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Konzert-Bericht
 
Unaufgeregtes Entertainment

Tom Liwa

Duisburg, Steinbruch/ Dortmund, Subrosa
07.02.2009/ 13.06.2009
Tom Liwa
Als wir zur angekündigten Showtime im Duisburger Steinbruch eintrafen, bekamen wir nur zu hören, dass der Soundcheck noch andauere. Ein bisschen verwundert waren wir ob dieser Aussage schon, war doch lediglich Tom Liwa, also ein Mann und seine Gitarre, angekündigt. Als sich die Türen des Saales dann einige Zeit später öffneten, wurde jedoch schnell klar, warum die Tonkontrolle länger als erwartet gedauert hatte: Fast ein Dutzend Gitarren (mit einer Ausnahme alles akustische) hatte der Protagonist des Abends auf der Bühne drapiert! Womöglich hatte er zudem noch sein Mobiltelefon in den Soundcheck mit einbezogen, denn als werdender Vater begleitete ihn sein Handy auch auf der Bühne, und Tom erklärte seinem Publikum zu Beginn vorsorglich, dass er in dem Moment verschwinden würde, in dem der Anruf der Mutter in spe käme...
Barfuß, dafür mit Mütze, legte er dann gleich mit "Konfuzius und der Wolf" los, doch wer danach ein echtes Best Of-Set erwartete, sah sich getäuscht. Ein beträchtlicher Teil des 20-Song-Sets war nämlich brandneu! So auch die zweite Nummer, die zusätzlich durch eine unerwartete Showeinlage glänzte: Toms Mobiltelefon klingelte! Es war aber nicht der erwartete Anruf, sondern nur ein Freund aus Berlin, dem dann erst einmal erklärt werden musste, dass er gerade in ein Konzert mit über 100 Besuchern hineinplatzte... Trotz der besonderen Situation, in der sich Tom an diesem Abend ohne Frage befand, lieferte er wieder einmal wundervoll unaufgeregtes Entertainment ab. Die große Auswahl an Saiteninstrumenten machte sich übrigens bezahlt: Schließlich ist es viel amüsanter, Tom beim Suchen nach dem richtigen Instrument zuzusehen, als langwierigen Umstimmpausen zuzuhören! Auch die Ansagen waren knapp, aber oft humorvoll und auf den Punkt. So kündigte er "Eskimo Herz" als "einen meiner vielen Songs über Minderheiten" an oder scherzte über die Spickzettel, die er an den Seiten vieler Gitarren angebracht hatte ("Es hat mich ja niemand gezwungen, so viele neue Songs zu spielen!").

Und selbst wenn ihn eine der Gitarren mal im Stich ließ - eine war so altersschwach, dass man befürchten musste, sie würde das Ende des Songs nicht mehr erleben -, glich Tom das locker mit einem besonders intensiven Gesangsvortrag wieder aus. Das Highlight unter den neuen Songs war an diesem Abend eine Nummer über dass Unterwegssein, die Tom für Florian Glässing geschrieben hatte und die - passend zum Thema Autobahn - auf den Namen "A2" hört. Wie inzwischen fast schon Tradition (zumindest bei seinen Konzerten in der näheren Umgebung), hatte Tom auch in den Steinbruch zwei Gäste eingeladen. Denen wäre übrigens auch die Aufgabe zugefallen, den Gastgeber auf der Bühne zu ersetzen, wenn Toms Handy noch einmal geklingelt hätte - beide schienen allerdings heilfroh zu sein, dass es stumm blieb. So beschränkten sich die Gastauftritte auf jeweils zwei Songs. Florian Kuehlem präsentierte uns ein eigenes Stück und ein vertontes Gedicht von Goethe und meinte dazu nur locker, wir würden dann schon erkennen, welches welches sei! Es spricht für sein Talent als Songwriter, dass seine eigene Nummer besser ankam als das in Songform gegossene alte Gedicht, zumal sich Kuehlem auch als sehr patenter Gitarrist präsentierte und damit einige gesangliche, womöglich einer gewissen Nervosität geschuldeten Defizite ausgleichen konnte. Der zweite Gast war Desiree Klaeukens, die anders als Florian auch von Tom begleitet wurde. Auch Duisburgs Antwort auf Joni Mitchell spielte zwei Songs - "in einer krassen Tonart", wie Tom anmerkte - und präsentierte sich dabei als geradezu unerwartet gute Performerin, die in ihren Songs wesentlich aufgeräumter daherkommt, als sie das abseits der Bühne bisweilen tut. Von dieser Dame werden wir noch einiges hören, so viel ist sicher!

Für den nächsten Song, den er allein spielte, griff Tom danach zur Stromgitarre und unterlegte den Song mit ungewöhnlichen, aber sehr passenden Wah-Wah-Tönen. Das reguläre Programm endete mit "Crazy Tom" aus dem großartigen aktuellen Album "Komm Jupiter". Das war bis zu diesem Zeitpunkt, von dem großartigen "Klicker der Fuchs" einmal abgesehen, sträflich unterrepräsentiert, aber das sollte sich bei den Zugaben noch ändern. Zunächst einmal gab es jedoch eine Coverversion zu hören - und was für eine. Musikalisch ziemlich umgekrempelt, aber dadurch erst recht bemerkenswert, spielte Tom "How Soon Is Now" von The Smiths und kurz danach - mit einem an den Mikroständer gehefteten Textblatt, das sich mitten im Song verabschiedete - sogar noch das wunderbare "May You Never" als Hommage an den jüngst verstorbenen John Martyn. Den Wunsch eines Besuchers, danach auch noch "Hardly Getting Over It" von Hüsker Dü zu spielen, verweigerte Tom zwar, dafür gab es zwei höchst willkommene weitere Auszüge aus "Komm Jupiter" zu hören, nämlich "Ludwig Adobar", und ganz zum Schluss als kurzes Gute-Nacht-Lied "Oh, Elefant".

Dann war es, je nach Neigung, Zeit für die Disco oder die von Tom zum Abschied in Aussicht gestellten "therapeutischen Einzelgespräche" nach Konzertende. Abende mit vielen neuen, dem Publikum völlig unbekannten Songs sind selten wirklich kurzweilig, dass dieses Adjektiv den Abend im Steinbruch dennoch treffend beschreibt, spricht für Tom und seine neuen Songs und lässt auf einen hoffentlich bald erscheinenden tollen Nachfolger von "Komm Jupiter" hoffen!

Dass auch das Konzert im Dortmunder Subrosa rund drei Monate später ein ganz ausgezeichnetes werden würde, stand eigentlich bereits fest, bevor auch nur ein Ton gespielt war. Vor dem ersten Lied berichtete Tom nämlich seinem Publikum haarklein, wie viel er für seine Kleidung ausgegeben hatte, egal ob es das Hemd für drei DM oder die Unterhosen im Real-Fünferpack waren, um zu beweisen, dass man "todschick für ganz kleines Geld" sein kann, wie er augenzwinkernd meinte. Als sei dieser Einstieg in den Abend nicht ungewöhnlich genug gewesen, spielte er als erste Nummer AC/DCs "Highway To Hell"!

Ansagen waren im ersten Teil des Konzerts zwar Mangelware - abgesehen davon, dass er den Versuch des Hausherrn, Toms Stimme im Mix lauter zu drehen, locker konterte mit: "Dann kann ich ja jetzt leiser singen!" -, doch die Songs sprachen für sich, schließlich sind seine Songs kaum je direkter gewesen als auf "Komm Jupiter" und dem wenige Wochen vor dem Konzert erschienenen neuen Album "Eine Liebe ausschließlich". Weil die beiden Platten gewissermaßen zwei Seiten der gleichen Medaille repräsentieren, gab es zunächst immer schön abwechselnd Stücke aus beiden zu hören. Auf das auch solo wunderbare "Eh egal" folgte "A2" mit der sensationellen ersten Zeile: "Ich bin über die Bahn geheizt, im strömenden Regen, ich hab kaum was gesehen, allein schon wegen den Tränen", nach dem Edith Piaf-inspirierten "Moi Non Plus" stand "Crazy Tom" auf der Setlist. Das heimliche Highlight des Abends war allerdings die zweite Coverversion, "Chasing Cars" von Snow Patrol, das Tom, wie er freimütig zugab, zuerst in der Version von Thomas Godoj kennengelernt hatte und an diesem Abend (wie auch auf "Eine Liebe ausschließlich") spielte, als hätte er es geschrieben und nicht Gary Lightbody.

Alte Songs spielten an diesem Abend nur eine Nebenrolle. "Eskimo" und "Konfuzius und der Wolf" passten zwar wirklich prima ins Set, spannender aber war zu hören, wie Tom seine neuen Stücke präsentierte. Das ausgezeichnete "Gründe" erwies sich dabei als wichtiger Eckpfeiler im stark autobiographisch geprägten Set. "Wer sich das Elend bis hierhin angehört hat, den interessieren ja vielleicht auch die Gründe", kündigte Tom die Nummer an, um gleich danach das bisher unveröffentlichte "Flensburg" folgen zu lassen, das auch von den Gründen handelt, die Toms Leben in den letzten ein, zwei Jahren so turbulent werden ließen.

Die erste Zugabe bestritt Tom dann - inspiriert von einem Lagerfeuer-Video der Felice Brothers auf YouTube - mit nacktem Oberkörper (er fragte vorher das Publikum um Erlaubnis!) und ließ es bei "Du läufst immer noch vor mir weg" richtig krachen - der Song geriet live wesentlich heftiger, sprich: intensiver als das keinesfalls schlechte Album-Original. Der Rest der Zugabe war Experimenten vorbehalten. Da gab es eine Coverversion von The Guess Who ("Don't You Want Me"), ohne dass sich Tom vollständig an das Lied erinnern konnte, ein, zwei weitere brandneue, noch gar nicht veröffentlichte Songs, den verlorenen (weil auf keiner offiziellen Liwa-Platte veröffentlichten) Klassiker "Gelogen" und sogar noch einen echten Publikumswunsch: "Herz aus Stein", das einzige Lied der Flowerpornoes, das es an diesem Abend in Dortmund in das über zweistündige Programm schaffte, bevor ein weiteres neues Lied, "Sonntagskind" heißt es wohl, für einen versöhnlichen Abschluss des Konzerts sorgte. "Nachher sitz ich dann hier [am Bühnenrand], wir quatschen und ihr kauft CDs", ließ uns Tom am Ende noch wissen.

Mit dem Konzert letzten Herbst im Essener Grend hatte uns Tom begeistert wie schon seit Jahren nicht mehr, mit dem Auftritt im Steinbruch in Duisburg hatte er praktisch das Versprechen abgegeben, dass das tolle "Komm Jupiter"-Album keine Eintagsfliege bleiben würde, und mit "Eine Liebe ausschließlich" und diesem abermals brillanten Gastspiel im Subrosa hat er es nun eingelöst. "Er ist zurück", sagt man in solchen Fällen gerne, wir aber sagen sogar: "Tom Liwa ist jetzt besser als je zuvor!"

Surfempfehlung:
www.tomliwa.de
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Pressefreigabe-


 
 

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