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Konzert-Bericht
 
Geregelter Spaß

Bernd Begemann

Duisburg, Steinbruch/ Essen, Grend
15.11.2008/ 21.11.2008
Bernd Begemann
Auch dieses Jahr tourt der Hamburger Liedermacher und Entertainer Bernd Begemann - mal solo, mal begleitet von seiner ausgezeichneten Band Die Befreiung - unermüdlich durch die Lande. Gaesteliste.de präsentiert seine Konzerte und nutzte - nicht nur - deshalb die Chance, Bernd innerhalb weniger Tage gleich zweimal live zu erleben, im Duisburger Steinbruch solo und wenige Tage darauf mit Band im Essener Grend.
In Duisburg war Begemann unseres Wissens schon länger nicht mehr zu Gast. Der kleine, aber feine Saal im Steinbruch war - je nach Sichtweise deshalb oder trotzdem - brechend voll, und man sah viele Zuschauer, die man sonst nicht unbedingt von den BB-Konzerten in der Region kennt, die aber trotzdem textsicher dem Begemann'schen Animationsprogramm folgten. Dem Künstler selbst merkte man an, dass er bereits die gesamte Woche in Städten aufgetreten war, die er sonst eher selten bereist. Jedenfalls schien es ihn nicht großartig zu wundern, dass die geäußerten Songwünsche ausschließlich aus der Abteilung "Greatest Hits" stammten, genauer gesagt, aus der Abteilung "Hits, die Begemann eigentlich nicht mehr unbedingt gerne spielt" wie "Zweimal 2. Wahl", "Ute, vergiss das Jenseits" oder "Judith, mach deinen Abschluss" (Letzteres mit der ausgezeichneten neuen Zeile "Glaubst du wirklich, jemand wartet auf ne Schickse ohne Fremdsprachenkenntnisse?"). Das konnte man daran ablesen, dass ihm der Klamauk und die improvisierten Dialoge zwischen den Strophen weitaus wichtiger waren, als kohärente Versionen der Wunschsongs zu spielen.

Glücklicherweise beschränkte sich das Wunschprogramm auf ein Minimum, und weil Begemann einmal mehr rund drei Stunden netto auf der Bühne stand, hatte er dennoch ausgiebig Gelegenheit zu glänzen. Mit "Wenn wir Glück haben" zum Beispiel, an dem Begemann so viel Freude hatte, dass er es gleich zweimal spielte, einmal mit Backingtape, einmal an der Gitarre begleitet, und auch "Ich kann dich nicht kriegen, Katrin" war einmal mehr ein Highlight, wenn es auch nicht ganz so samtweich-soulig klang wie wenige Wochen zuvor im Dortmunder Bakuda bei der vielleicht besten Version des Songs bisher. Gleich zu Beginn hatte der Hamburger Entertainer angekündigt, Lieder zu spielen, "die ihr mögt, die ihr nicht mögt und einige, die ich nur an Duisburg ausprobiere". Folglich sparte er seine ersten vier, fünf Alben praktisch komplett aus und brachte viele neue Songs, die das gesamte Begemann-Spektrum von albernen Beziehungssongs ("Du bist mein Niveau") über provozierende Gesellschaftskommentare ("Nach dem Wiederaufbau blieb das Land zerstört") bis hin zu tragischen Trennungsgeschichten (eine der besten neuen Nummern könnte "Sie war entschlossen" geheißen haben), doch das beste neue Lied war ohne Frage das anscheinend autobiografische "Wir 3", mit dem Begemann sein Leben mit Tochter und Ex-Freundin beschreibt.

Doch lange blieb die Ein-Mann-Band auf der Steinbruch-Bühne natürlich nicht ernst, denn die vielen Konzerte dieses Jahr, die dem Auftritt in Duisburg vorausgegangen waren, hatten auch zur Folge, dass Begemann streckenweise mehr daran interessiert schien, sich um Kopf und Kragen zu reden, als Songs zu spielen. Also monologisierte er über das Klassentreffen, das zeitgleich in der Gastronomie des Steinbruchs stattfand ("Ich war auf vielen Klassentreffen, und ich hatte nach jedem Sex" bzw. "Die Hälfte von denen geht nachher miteinander ins Bett, um sich zu beweisen, dass sie's noch draufhaben"), lästerte über das Ruhrgebiet ("Der kleine Mann wird immer verarscht, aber das kennt ihr ja hier", "Eine Zweizimmerwohnung in der Hamburger Innenstadt kostet 200 000 Euro, dafür bekommt man hier zwei Villen"), gab sich politisch ("Ich als abbröckelnder Mittelstand müsste eigentlich die FDP wählen, aber ich kann es einfach nicht") und war davon überzeugt, dass den Frauen im Saal nur eines durch den Kopf ging: "Er ist so alt, so fett, und trotzdem macht er mich so wuschig"...

Gegen Ende des ungewöhnlicherweise mit zwei (Raucher-) Pausen verlängerten Konzerts gab es Begemann dann auf, die Geduld des Publikums mit ernsten bzw. spröden Titeln wie "Meine vergiftete Stimme" oder "Ein Sportunfall" zu strapazieren und wendete sich vermehrt dem leichten Liedgut zu. Also gab's noch die "IKEA-Falle" ("Innenarchitektur ist faschistisch, und Enie ist Hermann Göring! Jede Wohnung sieht gut aus, wenn man sie putzt!"), "Seifenoper-Situation" und "Kelly Family Feeling" zu hören, wobei Begemann dann plötzlich die Emotionen etwas zu sehr hochzukochen schienen, denn er erinnerte das Publikum: "Wir haben hier geregelten Spaß!"

Eigentlich hätte schon nach dem kurzen Medley aus "A Sunday Kind Of Love" und "Can't Help Falling In Love" ("Der King hat das Gebäude verlassen!") Schluss sein können, doch als allerletztes Lied spielte Begemann noch das ebenso willkommene wie gelungene "Wir werden tanzen", gewidmet "allen Liebespaaren und allen, die das Gefühl haben, sie sollten Teil eines Liebespaares sein!"

Es war vielleicht nicht Begemanns bester Soloauftritt - dafür war er etwas zu zerfahren, und Aha-Erlebnisse bei der Songauswahl fehlten -, aber die glücklichen Gesichter der Zuschauer beim Verlassen des Saals schienen dennoch zu sagen: Kurzweilig war's und - wir kommen gerne wieder!

Weniger als eine Woche nach dem Gastspiel in Duisburg schaute Begemann also schon wieder im Ruhrpott vorbei und bewies dabei die von ihm gewohnte Flexibilität. Nicht nur, dass er dieses Mal mit seiner Band auf der Bühne stand, nein, die Setlist spiegelte auch die Tatsache wider, dass es an diesem Tag einen mittelschweren Wintereinbruch gegeben hatte, der die Anfahrt der Musiker aus Göttingen um mehrere Stunden verlängert hatte. Also ging's gleich ungewöhnlich mit "Wahrscheinlich der Winter" und dem immer wieder großartigen "Lebendig begraben" los, bevor Begemann seine Mitstreiter, die anfangs noch etwas müde wirkten, gleich mit dem dritten Song aufs Glatteis (!) führte, indem er kurzentschlossen das offenbar länger nicht gespielte "Soviel Spaß zusammen" ins Programm nahm - lässig angekündigt mit: "Wir hätten natürlich auch im Proberaum üben können"!

Dass die Nummer trotzdem prima funktionierte, ermutigte Begemann, auch für den Rest des Abends eine ganze Menge Raritäten aus dem Hut zu zaubern und nur vergleichsweise wenig Hits der Kategorie "Oh, St. Pauli" zu bringen. Und wenn die vier auf Altbekanntes zurückgriffen, auf "Fernsehen mit deiner Schwester" zum Beispiel, gab es dennoch stets ein paar neue Einlagen. Wir zumindest haben noch nicht erlebt, dass Begemann bei der Zeile "Sie hängt noch ein bisschen an ihm" versucht, sich mit dem Mikrokabel selbst zu strangulieren, und als er irgendwann aufs Gitarrespielen verzichtete, um einen kleinen Striptease hinzulegen, konnte die Befreiung so richtig aufdrehen. Da konnte man sogar verschmerzen, dass Drummer Achim Erz ausnahmsweise mal auf seinen Anzug verzichtet hatte, dafür begeisterte er mit seinem (O-Ton Begemann) "verwegenen Errol Flynn-Lächeln". Doch nicht nur der Drummer hatte seinen kleinen Auftritt im Rampenlicht. Keyboarder Kai Dohrenkamp ("Er hat Bierzelterfahrung", ließ uns Begemann wissen) wurde doch tatsächlich von seinem Chef genötigt, ein Lied zu singen, und zwar "Rote Lippen soll man küssen" von Cliff Richard. Dohrenkamp schien davon zwar überhaupt nicht begeistert zu sein ("Das muss ein Albtraum sein", waren seine genauen Worte), doch Begemann ließ sich nicht von der Idee abbringen. "Eigentlich müssten wir jetzt aufhören zu spielen", bemerkte er im Anschluss, "denn an diese alten Gassenhauer kommt nichts ran - außer unsere eigenen Gassenhauer!" Also gab's - natürlich! - "Unten am Hafen" zu hören. Weil die vier aber nicht nur die deutschen Marx Brothers (Selbsteinschätzung), sondern auch Dienstleister sind, endete die erste Halbzeit mit einem Publikumswunsch: "Christiane, das Mädchen vom CJVM", das trotz seines Seltenheitswerts nicht nur ganz ausgezeichnet klang, sondern auch noch in ein feines 60s-Medley aus "She's So Respectable" und "Shout" überging und ein in der Tat krönender Anschluss des ersten Teils war.

Ähnlich gedämpft wie der Anfang des Konzerts ließ sich auch der Beginn der zweiten Hälfte an. Fast alleine spielte Begemann "Dein Bett sieht furchtbar aus", bevor die Band bei "Ein Fremder in deiner Wohnung" fast schon in Richtung Reggae abdriftete. Nach einem willkommen krachigen "Ich habe nichts erreicht außer dir" kehrte die Band dann - durchaus subtil - zum Thema "Winter" zurück. Zunächst gab es "Derrick weint" zu hören (auch das ungeprobt, zunächst mussten die Herren nämlich erst einmal die Tonart verhandeln, was Begemann trocken mit "Hier kommt ein Lied, das wir nicht können, aber wir dachten, wir müssen es mal wieder üben!" kommentierte) und gleich im Anschluss "Gefangen in einem Samstagnachmittag". Wie schon in Duisburg entpuppte sich "Wir 3" - einer von drei neuen Songs an diesem Abend - auch im Bandarrangement als wahre Großtat, auch wenn Begemann lakonisch meinte: "Wenn ein Songwriter Familie hat, ist es vorbei!" Vor dem Lied von der "IKEA-Falle" bezeichnete er Innenarchitektur abermals als faschistisch, dieses Mal mit dem spitzen Zusatz: "Deshalb hat dieses Lied eine Botschaft - es ist antifaschistisch!" Wo wir gerade bei (aber)witzigen Ansagen sind - hat Begemann wirklich gesagt: "Eigentlich denke ich, dass jeder Mensch ein Recht hat zu leben, doch dann hör ich die neue Silbermond-Single..." und "Comedians sind der Abschaum der Erde. Ich hoffe, Gott wird sie aussortieren"? Bassist Ben Schadow wurde übrigens dem Publikum als "Single... mit Freundin" vorgestellt, was vor allem deshalb ziemlich lustig war, weil Schadows Herzdame nebst ihrer Mutter im Saal war! Ganz und gar nicht witzig, aber vielleicht das Highlight des Konzerts war dagegen die ungeheuer intensive, fast melodramatische Pianoversion von "Sie werden wahnsinnig in diesen Häusern", bei der Begemann auf die Gitarre verzichtete und den Song dafür praktisch in einer Art rudimentärer Gebärdensprache wirkungsvoll visualisierte.

Selbst bei den Zugaben kramte das Quartett noch eine echte Rarität hervor, und so kamen wir in den Genuss von "Claudia", bevor - als hübsches Gegenstück zu "Wahrscheinlich der Winter" zu Beginn - der Abend nach den obligatorischen rund drei Stunden mit "Bleib zuhause im Sommer" friedlich ausklang. Nicht zuletzt, weil uns Begemann und die Seinen in Essen genau die Aha-Erlebnisse bei der Songauswahl bescherten, die wir in Duisburg noch ein wenig vermisst hatten, war der Auftritt im Grend ein ganz ausgezeichneter. Einer, der Lust auf viele, viele weitere Konzerte von Begemann mit und ohne Band im Jahre 2009 machte!

Surfempfehlung:
www.bernd-begemann.de
www.myspace.com/berndbegemann
www.ohrensessel-filme.de
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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