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Now that was a show!

The Posies

Tourtagebuch 2010

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The Posies
Als The Posies vor rund fünf Jahren zum letzten Mal auf Welttournee waren, regierte das Chaos. Zugegeben, das offensichtliche Durcheinander führte auch zu so manchem denkwürdigen Moment auf der Bühne, doch den Höhenflügen folgte oft schon beim nächsten Auftritt der tiefe Fall. Der Versuch der beiden Vordenker Jon Auer und Ken Stringfellow, das eigentlich unüberhörbare Rauschen hinter den Kulissen mit übertriebener Lautstärke, roher Energie und vielen, vielen alten Songs aus den 90ern, der kommerziell erfolgreichsten Zeit der inzwischen durch Bassist Matt Harris und Drummer Darius Minwalla komplettierten Band, zu übertönen, war zwar an den guten Abenden durchaus erfolgreich, dennoch fiel auf, dass die Stücke des seinerzeit neuen Comebackalbums "Every Kind Of Light" nur Statistenrollen hatten. Knapp ein halbes Jahrzehnt später sind die vier Bandmitglieder mit sich und der Welt im Reinen - und sorgen bei ihren drei von Gaesteliste.de präsentierten Auftritten in Deutschland Mitte Oktober auf gänzlich andere Art für unvergessliche Abende. Nicht nur die abrupten Ausflüge der beiden Protagonisten ins Publikum und Stringfellows unsäglicher Striptease sind gestrichen, auch die raue Rock'n'Roll-Urgewalt der Auftritte vor fünf Jahren ist einer wohldosiert(er)en, erwachsen(er)en Präsentation gewichen, die den Fokus auf die Songs an sich richtet und trotzdem voller Spaß und Emotionen ist. Maßgeblichen Anteil daran hat das ausgezeichnete neue Album "Blood/Candy", dessen Songs allabendlich den Großteil des Programms ausmachen.
Münster, Gleis 22, 13.10.2010

Gleich neun der zwölf neuen Songs stehen in Münster auf der jeden Abend wechselnden Setlist, und nur die wenigsten schlagen die Brücke zurück zu den Power-Pop-infizierten Anfängen der Band. Das Herzstück der Show sind nämlich die Songs abseits des bekannten The Posies-Terrains wie die leicht überdrehte Shownummer "Licences To Hide", das vertrackte "Accidental Architecture", das im Mittelteil fast schon in Jazz-Nähe rückt, oder die getragene Piano-Nummer "For The Ashes". Zugegeben, die Live-Umsetzung letzterer zwei Songs ist eine Gratwanderung, unterstreicht aber den Willen der Band, derzeit nicht ausschließlich auf Nummer sicher zu gehen. Trotzdem bleibt natürlich Raum für Abstecher zu den alten Krachern, wenngleich das Bemühen der Band deutlich ist, im Back-Katalog nach verkannten Highlights zu fischen, anstatt wir vor fünf Jahren einfach nur die beliebtesten Songs in vergleichsweise vorhersagbarer Reihenfolge abzuspulen. So taucht "Solar Sister", viele Jahre bei jedem Konzert die letzte Nummer, dieses Mal bereits früh im Set auf, der größte Hit, "Dream All Day", fehlt beim Zwischenstopp in Westfalen dagegen völlig. Dafür gibt's mit Stringfellows alter Großtat "Any Other Way" einen unerwarteten (aber höchst willkommenen) Abstecher zur Frühphase der Band, den das Quartett in Münster mit einem solchen Elan zelebriert, dass man sich fast einbilden kann, die zwanzig Jahre jüngeren Alter Egos der Band auf der Bühne vor sich zu haben. Das unbestrittene Highlight des Abends allerdings ist "Sad To Be Aware". Eigentlich "nur" eine in der Vergangenheit selten gespielte, von Auer geschriebene B-Seite aus dem Jahre 1996, ist das Stück das perfekte Beispiel dafür, wie großartig sich Auer und Stringfellow musikalisch ergänzen. Natürlich harmonieren die beiden auch bei anderen Stücken gesanglich hervorragend, aber oft wird dabei allein durch ihre Körpersprache deutlich, dass sie lediglich die Backing Vocals beim Song des jeweils anderen übernehmen. Nicht so hier: Stringfellow wirft sich mit voller Inbrunst in seinen Harmoniegesangspart, als wäre es sein eigener Song, Auer wertet seine Komposition mit einem ausgezeichneten Gitarrensolo auf, und gemeinsam beweisen sie, warum The Posies mehr sind als die Summe der einzelnen Teile. Wow! Zudem ist die Band bestens gelaunt und Stringfellow probiert seine Ambitionen als Stand-up-Comedian am Gleis 22-Publikum aus, wenngleich die Versuche ob der Sprachbarriere nicht immer ganz von Erfolg gekrönt sind. Zum Ausgleich singt er einige Zeilen von "Please Return It" auf Deutsch und outet sich als Freund alter "Atomkraft? Nein Danke!"-Aufkleber. Auch amüsant: Zu Ehren des Anfang Dezember in Münster auftretenden Hüsker Dü-Schlagzeugers spielen The Posies (nur) an diesem Abend ihre Hommage "Grant Hart" und widmen die Nummer augenzwinkernd ihrem Lieblings-Power-Trio - den Thompson Twins!

Berlin, Comet Club, 14.10.2010

Tags darauf ist die Band merklich geschlaucht vom frühen Aufstehen - am frühen Nachmittag stand bereits ein Radio-Auftritt in der Hauptstadt auf dem Programm - und genervt von der Stau-verzögerten Anreise, doch anders als vor fünf Jahren, als das mit Sicherheit am Abend zu einem vollkommen blutleeren Auftritt geführt hätte, können die vier auch in Berlin durchaus überzeugen. Okay, zunächst einmal muss die neben Minwalla platzierte Bühnennebelmaschine abgeschaltet werden ("No more smoke for our drummer, he quit!"), und später erklärt der erkältungsgeschwächte Stringfellow Boris Karloffs Satz "Love dead, hate living" aus "Frankenstein's Braut" praktisch zum Motto des Tages, aber trotzdem bekommen die Hauptstädter ein viel besseres Konzert als das lustlose Trauerspiel 2006 zu hören. Dabei ist die Setlist ähnlich ambitioniert wie tags zuvor. Weil dieses Mal mit "So Caroline" die vielleicht eingängigste Nummer von "Blood/Candy" am Anfang steht, fällt es gewissermaßen gar nicht weiter auf, dass die ersten drei Songs allesamt vom neuen Album stammen und der rund 80-minütige Auftritt auch sonst erstaunlich arm an Songs ist, die Nicht-Kennern der Band schon einmal zufällig begegnet sein könnten. Immerhin gibt's für das Berliner Publikum ein besonderes Bonbon, denn an diesem Abend übernimmt eine inzwischen in Deutschland heimische Freundin der Band aus Spanien, vorgestellt lediglich als "Laura aus Barcelona", Lisa Lobsingers Duettpart bei "Licences To Hide". Dass die Band an diesem Abend offenbar gewillt ist, Qualität über Popularität zu stellen, wird dadurch bewiesen, dass Stringfellow "Ontario", eine der wenigen auf der Setlist verewigten Singles, kurzerhand aus dem Programm kegelt und stattdessen lieber das neue "She's Coming Down Again!" spielt und das Konzert unerwartet mit dem oft verkannten Geniestreich "Terrorized", ursprünglich Mitte der 90er nur als B-Seite veröffentlicht, endet. Die Befürchtung, die Zugaben könnten der nach Konzertende anberaumten Disco zum Opfer fallen, erweist sich zwar schnell als unbegründet, allerdings sind Harris und Minwalla zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Weg in die Backstage-Gemächer im ersten Stock. Es passt zum Abend, dass sich Auer und Stringfellow entscheiden, die beiden nicht zurückzuholen, sondern die Zugabe zu zweit zu bestreiten. So gibt es dann statt eines lauten Hit-Finales einen dunklen, aber dennoch auf schwer zu erklärende Weise besinnlichen Ausklang mit "Coming Right Along" (Auer an der Gitarre, Stringfellow am Klavier) und "The Certainty". Dass dem Berliner Publikum das durchaus recht ist, beweist die Tatsache, dass sich anschließend vor allem die Vinylausgabe des neuen Albums verkauft wie geschnitten Brot.

Hamburg, Silber Club, 15.10.2010

Ein Abend unter dem Motto: Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Am Abend zuvor "in sicherer Entfernung, weit weg von Hamburg", hat Stringfellow dem Berliner Publikum noch von dem fürchterlichsten Auftritt seiner gesamten Karriere als Solist in der Tanzhalle St. Pauli erzählt, die nun, unter neuem Namen, Ort des Geschehens des letzten Konzertes der kurzen The Posies-Deutschland-Gastspielreise sein wird. Die Hoffnung, dass dieses Mal alles anders sein würde, ist schnell getrübt: Nicht nur, dass Stringfellows Erkältung immer schlimmer wird, auch das Equipment der Band will so gar nicht auf die kleine Eckbühne passen und die PA scheint beim Soundcheck auch hoffnungslos überfordert. Zu allem Überfluss wird dann auch noch vom Club die Spielzeit auf eine Stunde verkürzt. Trotzdem wird Auer einen Tag später begeistert bei Facebook schreiben: "Thank you Hamburg - now that was a show...!" Das gute hausgemachte Essen im Club, das Auer und Stringfellow anschließend unisono loben, die Tatsache, dass der Laden unverhoffterweise rammelvoll ist, als die Band um kurz vor 22.00 Uhr auf die Bühne kommt, und der weitestgehende Verzicht auf unnötig vertrackte Stücke im Set sind nur drei der Gründe für die geradezu wundersame Wendung. Dass die Hausanlage kurz vor dem Limit agiert und Stringfellow seinen mit "Whiskey und Willenskraft" eingeleiteten Gesundungsprozess auf der Bühne fortsetzt, tut ein Übriges dazu, dass The Posies an diesem Abend um einiges rabiater, aber auch ungleich spielfreudiger klingen als 24 Stunden zuvor. Ein wenig umgibt diese Show das Flair der letzten Tournee - ohne dass es allerdings ausartet. So verlieren die vier auch am dritten Abend in Deutschland ihre Mission nicht aus den Augen, vor allem ihr neues Album ins rechte Licht zu rücken. Die Hälfte des verkürzten Programms besteht aus "Blood/Candy"-Songs, doch während es in Münster noch die abwegigeren Nummern waren, denen die meiste Aufmerksamkeit geschenkt wurde, glänzt das Quartett in Hamburg mit knackigen Versionen des Openers "Plastic Paperbacks", des schwer groovenden Ohrwurms "Cleopatra Street" (der sich innerhalb kürzester Zeit zu einem allabendlichen Höhepunkt der Show gemausert hat) und des unverhohlen 60s-lastigen "She's Coming Down Again!", das dieses Mal ganz am Ende des Mainsets steht. Doch trotz der knappen Auftrittszeit bleibt noch Raum für Überraschungen. So rutscht, zum Erstaunen von Drummer Minwalla, "Matinee" von der "Nice Cheekbones And A Ph.D."-EP ins Programm und zwischen den Songs gibt es viele lustige Cover-Zitate. Herausragend dabei: "Number One" von The Rutles - im Schatten der Reeperbahn die Beatles covern kann schließlich jeder! Klar, dass an diesem Abend bei den Zugaben kein Platz für ruhige Töne ist. Also gibt es "Any Other Way" zu hören und als Rausschmeißer - zum einzigen Mal in Deutschland - "Dream All Day"!

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Surfempfehlung:
www.theposies.net
www.myspace.com/theposies
en.wikipedia.org/wiki/The_Posie
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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