ein ausgezeichneter Gitarrist ist. Will meinen? Es war ein wirklich toller Abend!

13.10.2007 - "Sag Hallo zur Hölle"

Der letzte Satz im Booklet der CD lautet zwar optimistisch "Keine Spur führt ins Leere", dennoch besteht wohl kein Zweifel darüber, dass "Sag Hallo zur Hölle" das depressivste Begemann-Album überhaupt ist. Ein Album noch dazu, das explizit keine Band-Platte ist. Dass es dennoch ein gelungener Konzertabend wurde, spricht für Bernd und seine Mitstreiter.

Anders als im Vormonat, als sich die Songs selbst erklärten und Bernd ungewohnt still war und sich die Band oft an die Arrangements der LP-Versionen hielt, gab es dieses Mal viele - im wahrsten Sinne des Wortes - erhellende Kommentare von Bernd und für die Band die Möglichkeit, den oft kalten und düster wirkenden Albumfassungen ein bisschen mehr Wärme zu geben und Leben einzuhauchen. Nach dem "harmlosen" Beginn mit "Kelly Family Feeling" gelang das gleich beim ersten gesprochenen Zwischenspiel "Prozedur" mit Kais Pianountermalung ganz ausgezeichnet, und auch "Zweimal" gewann gegenüber dem Album deutlich: Ohne Gitarre durfte Bernd den Soul-Crooner mimen, und die Band sorgte für den angemessenen Soundteppich dazu. "Eine Audienz bei seiner Majestät dem Metzger" kam abgedröhnt-grungy wie auf dem Album daher, danach ganz ausgezeichnet, nicht nur ob des feinen Orgelsolos, die Version von "Ego Shooter", die sich in diesem treibenden Bandarrangement ihren Platz auf dem für Februar nächsten Jahres angekündigten Best Of-Album mit Neueinspielungen redlich verdient hat. "Wenn ich mir mein Päckchen Leben hätte aussuchen können, hätte ich Thomas Gottschalks Päckchen gewählt", kommentierte Bernd anschließend, und weiter gings mit einer anderen ZDF-Legende: "Derrick weint" hatte (auch) viel mehr Wärme als auf dem Album, und musikalisch hätte diese Fassung auch gut und gerne auf die "Rasenmäher"-LP gepasst.

Über "Wir fahren nachts" erfuhren wir danach, dass dieser Text Bernd seine einzige Erwähnung in der Bild-Zeitung eingebracht habe: Er wurde in der Rubrik "So toll ist unsere Stadt" abgedruckt... Apropos fahren: "Ich habe meine Autofahrer-Schuhe an, die nicht zum Anzug passen", ließ Bernd uns wissen. "Bitte beurteilt mich heute nicht nach meinen Schuhen!" Machen wir nicht, zumal direkt im Anschluss der vielleicht lustigste Teil des Abends folgte: Das nächste Spoken-Word-Zwischenspiel "Routine" rezitierte Bernd nämlich zuerst im Stile Ben Beckers und dann à la Dominique Horwitz, bevor er augenzwinkernd erklärte: "Meinen Heinz Hoenig erspare ich euch jetzt!" Geradezu unfassbar gut dann "Fernsehen mit deiner Schwester". Klar, der Song ist jeden Abend ein Highlight, aber mit so viel Power wie an diesem Abend haben wir das Stück wirklich noch nie gehört, und das Keyboard-Intro war auch nicht von dieser Welt! Einfach großartig, und ganz nebenbei lernten wir auch noch ein typisch westfälisches Wort ("schlümm")...

Über "Dunkle Landschaft mit Kind" sagte Bernd, dass es aus der Perspektive eines Mannes geschrieben sei, der das Gefühl habe, die Arschkarte gezogen zu haben. Ähnliches gilt vermutlich auch für eine Reihe weiterer Songs des Albums, dennoch klangen Stücke wie "Sie werden wahnsinnig in diesen Häusern" oder "Stunde der Schande" - anders als vor sieben Jahren auf der Platte - an diesem Abend in Köln geradezu versöhnlich. "Die witzige WG" gabs mit verteilten Sprechrollen von der gesamten Band zu hören, viele andere Stücke der zweiten Hälfte wurden dagegen in den Semi-Soloversionen des Albums gespielt, vielleicht auch, weil es Bernd wichtiger als an manchen Abenden zuvor zu sein schien, das Werk möglichst komplett und originalgetreu rüberzubringen. Trotz der inhaltlichen Schwere des Albums ein unerwartet kurzweiliger, weil sehr gelungener erster Teil!

Wie schon im März eröffnete auch dieses Mal ein ungelisteter Bonustrack des zuvor komplett gespielten Albums den zweiten Teil: "Ich steh allein" brachte Bernd passend zum Text solo, bevor die Band für ein im Vergleich zum September kürzeres, aber dennoch nicht überraschungsarmes Set zurück auf die Bühne kam. "Kein wirklich toller Abschied" jedenfalls hätten wir nicht unbedingt erwartet, ebenso wenig wie "Es ist so wie du sagst" (Bernd: "Ein Satz, den Frauen gerne hören") oder gar "Meine schwulen Freunde". Eher schon "Fremder in deiner Wohnung", an dem die vier offenbar richtig Gefallen gefunden haben, schließlich tauchte es bereits im vorherigen Monat im Programm auf. Nach dem geradezu obligatorischen Abstecher aufs "Rasenmäher"-Terrain ("Bist du dabei?") beschlossen Bernd und Co. dann den Abend mit einem "Geografie-Block": Zuerst "Kein Glück im Osten" - unglaublicherweise in der Mitte mit einem Abstecher zu "With Or Without You" von U2! -, gleich darauf "Sie lebt jetzt in Dresden" und ganz zum Schluss noch ein furioses "Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover".

Nächsten Monat gibt es dann Bernds aktuelles Werk "Ich werde sie finden" zu hören. Auch das konzeptlastig und kein wirkliches Bandalbum. Wir sind gespannt, was die Herren daraus zaubern werden. Wenn es ihnen nur halb so gut gelingt wie die Umsetzung von "Sag Hallo zur Hölle", wird es wieder ein sehr schöner Abend werden!

10.11.2007 - "Ich werde sie finden"

Geschafft! Mit dem Album "Ich werde sie finden" stellte Bernd Begemann an diesem Samstag auch das letzte seiner elf regulären Studioalben der letzten 20 Jahre in voller Länge vor und konnte so seine Konzept-Konzertserie in Köln erfolgreich abschließen, bevor im Dezember bei der letzten Show ein Rückblick auf das Jahr gewagt werden soll.

Und es war ein interessanter, ungewohnt kompakter Abend im Blue Shell, auch wenn diejenigen, die um halb eins den Laden betraten und feststellen mussten, dass die Band erst gerade mit der Zugabe begann, das vielleicht nicht ganz nachvollziehen konnten. Im ersten Teil gingen die vier Musiker ausgesprochen konzentriert zur Sache, so konzentriert, dass es fast ein wenig so aussah, als läge innerhalb der Band stimmungsmäßig etwas im Argen. Der Einsatz lohnte sich: Nach dem Solo-Einstieg mit "Wir sind fünfzehn" machte sich die Band gleich bei "Flackernder Straßenrand" positiv bemerkbar. Auf dem Album kaum mehr als eines von Bernds berüchtigten, effektüberladenen Spoken Word-Zwischenspielen, wurde die Nummer - wie später auch "Unser Sex nach zwei Jahren" - durch die Bandbegleitung zu einem echten Song, den Bernd nicht einfach nur ins Mikro murmelte, sondern richtig sang. Einmal warm, brachte er "Auf den Schwingen der Nacht" als Crooner-Nummer mit handgehaltenem Mikro, überdeutlicher Mimik und nur Kai am Piano als Begleiter, bevor die komplette Band in typischer Befreiungs-Manier bei "Immer wieder überrascht" und "Haltlos" (von Achim am Schlagzeug zusätzlich nach vorne getrieben) drauflos rocken durfte.

Nach einer Version von "Eine ziemlich lange Allee", die von Jazz über Psychedelic-Rock bis hin zu 60s-Beat alles hatte, stand mit "Irgendwie klappt es mit uns" der absolute Höhepunkt des Abends auf dem Programm. Auch ohne Regy Clasen, die den Song auf dem Album mit Bernd singt, wurde die Nummer nämlich als klassisches Duett dargeboten. "Regy ist leider nicht dabei, weil sie zu professionell für uns ist", erklärte Bernd, der kurzerhand Ben als Ersatz für die fehlende Partnerin nominierte, denn der sei "mehr Frau als alle Sängerinnen, mit denen wir es probiert haben". Also sangen sie das "Hohelied auf die Mittelmäßigkeit der Liebe" (O-Ton Bernd) gemeinsam, versehen mit vielen wirklich lustigen Kommentaren, denn Bernd sah sich ständig genötigt, sich bei seinem Bassisten für Zeilen wie "Du bist nicht mein Typ / auf den ersten Blick / fand ich dich nicht einmal attraktiv" zu entschuldigen...

"Die Anderen" gab's in einer sehr gedämpften Version, die atmosphärisch ein wenig an Tilman Rossmys "Er lebt" erinnerte, bevor es wieder klamaukig wurde: Ausgerechnet bei "Sie haben dich geschickt, um mich zu bestrafen" grinste Bernd wie ein Honigkuchenpferd und machte aus dem Lied sogar noch eine Mitsingnummer, die Herren im Publikum durften "Sie haben dich geschickt..." singen, bevor die Damen mit "...um mich zu bestrafen" antworten durften. Es funktionierte sogar! "Verschließ dein Herz nicht vor mir" gab es im Anschluss solo, bevor der Song auf dem Programm stand, den Bernd zufolge "alle für unoriginell halten". Die Rede ist natürlich von "(Wir sind alle in der) IKEA-Falle", einem der wenigen Begemann-Songs, der solo besser klingt als mit der Befreiung. Unerwartet positiv fiel dagegen "Ein Sportunfall" auf, das durch den Chorgesang der kompletten Band und das Minimalarrangement mit Drums und Handclaps die musikalische Seite stärker betonte als den, na ja, ungewöhnlichen Text. Im Vergleich mit der LP-Version verlor an diesem Abend eigentlich nur der auf dem Album so großartige Schlusssong "Denk an den Weg", weil das Keyboard etwas zu leise war und die tolle Klaviermelodie von der Platte nicht so deutlich zum Tragen kam.

Der zweite Teil war vergleichsweise kurz, aber sehr angenehm, weil eine Menge seltenerer Nummern ("Christiane", "Nimm doch noch mehr Drogen", "Unsere Liebe ist ein Aufstand", "Kein wirklich toller Abschied" und sogar "Merci Cheri" von Udo Jürgens) zu hören waren und deshalb kein Platz blieb, restlos alle abgenudelten Greatest Hits zu spielen ("Oh, St.Pauli" gab's trotzdem...). Nach dem geradezu ungewohnt konzentrierten ersten Teil war die Stimmung auf der Bühne nach der Pause übrigens sehr gelöst. So fragte Bernd vor "Sie lebt jetzt in Dresden" seine Band schelmisch: "Soll ich alleine anfangen, um euch die Sicherheit zu nehmen, Jungs?" (was er dann auch tat), oder begrüßte gut gelaunt die langsam eintrudelnden Discobesucher, bevor der (Konzert-)Abend um kurz vor 1.00 Uhr mit "Wir werden tanzen" ausklang. Die letzte Zugabe gibt es im Dezember!

15.12.2007 - "Das große Finale"

"Das große Finale" - so kündigten die Plakate, die nicht nur im Blue Shell, sondern sogar auf der anderen Rheinseite hingen, diesen Abend an. Diejenigen Zuschauern, die tapfer bereits die ersten elf Samstage der Befreiung in Köln miterlebt hatten, kam es dagegen vielleicht eher wie eine Zugabe vor. Anstatt nämlich krampfhaft nach einem zwölften Begemann-Werk zu suchen, das man in Gänze hätte aufführen können - das "Live"-Album, die Gemeinschaftsarbeit mit Dirk Darmstaedter "This Road Doesn't Lead To Your House Anymore" und die für März 2008 versprochene Greatest Hits-Neueinspielung "Glanz" hätten noch zur Auswahl gestanden - ließen Bernd und die Befreiung lieber das Jahr Revue passieren und präsentierten ihr ganz persönliches Best Of-Set.

Was auf dem Papier vielleicht ein bisschen wie "Augen zu und durch" anmutete, war der Band allerdings offenbar eine Herzensangelegenheit. Schon beim Soundcheck diskutierten sie akribisch kleinste Details selbst bei dieses Jahr schon mehrfach gespielten Songs, als ginge es mindestens um ein Radiokonzert, bei dem alles punktgenau sitzen muss, oder gar eine DVD-Aufnahme. Auch die Setlist selbst wurde noch einmal gründlich unter die Lupe genommen, wobei das einigermaßen verständlich war, denn wann, bitte schön, spielen die Herren überhaupt schon mal ihre Songs, abseits des "Album in voller Länge"-Konzepts, in einer zuvor festgelegten Reihenfolge, zumal die Setlist nicht nur den Teil vor der Pause, sondern auch gleich den zweiten Teil umfasste?

Der Song, der sich im Laufe des Jahres vielleicht als der größte Hit herauskristallisiert hatte ("Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover"), stand zwar nicht drauf, dafür viele Raritäten wie "Cry For A Shadow" oder "In die Dämmerung mit dir" und auch "Zweimal" und "Mein süßes häßliches Mädchen" waren dabei. Auch eine ungewohnt große Anzahl Songs aus "Unsere Liebe ist ein Aufstand" - darunter auch das sonst selten gespielte "Es wird noch ein sehr schöner Tag werden" - fand ihren Weg ins Programm, doch das war letzten Endes kein Wunder, stand dafür doch ein Special Guest mit auf der Bühne. Im Gästebuch der Begemann-Webseite war vehement die Wiederholung des Thomas-Gastspiels gefordert worden, und das gab es dann auch! Nun gut, eigentlich war eher nach Herrn Kosinar und nicht nach Herrn Hannes verlangt worden, aber man kann nicht alles haben, stimmt's?

So durfte Sir Hannes dann bei den Songs des letzten Band-Albums Ben am Bass ablösen, um dem etatmäßigen Bassisten die Chance zu geben, sich - wie schon im Mai - noch einmal als Leadgitarrist zu beweisen. Zwar gab es zunächst ein paar kleine Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Thomas und dem Rest der Band, aber spätestens nach einer wie immer spektakulären Version von "Unsere Liebe ist kein Aufstand" war das wieder vergessen.

Um kurz vor 1.00 Uhr und nach mehr als 35 Stunden Bernd Begemann und Die Befreiung im Kölner Blue Shell in diesem Jahr dankte Bernd noch einmal allen Beteiligten ausführlich, versicherte uns, dass er uns nächstes Jahr vermissen würde (zumindest einmal, im März, werden die Herren aber auch 2008 im Blue Shell einkehren), und brachte zum Abschluss den perfekten Song: "Unten am Hafen"! Irgendwie hatten diese letzten Minuten des Konzertjahres noch einmal alles, was die zwölf Shows ausgemacht hatte: Großes Songwriting, ein begeistertes Publikum, das sich von Bernd kaum zum Mitmachen überreden lassen musste, eine Band, die mit schlafwandlerischer Sicherheit ihrem Frontmann durch alle Improvisationen folgte (und dafür bei dieser allerletzten Nummer mit ausführlichen Soli belohnt wurde), und vor allem Spaß en masse!

Gaesteliste.de bedankt sich bei Bernd, Ben, Kai, Achim, Markus und Jan dafür, dass wir dabei sein durften! Wir freuen uns auf viele weitere Konzerte von Bernd mit und ohne Die Befreiung im Jahr 2008, denn die monatlichen Auftritte in Köln gibt's zwar nicht mehr, aber wir wissen ja: Bernd ist der Typ, der immer zurückkehrt!

[Ein Interview nicht mit Bernd, sondern mit der Befreiung wird es an dieser Stelle zur Veröffentlichung von "Glanz" Mitte März 2008 zu lesen geben.]


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Surfempfehlung:
www.bernd-begemann.de
www.myspace.com/berndbegemann
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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