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Saubere Sache!

Olgas-Rock

Oberhausen, Olga-Park
07.08.2009/ 08.08.2009

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Sondaschule
Herzlichen Glückwunsch! Dieses Jahr gab es die zehnte Ausgabe des Olgas-Rock zu feiern, jenes Umsonst und draußen-Festival unweit des Oberhausener Gasometers, das sich in den letzten Jahren stetig von einer kleinen, fast familiären Ein-Tages-Veranstaltung zu einem feinen Wochenend-Event gemausert hat, das immer mehr Zuschauer anzieht. Abgesehen von der Tatsache, dass die Headliner inzwischen durchaus mal internationale Größen aus Skandinavien anstatt "local heroes" aus Wiesbaden oder Koblenz sein dürfen, hat sich seit unserem ersten Besuch auf dem Olgas-Rock im Jahre 2002 nicht dramatisch viel verändert - und das ist gut so!
Nachdem am Freitagnachmittag bei bestem Festivalwetter die lokale Prominenz und der Nachwuchs den Auftakt gemacht hatten, hatten um 18.00 Uhr Mikroboy die Chance, uns ihr vor wenigen Tagen erschienenes, von Swen Meyer produziertes Debütalbum "Nennt es, wie ihr wollt" schmackhaft zu machen - und das gelang dem Quartett ganz ausgezeichnet. Im Windschatten von Bands wie ClickClickDecker und Kettcar (die, das Offensichtliche etwas überbetonend, nach dem Mikroboy-Auftritt als Soundtrack zum Change-over dienten) zeigten die Mannheimer einmal mehr, dass amerikanisch geprägter Indierock mit Bleeps und Clonks und einem bisweilen unverhohlenen Hang zu Melodramatik (auf ihrer MySpace-Seite nennt die Band als ersten Einfluss vermutlich nur halb im Scherz Queen) inzwischen problemlos zu deutschen Texten mit Köpfchen passt. Äußerst kurzweilig!

Wirklich beeindruckend im Anschluss eine Band aus Oberhausens Partnerstadt Middlesbrough, einem "Shithole" an der Ostküste Nordenglands, wie uns die vier nicht nur zufällig schwarz gekleideten Herren wissen ließen. Im Dunstkreis von Joy Division, Sonic Youth und - ganz wichtig - ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead beschwor das Quartett trotz des sonnigen Wetters für 35 Minuten den Weltuntergang herauf. Bis auf den kahlköpfigen Gitarristen, der sozusagen als Fels in der Brandung fungierte, hatten die Briten alle reichlich überschüssige Energie abzubauen. Der Drummer prügelte erbarmungslos auf das (geliehene) Schlagzeug ein, der Bassist verbrachte den Großteil des Auftritts damit, sich am Bühnenrand in Pose zu werfen, und sprang beim letzten Song sogar ins Publikum, um sich in den wilden Circle Pit zu werfen, der inzwischen vor der Bühne tobte, und der Sänger versuchte gleich mehrmals, sich mit dem Mikrokabel zu strangulieren, und machte - ohne mit der Wimper zu zucken - Ansagen wie: "Das nächste Lied handelt davon, Babys in Plastiktüten zu stecken, einen Stein dranzubinden und in den Fluss zu werfen." Wie gesagt, wo The Chapman Family auftritt, ist die Apokalypse nicht weit. Oder, wie der NME so treffend schrieb: "The sound of death itself." Das (heimliche) Highlight des Tages!

Spannend auch zu sehen, wie sehr sich The Ghost Of Tom Joad innerhalb nur eines Jahres weiterentwickelt hatten. Zugegeben, die originellste Band der Welt sind die Münsteraner immer noch nicht, aber während man auf ihrem Debüt "No Sleep Until Ostkreuz" die Inspirationen des Trios etwas zu schnell und eindeutig zuordnen konnte, haben sie auf dem Nachfolgewerk "Matterhorn" mit weniger Pathos, mehr Inhalt und größerer Direktheit einen musikalischen Quantensprung gemacht, der sich auch auf der Bühne positiv bemerkbar machte. Witzig am Rande: Als Sänger Henrik Roger erzählte, er sei besonders froh, an diesem Abend in Oberhausen auf der Bühne zu stehen, da seine Band ihr allererstes Konzert im Vorprogramm des Noise Conspiracy-Ablegers The Lost Patrol Band gespielt habe, rief - sehr zur Irritation des Ghost Of Tom Joad-Sängers - jemand im Publikum: "Lüdinghausen!" Offenbar hatte die Band vergessen, dass sie ihr erstes Konzert nicht im Münsteraner Gleis 22 als Support für Dennis Lyxzéns andere Band, sondern in eben jenem Lüdinghausen gespielt hatte...

Die unbestrittenen Headliner des Abends waren natürlich The (International) Noise Conspiracy - bekanntermaßen in runderneuerter Form. Die Besetzung der schwedischen Band hat sich in der mehr als vierjährigen Veröffentlichungspause, die dem letzten Winter erschienenen aktuellen Album "The Cross Of My Calling" vorausging, zwar nicht verändert, das Aussehen und Bühnengebaren der Musiker dafür umso mehr. Uniformiert waren die fünf zwar immer noch, statt Army-Look reichten nun allerdings Jeans, schwarze Westen und viel nackte Haut. Los ging's gleich mit dem alten Heuler "The Way I Feel About You", und auch das großartige "Smash It Up" stand früh auf dem Programm, aber dass Lyxzén letztere Nummer mit den Worten "We're gonna go oldschool" ankündigte, durfte man durchaus als Warnung verstehen, dass es die alte Noise Conspiracy, in die wir uns in der ersten Hälfte des Jahrzehnts verliebt hatten, so nicht mehr gibt.

Zwar hatten wir in der Umbaupause noch The Who aus der Konserve zu hören bekommen und Lyxzéns Mikrokabelakrobatik erinnerte wirklich einmal mehr an Roger Daltrey, doch bei den zahlreichen neuen Songs zeigte sich, dass die Schweden definitiv inzwischen eher The Doors als Referenz sehen denn The Who. Positiv bemerkbar machte sich, dass der Sound souliger geworden ist, leider ist allerdings auch viel von der unbeirrten musikalischen Geradlinigkeit und messerscharfen textlichen Exaktheit früherer Tage gegen eine streckenweise etwas diffuse, geradezu hippieeske Laissez-faire-Haltung eingetauscht worden, über die auch Titel wie "Hiroshima Mon Amour" oder "I Am The Dynamite" nicht vollends hinwegtäuschen konnten. So überraschte es nicht, dass Lyxzéns Aufruf, ein politisches Gewissen zu entwickeln, erst spät kam. Überhaupt hatte man ein wenig das Gefühl, dass sich der gut aussehende Frontmann, auch wenn er über die Bühne sprang und rannte wie eh und je, an diesem Abend mehr Gedanken um den Inhalt seiner engen Jeans und die Zurschaustellung seiner zahlreichen Tattoos machte als um die Weltrevolution. Das sei ihm gegönnt, dennoch machte dieses Auftreten genau das zunichte, was die Band bisher zu etwas Besonderem, wenn nicht gar Einzigartigem gemacht hatte. Und auch wenn T(I)NC weiterhin eine äußerst energetische, ja sogar mitreißende und damit explizit festivaltaugliche Rockshow bieten - ein bisschen schade ist das schon.

Das Wetter meinte es am zweiten Festivaltag nicht ganz so gut mit dem Olgas-Rock, aber wer braucht Sonnenschein, wenn die Kölner Frohnaturen von Mofa auf der Bühne stehen und Punkrock mit Köpfchen und Können fabrizieren? Die vier Herren hatten die Ehre, nach dem nachmittäglichen "Aufwärmprogramm" gegen 18.00 Uhr zu den Hauptattraktionen überzuleiten, und taten dies in gewohnter Manier - und wie immer gekleidet in feinste 70er-Jahre-Tennisklamotten. Zu neuen Ohrwürmern aus dem im September endlich erscheinenden ersten Mofa-Album gesellten sich das an dieser Stelle schon mehrfach wärmstens empfohlene "Tiger" und mit "He-Man + Skeletor" und dem immer wieder sensationellen "Hohn Scheine Sterben" sogar einige Ausflüge zum Frühwerk der Sichelzecken. Nicht nur, weil sie sich strategisch günstig als Freunde und Fans der Sondaschule outeten, dürften Mofa an diesem Tag eine ganze Reihe neuer Freunde gefunden haben.

Die Mainzer Auletta hatten ihre Fans bereits mitgebracht, und deshalb wurde bei den Pöbeleien und der Poesie des hessischen Quartetts des Öfteren heftig mitgeklatscht und nicht nur das abschließende "Ein Engel, kein König" laut mitgesungen. Hat schon Vorteile, so ein Majorlabeldeal! Musikalisch wurden die Freunde der frühen Kings Of Leon und The Strokes glücklich gemacht, aber durch die deutschen Texte sind Auletta natürlich vollkommen eigenständig.

Für das Ausrufezeichen des Samstags durften danach vier Damen aus Norwegen mit einem deutschen Bandnamen sorgen: Katzenjammer. Ausgerüstet mit einem monströsen Balalaika-Bass, Mandolinen, einem Banjo, einer Quetschkommode, einem teils selbstgebauten Schlagzeug, nur vereinzelten konventionellen Instrumenten und einer ungeheuren Portion Spaß an der eigenen Musik, ließ sich das Quartett selbst dadurch, dass sich Anne Marit Bergheim tags zuvor den Fuß gebrochen hatte und beim fliegenden Instrumentenwechsel kaum nachkam, die Freude nicht verderben und sorgte mit seiner laut Website u.a. von Astrid Lindgren und Walt Disney (!) inspirierten Melange aus nordischer Volksmusik, Country, Pop und altmodischem Rock N Roll dafür, dass das Publikum kräftig hüpfen und springen konnte. Sogar an einem Singalong in norwegischer Mundart versuchten sich die vier und schütteten sich aus vor Lachen, als das Experiment gründlich misslang. Auch das Publikum hatte sichtlich Spaß, wenngleich der Auftritt am Vortag vermutlich (noch) besser angekommen wäre. Vier durchaus hübsche Damen in bunten Kleidchen vor Tausenden alkoholisierter Sondaschule-Fans auftreten zu lassen, war nicht die smarteste Idee der Veranstalter...

Inzwischen war es brechendvoll auf dem Festivalgelände und die Besucherzahl des Vortages (5.000) locker verdoppelt. Kein Wunder, schließlich waren Sondaschule angekündigt, und die waren nicht nur Lokalmatadore, sondern ganz besonders heiß auf den Olgas-Rock-Auftritt. Wie schrieben die Herren doch so schön auf ihrer Website? "Die Sensation ist perfekt! Sensation!? JA, SENSATION!!! Mit Glück, Überredungskunst und der Androhung von sinnloser Gewalt ist es uns gelungen, die Veranstalter unseres Lieblingsfestivals Olgas Rock davon zu überzeugen, uns am Samstagabend, den 08.08.2009, umsonst und draußen, unsere Heimatstadt in Schutt und Asche legen zu lassen. Wir sind uns Band-intern jetzt schon sicher, das wird das Sondafestival-Highlight des Jahres."

Und weil nicht nur das Festival, sondern auch gleich noch Sondaschule dieses Jahr ihr Zehnjähriges begehen, hatten die acht Ska-Punks versprochen, sich für den Auftritt etwas ganz Besonderes einfallen zu lassen. Wer Angst um seine Klamotten habe, solle besser zur Seite gehen, hatte Sänger Costa Cannabis gleich zu Beginn des vom ersten Song an stürmisch gefeierten Auftritts gesagt, doch was er damit meinte, sollte sich erst später zeigen. Zunächst einmal stürmten die acht Herren in Weiß nämlich - frei nach dem Motto ihres letzten Albums - "Volle Kanne" durch ein Set aus Hits und Hymnen für Sondaschüler, wobei das Hauptaugenmerk natürlich auf neuen Nummern wie "Soundtrack deines Lebens" oder der Anti-Hip-Hop-Tirade "Nr. 1 in den Charts" lag, aber auch alte Stücke wie das herrlich gemeine "Alles Gute" und das nicht weniger fiese und ebenso infantile "Bar(t)bara" durften natürlich nicht fehlen. Klar, dass die Stimmung praktisch überschäumte! Das nahm die Band dann zum Schluss noch wörtlich und ließ das Publikum in einem gigantischen Schaumbad versinken!

Will meinen? Der Auftritt von Sondaschule war wie das gesamte diesjährige Olgas-Rock eine saubere Sache!

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Surfempfehlung:
www.olgas-rock.de
www.myspace.com/olgasrock
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Simon Mahler-


 
 

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