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Konzert-Bericht
 
Intimität, greifbar

Villagers
Daniel Benjamin

Köln, Luxor
09.11.2010

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Villagers
In Zeiten von MySpace, YouTube und Co. gibt es wahrlich viele Möglichkeiten, selbstständig neue Musik für sich zu entdecken, aber natürlich gibt es sie auch noch, die im positiven Sinne Musikverrückten, die nicht nur ein verlässliches Gespür für kleine, große Newcomer haben, sondern auch nicht an sich halten können, der Welt davon zu berichten. So zerrte uns Festival-Macher Stefan Reichmann bei unserem letzten Besuch in Haldern sofort nach unserer Ankunft in das Hinterstübchen der Haldern Pop Bar, um uns den sommerlichen Villagers-Open-Air-Auftritt vorzuspielen. Zwar handelten es nur ein Rohschnitt auf einem Laptopmonitor, aber wow, dass es sich bei der irischen Band um Frontmann Conor O'Brien nicht lediglich um irgendwelche x-beliebigen Trittbrettfahrer handelt, die Folk und Indierock verschmelzen lassen, sondern um etwas ganz Großes, war schon nach wenigen Sekunden klar. Und die hatten wir verpasst? Zum Glück gab es Anfang November die Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen.
Apropos Haldern: Weil es so gut passte, wurde das Villagers-Gastspiel in Köln von Haldern-Pop-Records-Künstler Daniel Benjamin eröffnet, der zwar Instrumente für eine komplette Band, als Verstärkung allerdings nur noch seine Gattin Eleni Stavros mitgebracht hatte. Ein bisschen sahen die beiden deshalb so aus wie moderne Straßenmusikanten, die mehrere Instrumente gleichzeitig bedienten und dazu auch noch zweistimmig sangen. Einzig und allein, dass Eleni ein Cembalo spielte - um es von der Bühne zu hieven, wurden nach dem Auftritt drei starke Männer benötigt -, passte nicht so recht ins Bild der Straßenmusiker, wenngleich dadurch die kammermusikalische Note der Indiepop-Songs des Duos wirkungsvoll unterstrichen wurde. Ähnlich schnell wie die Instrumente wechselten die beiden auch die musikalischen Stimmungen. Wie schon auf ihren Alben hüpften die beiden auch live munter zwischen den Stilen herum, allerdings ersetzten sie auf der Bühne (vermutlich gezwungenermaßen) die detailverliebte Subtilität ihrer Platten durch launige, dreisprachige Ansagen und eine willkommene musikalische Hemdsärmeligkeit. Das Highlight dabei war die Schlussnummer (hieß sie "Heart Of The Rainbow"?), an der sicher auch The Shins ihre Freude gehabt hätten.

Auf dem Plakat, das den Villagers-Auftritt in Köln ankündigte, war Conor O'Brien noch allein abgebildet, aber obwohl er auch als Solokünstler eine ausgezeichnete Figur macht, hatte er in Köln seine vierköpfige Band dabei, um zu unterstreichen, dass der Villagers-Erstling "Becoming A Jackal" nicht nur aus Versehen dieses Jahr für die Auszeichnung der britischen Musikindustrie, den Mercury Music Prize, nominiert war. Es wurde ein Konzert, bei dem am Ende alle glücklich waren. Denn auch wenn die Band daheim inzwischen vor deutlich mehr Publikum spielt, schien es O'Brien wirklich ernst zu meinen, als er sagte, dass er einen solchen Zuschauerzuspruch beim allerersten Auftritt in der Domstadt nicht erwartet hatte - dabei dürfte die Zahl der zahlenden Gäste die Hundert kaum deutlich überschritten haben. Gedankt wurde dem Publikum das Kommen mit einem fantastischen 70-Minuten-Auftritt, bei dem Villagers jeden einzelnen Song ihres einzigen Albums spielten, sogar ihre allererste (Non-LP-)Single im Programm hatten und mit zwei neuen Songs weitere Großtaten für die Zukunft versprachen.

Trotzdem war es kein Konzert mit Aufführungscharakter. Zum einen, weil die Songs der LP in anderer Reihenfolge als auf dem Album gespielt wurden, zum anderen, weil die Band, derzeit auf der längsten zusammenhängenden Tournee ihrer kurzen Karriere, nach drei Wochen in Amerika ausgezeichnet eingespielt war und sichtlich Spaß daran hatte, die auf dem Album oft noch zerbrechlich klingenden Folk-Songs mit deutlich mehr Indierock-Wumms zu präsentieren und in Nuancen immer wieder abzuändern, ohne dass darunter die wunderbare Intimität der Songs gelitten hätte, denn die war bei den meisten Songs an diesem Abend geradezu greifbar. Mehr noch als der Sound der Band sind es allerdings die herzergreifenden Geschichten, die O'Brien in seinen Songs erzählt, die ihn deutlich aus der immer größer werdenden Masse moderner Troubadoure herausstechen lassen. Kein Wunder also, dass die beiden Solonummern zur Mitte des Sets so etwas wie die heimlichen Highlights des Abends waren, stellten sie doch die erzählerische Seite in den Mittelpunkt. Das neue "Cecilia And Her Selfhood", eine traurige Rache-Ballade, in deren Mittelpunkt zwei Schwestern stehen, begann sogar a cappella, und auch bei "Twenty-Seven Strangers" reichten O'Brien wenige leise Akkorde, um diese etwas andere Geschichte einer Busfahrt zu untermalen.

Ein wenig tut man allerdings mit dem Herausgreifen der Solonummern O'Briens Mitstreitern Unrecht, denn gerade bei Songs wie "Pieces" - dem Herzstück des Debütalbums, dem Song, der O'Brien den Weg für den Rest der Platte wies -, sind sie einfach unentbehrlich, wenn sie für einen geigenverhangenen Soundteppich mit herrlich altmodischem Crooner-Flair sorgen. Ähnlich ist es bei "That Day", bei dem die Band nicht nur ob der purzelnden Pianomelodie fast klingt wie eine Miniaturversion von Bruce Springsteens E-Street Band! Gleich im Anschluss warfen sich die fünf Musiker sich dann voller Inbrunst in "Ship Of Promises", bei dessen Finale O'Brien das schüchterne Flüstern des ernsten Folkies gegen die lauten Schreie eines Getriebenen eintauschte.

Große Ansagen, die über den Dank ans Publikum - und die Frage, ob die Aussprache von "Danke schön" verständlich sei - hinausgingen, waren da kaum mehr nötig. Immerhin verriet O'Brien uns noch, dass sein Lieblingsstück des Albums derzeit "Set The Tigers Free" wäre, bevor er zu Beginn der Zugabe noch richtig Humor bewies. Als ein Schelm im Saal "Freebird" verlangte, fragte O'Brien einfach nur trocken zurück: "Bist du der Typ, der das bei all den anderen Konzerten auch immer ruft?" Zu einer Coverversion ließ sich der Villagers-Vordenker nicht überreden, stattdessen spielte er lieber eine weitere feine neue Solonummer namens "Memoir" und gemeinsam mit seiner Band ganz zum Schluss die erste Single, "On A Sunlit Stage", die nach dem krachigen Ende des Mainsets für einen musikalisch besinnlichen Ausklang eines faszinierenden Abends sorgte.

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Surfempfehlung:
wwww.wearevillagers.com
www.myspace.com/wearevillagers
www.myspace.com/danielbenjamin
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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