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Immer wieder anders, immer wieder gut

The Charlatans

Dortmund, FZW
02.11.2010
Charlatans
Dass The Charlatans-Frontmann Tim Burgess derzeit nicht unbedingt der glücklichste Mann auf Erden ist, davon zeugen bereits die Texte des feinen aktuellen Werkes seiner Band, "Who We Touch", das im September erschienen ist. Vor dem ausgezeichneten Konzert in Dortmund hat er trotzdem Grund zur Freude, schließlich ersteht er bei einem Besuch in einem Plattenladen nur einen Steinwurf vom FZW entfernt fast eine Handvoll Vinyl-Raritäten - die Brian Auger & Julie Driscoll-Compilation, auf die er zunächst ein Auge geworfen hatte, lässt er aber letzten Endes im Regal stehen, obwohl der Song "Indian Rope Man" darauf enthalten ist, Inspiration für das Charlatans-Debüt "Indian Rope" aus dem Jahre 1989.
Charlatans
So weit in die Vergangenheit geht es beim abendlichen Konzert im gut gefüllten Club des FZW ("It's nice to see some people in the balcony", findet auch Burgess) nicht zurück. Schließlich mögen die fünf Briten den Grundstein für ihre anhaltende Popularität in den frühen 90ern gelegt haben, auf ihren Lorbeeren haben sich die Herren aus Cheshire allerdings nie ausgeruht. Bester Beweis ist das neue Album, das klingt wie keine Charlatans-Platte zuvor und sich trotzdem oder gerade deshalb nahtlos in den eklektischen Back-Katalog der Band einfügt. Ein bisschen scheint es an diesem Abend so, als habe sich die Band über die Jahre ein Publikum erspielt, das ähnlich denkt wie die Band. Denn als die Briten um kurz nach halb neun auf die Bühne kommen und erst einmal ein Feuerwerk alter Kracher abbrennen (die Großtat "Then" macht den Anfang, dann folgen nahtlos "Weirdo" und das lange Jahre nicht mehr gespielte "Can't Get Out Of Bed" - allesamt Singles aus den ersten drei Alben), reagiert das Publikum erstaunlich reserviert. Die einzige Ausnahme bilden lediglich die zwei, drei Briten rechts vorne, die jede Zeile ekstatisch mitsingen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Fäuste in Richtung Bühne recken und ihr Glück gar nicht fassen können, kaum einen halben Meter von den Musikern entfernt zu stehen. Daheim in England sind die Hallen, in denen The Charlatans auftreten, nun mal wesentlich größer.

Richtig warm wird der Rest des Publikums erst, als Burgess seinen dicken Pulli abstreift, unter dem ein Sonic Youth-Shirt aus "Goo"-Zeiten zum Vorschein kommt, und mit "Smash The System" den ersten Song aus "Who We Touch" ankündigt. Auf dem Album mögen viele der neuen Nummern schroffer klingen, als man das bisher von der Band gewohnt war, live zünden die Stücke dafür umso mehr. Dabei fehlt bei dieser Europa-Tournee Schlagzeuger und Gründungsmitglied Jon Brookes, der bei einem Konzert Mitte September in Philadelphia auf der Bühne kollabiert war und derzeit eine Zwangspause einlegen muss. Vertreten wird er allerdings von einem echten Könner: Verve-Drummer Pete Salisbury, der seine Flexibilität als "Aushilfstrommler" vor acht Jahren ja bereits bei Black Rebel Motorcycle Club erfolgreich unter Beweis gestellt hatte. Allerdings verrät lediglich ein Notenständer mit Notizzetteln links neben dem Drumkit, dass Salisbury nicht der etatmäßige Schlagzeuger ist. Klar, in Nuancen klingen manche Songs anders, von einem Qualitätsverlust ist aber nichts zu spüren. Außerdem hat diese Besetzung auch schon eine komplette Großbritannien-Tournee zusammen absolviert und sich prächtig warmgespielt. Lediglich bei den ob des Verzichts auf einen Supportact in Dortmund zusätzlich ins Programm gerutschten Songs kann man Salisbury dabei ertappen, wie er auf die Spickzettel schaut. Zu den Raritäten gehört das sanfte "My Beautiful Friend", mit dem die Charlatans zur Hälfte des Programms einmal kurz auf die Bremse treten und für eine wohltuende Verschnaufpause sorgen. "Es ist wirklich schön, das ab und zu mal zu spielen", sagt Burgess danach sichtlich erfreut über die positive Reaktion des Publikums. Dennoch lässt sich die Band nicht davon abhalten, von diesem Punkt an zielsicher auf das große Finale zuzusteuern. Das nimmt spätestens mit dem Knaller "The Misbegotten" vom letzten Album "You Cross My Pass" seinen Lauf und findet im Anschluss mit dem unkaputtbaren "The Only One I Know" und dem nach längerer Abstinenz ins Programm zurückgekehrten "North Country Boy" seinen Höhepunkt, bevor es zum Ausklang des Mainsets noch einmal (etwas) besinnlicher wird: "We Are The Charlatans, you are Dortmund and this is the end!", kündigt Burgess die letzte Nummer an, natürlich das sensationelle "This Is The End", die vielleicht beste Nummer, die das Quintett im neuen Jahrtausend veröffentlicht hat.

Charlatans
Klar, dass eine Zugabe unausweichlich ist - noch dazu eine, die es wirklich in sich hat! Geradezu punkig geht es mit der Vorabsingle des aktuellen Albums, dem programmatischen "Love Is Ending" los, bevor es überraschend mit "Jesus Hairdo" weitergeht und mit dem ebenso unausweichlichen wie höchst willkommenen "Sproston Green" endet. Bei letzterer Nummer legt Bassist Martin Blunt den letzten Rest seiner vornehmen Reserviertheit ab und wirft sich gemeinsam mit Gitarrist Mark Collins und Tastenmann Tony Rogers in die Rock'n'Roll-Posen, die zuvor Front-Wuschel Burgess vorbehalten waren. Und als hätte es überhaupt noch eines Beweises bedurft, dass Band und Publikum an diesem Abend gleichermaßen Spaß hatten, nutzt Burgess, nachdem er zuvor schon einen Ausflug ins Publikum unternommen hatte, den ausgewalzten Instrumentalteil der Schlussnummer sogar noch, um am Bühnenrand kauernd für ein Erinnerungsfoto mit einer jungen Dame zu posieren! Seine Kollegen dagegen sorgen derweil für ein explosives, lautes Ende des 100-Minuten-Auftritts.
Surfempfehlung:
www.thecharlatans.net
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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