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Konzert-Bericht
 
Unter Schock

Tom Liwa

Bochum, Bahnhof Langendreer
10.03.2010
Tom Liwa
Das Liwa'sche Konzertjahr ist noch jung, aber eines steht jetzt schon fest: Auch anno 2010 bleibt der Duisburger Ausnahme-Singer / Songwriter unberechenbar. Hatte er 2008/09 nach der Veröffentlichung seiner großartigen letzten Alben "Komm Jupiter" und "Eine Liebe ausschließlich" viele Konzerte gespielt, bei denen fast ohne Ausnahme die neuen Songs die Hauptrolle spielten und seine vielen alten Klassiker zu Statisten degradiert wurden, gab er im vergangenen Winter eine Reihe experimenteller Konzerte mit Aufführungscharakter, bei denen er ausschließlich sang und die Gitarrenbegleitung aus der Konserve kam ("Ich hab ja eine Tendenz, für Unsicherheit am Arbeitsplatz zu sorgen", erklärte er, ohne mit der Wimper zu zucken). In Bochum dagegen spielte er die Gitarre wieder selbst - und sang noch dazu untypischerweise seine größten Erfolge.
"Ich steh noch unter Schock, denn ich hab gerade die ersten zehn Minuten von Johann König gesehen", erklärte Liwa mit Blick auf die nebenan stattfindende Comedy-Veranstaltung spitz, als er mit 15 Minuten Verspätung die Bühne betrat, sich eine Ukulele schnappte und "I'll Keep It With Mine" anstimmte. Geschrieben wurde der Song von Dylan, gesungen von Nico (und vielen anderen), und trotzdem klang er an diesem Abend ungemein liwaesk. Man konnte sich fast einbilden, dass "Lieber als hier" darin widerhallte.

Wie ernst es dem Protagonisten des Abends mit der Abkündigung war, seine Greatest Hits zu spielen ("Das ist ja schwierig, da ich nie Hits gehabt habe"), zeigte sich direkt im Anschluss. Als ersten Song aus Liwas Feder bekam das Publikum nämlich ausgerechnet den größten Nicht-Hit zu hören, den er je hatte: "Für die linke Spur zu langsam", den er für gewöhnlich nicht so gerne, nur auf Zurufe und fast ausschließlich bei den Zugaben spielt.

Mit "Making Of" und "Julianastraat" folgten zwei weitere, in den letzten Jahren kaum noch gehörte Songs aus den ersten Jahren des neuen Jahrtausends. Dass sich unter die alten Lieblinge auch einige unveröffentlichte Stücke mischten, hätte bei anderen Künstlern vermutlich das Konzept gesprengt, bei Liwa - übrigens seit zwei Wochen offiziell alleinerziehender Vater von drei Kindern - gehörte es einfach dazu. Dass sich auch Stücke des aktuellen Albums im Programm wiederfanden, war dagegen nicht ironisch gemeint: Schließlich gehören Titel wie "Du läufst immer noch vor mir weg" ohne Frage zu Liwas besten. Auch Abstecher zum Oeuvre der Flowerpornoes gab es. "Eng in meinem Leben" (dem bekanntlich der Titel des aktuellen Liwa-Albums entlehnt ist) folgte wortlos auf die Großtat "Nicht müde genug", später folgte noch ein tolles "Lieber als hier".

Nachdem sich ungefähr zur Hälfte des Programms "Halbtot und hässlich" als besonderes Highlight entpuppt hatte, folgten zwei weitere Coverversionen: zuerst das eigentlich schwer zu toppende "On The Way Home" von Neil Young und direkt im Anschluss eines der schönsten Liebeslieder, die je geschrieben wurden, "A Case Of You" von Joni Mitchell, das - trotz der vielen Liwa-Klassiker - so etwas wie der heimliche Höhepunkt des gesamten Zwei-Stunden-Auftritts darstellte. Johann König hatte sein Programm zu diesem Zeitpunkt übrigens schon beendet und telefonierte backstage so lautstark mit seinem Manager, dass man es im Saal problemlos mithören konnte. "Soll ich mal hingehen und sagen: Ich arbeite noch?", fragte Liwa sein Publikum, nur um dann, als er auf die Bühne zurückkehrte, noch hinzuzufügen: "Soll ich noch mal gehen und sagen: War nur ein Scherz?"

Zu Scherzen war Liwa auch am Ende von "Stunde des Zweifels" aufgelegt, fügte er dem tollen Song doch noch ein "Human Loopbox"-Outro an und hatte damit die Lacher auf seiner Seite. Mit dem dylanesken "Leb gefährlich Arthur" gab es kurz vor Ende noch eine letzte, wenngleich höchst willkommene Obskurität zu hören, bevor "Wovor hat die Welt am meisten Angst" das reguläre Programm beendete.

Natürlich hatte sich Liwa auf Zugaben eingestellt, doch richtig spannend wurde es erst, als er auch die - darunter die einzige "Komm Jupiter"-Nummer "Crazy Tom" - abgehakt hatte. 21 Songs hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits gespielt, aber zwei seiner schönsten fehlten noch. Offenbar spontan (zumindest bilden wir uns das sehr gerne ein) hängte er sie dann aber doch noch dran: zuerst ein trotz eines kleinen Textwacklers wunderbar intensives "Respekt" und als letzte Nummer noch "Gründe", sodass der Abend perfekt mit dem Vers "Aus Gründen, die ich sehr wohl kenne, und Gründen, die ich raten muss, und Gründen, die sich niemals ändern, werd ich dich lieben bis zum Schluss" endete.

Besonders viel Bedarf an den dem Publikum in Aussicht gestellten therapeutischen Einzelgesprächen gab es nach Konzertende dann nicht mehr. An der Qualität des Auftritts lag das allerdings nicht, eher daran, dass die gespielten Songs bereits genug heilende Wirkung besessen hatten.
Surfempfehlung:
www.tomliwa.de
www.myspace.com/tomliwa
de.wikipedia.org/wiki/Tom_Liwa
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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