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Konzert-Bericht
 
Ungeplant auf Abwegen

Natalie Merchant

Köln, Kulturkirche
12.05.2010

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Natalie Merchant
Wer Natalie Merchant im Laufe ihrer langen Karriere schon einmal auf der Bühne erleben durfte, weiß: Live-Auftritte des "most talented troubadour of our generation" sind keine gewöhnlichen Konzerte. Manchmal hört sie mitten im Song einfach auf zu singen, um mit dem Publikum zu reden (während die Band natürlich weiterspielt, als sei nichts gewesen!), dann wieder stimmt sie spontan irgendwelche Coverversionen an, in der Hoffnung, dass ihre Band den Song kennt und sie nicht mal wieder eine schlechte Tonart ausgesucht hat. Außerdem spielt sie eigentlich das gleiche Set nie zweimal, immerhin hat sie nach fast 30 Jahren im Geschäft wahrlich genug Songs zur Auswahl.
Ihre aktuelle Tournee findet allerdings unter etwas anderen Vorzeichen stand: Im Mittelpunkt des Interesses steht schließlich Natalies neuestes Werk "Leave Your Sleep", auf dem sie - ebenso ambitioniert wie gekonnt - Gedichte zum Thema Kindheit vertont hat. Die Konzerte dienen dabei nicht nur der Präsentation der Songs, zwischen den einzelnen Stücken erzählt Natalie bisweilen recht ausführliche Geschichten zu den Autoren und zur Entstehung ihrer Gedichte. So liefen dann auch praktisch alle Konzerte der Tournee nach einem streng vorgegebenen Schema ab: Die ersten 90 Minuten wurde "Leave Your Sleep" ausführlich vorgestellt, bei einer kurzen Zugabe gab es dann noch eine Handvoll alter Hits zu hören. In der ausverkauften Kölner Kulturkirche dagegen erlebten wir für eine halbe Stunde allerdings doch die "alte", unberechenbare Natalie. Doch der Reihe nach.

Den Anfang machte nämlich auch in der Domstadt die Aufführung von "Leave Your Sleep", wobei die ansonsten so engagierte und leidenschaftliche Natalie zunächst etwas kraftlos wirkte. Sie sei müde, gestand sie dem Publikum, verhaspelte sich bisweilen bei den Powerpoint-Präsentationen zwischen den Liedern und kürzte manche Geschichte einfach ab. Der Freude über die Musik tat dies indes keinen Abbruch. Mit minimalem Backing (ihren beiden langjährigen Gitarristen Gabriel Gordon und Erik Della Penna, vereinzelt unterstützt durch eine Cellistin) stand Natalies einmalige Stimme noch mehr im Vordergrund als auf ihren Platten, und ob der virtuosen Anpassungsfähigkeit ihrer beiden Mitstreiter an den sechs Saiten vermisste man die oft opulenten Arrangements der Platte auch zu keinem Zeitpunkt. Nachdem die ersten Höhepunkte ("If No One Ever Marries Me", "Janitor's Boy", "Peppery Man”) fast etwas beiläufig abgehakt worden waren, stellte das nur mit gespenstischer Cellobegleitung, von Natalie am Bühnenrand kauernd dargebotene "Indian Names" das erste absolute Highlight dar, bevor Natalie erstmals vom Standradprogramm abwich. Weil das Konzert in einer Kirche stattfand, sang sie - solo und a cappella - Franz von Assisis "Sonnengesang" - natürlich auf Italienisch! Zwar entschuldigte sie sich anschließend, dass sie ein paar Strophen ausgelassen habe, trotzdem sorgte sie mit dem Stück für den ersten echten Gänsehautmoment. Genauso hinreißend auch das folgende "Crying, My Little One". Interessant übrigens, dass live vor allem Stücke herausstachen, die "nur" auf der Doppelalbum-Version von "Leave Your Sleep" zu finden sind und auf der Economy-Version mit nur einem Tonträger fehlen. Mit "Equestrienne" zum Schluss des regulären Programms schimmerte dann nach 90 Minuten erstmals ein wenig der sonst häufig allgegenwärtige Übermut Natalies durch, als sie zur fröhlichen Musik ausgelassen tanzte - "Es gibt doch bestimmt irgendeinen deutschen Volkstanz, der dazu passen würde!", meinte sie lachend - und dabei dann auch endlich der Funke auf das Publikum übersprang, das bis zum diesem Zeitpunkt je nach Sichtweise angemessen respektvoll oder aber fast ein wenig zu ehrfürchtig der Darbietung gelauscht hatte.

Mit "Land Of Nod" als erstem Song der (einzigen geplanten) Zugabe schloss Natalie dann das Kapitel "Leave Your Sleep", drehte sich zur Leinwand um, winkte (kein Scherz!) dem letzten Bild ihrer Powerpoint-Präsentation zum Abschied noch einmal zu und hätte sich dann eigentlich der Handvoll Greatest Hits ihrer Solokarriere widmen wollen, die sich allabendlich an die neuen Songs anschließen. Doch nicht an diesem Abend in Köln! "Wir kommen jetzt zu einen Song, den wir nicht spielen können", sagte sie geheimnisvoll, und dann folgte doch tatsächlich "Don't Talk" von 10,000 Maniacs, dabei hatte sie eigentlich seit Jahren kaum noch Songs ihrer alten Band und schon gar nicht diesen gespielt. Das machte sich dann auch ziemlich bald bemerkbar, denn natürlich konnte sie den Text nicht! Das war aber nicht weiter schlimm, sorgten die folgenden Dialoge à la "Was reimt sich wohl auf 'listen'?" doch für viel Belustigung auf und vor der Bühne. Irgendwann wurde Natalie dann zu peinlich, weiter zu improvisieren, und sie brach den Song mit den Worten ab: "Es gibt doch bestimmt noch andere Songs, die wir nicht spielen können." Nach kurzer Diskussion mit ihren Musikern folgte dann - erstmals seit sechs Jahren - die alte Folk-Hymne "Which Side Are You On", bei der sich Natalie natürlich auch nur fragmentarisch an den Text erinnern konnte. Inzwischen waren ihr die Texthänger sichtlich unangenehm, sodass sie als Nächstes einen Song auswählte, bei dem sie textsicherer war, wenngleich auch "At Seventeen" von Janis Ian keinesfalls zu ihrem Standardrepertoire gehört! Nachdem sie anschließend versucht hatte, gemeinsam mit dem Publikum "Dust In The Wind" von Kansas zu singen und Gabriel Gordon einen (missglückten) Versuch gestartet hatte, Natalie dazu zu bringen, "Stairway To Heaven" (!) zu singen, ließ Natalie uns - an der Kirchenkanzel stehend - wissen, dass sie nun Publikumswünsche mit religiösem Bezug erfüllen würde! Glücklicherweise hatte ein Herr vorne links im Publikum die göttliche (?) Eingebung, sich Leonard Cohens "Hallelujah" zu wünschen, das Natalie dann auch gleich mit großer Leidenschaft zum Besten gab! Angespornt vom Erfolg seines Vorgängers wünschte sich dann jemand anders im Publikum, dass Natalie ob der tollen Akustik der Kulturkirche eine Nummer ohne Mikro singen sollte! Gesagt - getan! Also stellte sich Natalie an den Bühnenrand, sang Bob Marleys "Redemption Song" und sorgte so für die nächste kollektive Gänsehaut. Anschließend beschloss "Break Your Heart", der erste Stück aus Natalies Feder an diesem Abend, diese völlig ungeplante und herrlich aus den Fugen geratene Zugabe.

Es dauerte allerdings nicht lange, bis Natalie und ihre Mitstreiter wieder auf der Bühne auftauchten und - unseres Wissens zum ersten Mal während der kompletten Tournee - noch einen weiteren Zugabenblock anhängten. Eigentlich hatte die Amerikanerin an dieser Stelle vorgehabt, nur noch das Traditional "Weeping Pilgrim" zu spielen und damit den Abend zu beenden, doch der fast schon aggressiv-fordernde Fan-Zwischenruf nach "Motherland" zwang sie zum Umdenken. Schließlich kommt sie nur alle zehn Jahre in Deutschland vorbei, und da soll niemand traurig nach Hause gehen. Nachdem sie sich beim Rufer die "Erlaubnis" geholt hatte, zunächst dennoch "Weeping Pilgrim" zu singen, brach sie den Song nach drei, vier Strophen kurzerhand ab, damit der Herr vorne links schneller "Motherland" zu hören bekam! Die Version des Titelstücks ihres 2001er-Albums war dann auch wirklich herzergreifend schön und wäre der perfekte Schlusspunkt gewesen, doch Natalie war inzwischen richtig wach und konnte offenbar gar nicht mehr genug von ihrem Kölner Publikum bekommen. Also gab es noch einen dritten Zugabenblock mit den Greatest Hits aus Natalies Solokarriere, die sie eigentlich schon 45 Minuten früher hätte spielen wollen!

Fast zweieinhalb Stunden hatten Natalie und Co. am Ende auf der Bühne der Kulturkirche gestanden, und auch wenn es etwas gedauert hatte, bis das Konzert in Gang kam, verdiente es am Ende doch ganz ohne Zweifel das Prädikat "außergewöhnlich"!

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Surfempfehlung:
www.nataliemerchant.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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