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Konzert-Bericht
 
Die Perfektion

The Thermals
The Coathangers

Köln, Gebäude 9/ Eindhoven, Effenaar
03.04.2011/ 22.04.2011

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The Thermals
Ein Bandbegleiter, der es sich nicht nehmen lässt, in unregelmäßigen Abständen die Nase durch den Backstage-Vorhang zu stecken, um bei den besonders hymnischen Songs kurz die Faust in die Luft zu recken? Eine Keyboarderin der Vorgruppe, die nicht nur Roadie spielt und den Hauptact mit Wasser und Handtüchern versorgt, sondern auch noch, am Bühnenrand sitzend, praktisch jedes Lied mitsingt? Eine Drummerin des Supports, die zu den Stücken der Hauptband Luftschlagzeug spielt? Ein Sicherheitsbeauftragter des Veranstalters, der uns am Eingang ermahnt, nur bei den ersten drei Songs zu fotografieren, später am Abend aber selbst so begeistert ist, dass er sein Mobiltelefon zückt, um den Auftritt für die Ewigkeit festzuhalten? Das kann nur eines heißen: The Thermals sind in der Stadt, um mit einem mitreißenden Konzert im restlos ausverkauften Gebäude 9 ihre von Gaesteliste.de präsentierte Deutschland-Tournee zu eröffnen!
Doch bevor es so weit ist, steht der handverlesene Support auf der Bühne: Vier junge Damen aus Atlanta, Georgia, die den Proberaum-Spirit und die Punkrock-Attitüde mit jeder Faser des Körpers leben. Nicht nur, dass sie sich nach einer altmodischen Abtreibungsmethode benannt haben, nein, die Band fand zusammen, bevor auch nur eines der Mädels ein Instrument spielen konnte. Viel hat sich seitdem nicht geändert, was auch die Tatsache beweist, dass sich die musikalische Qualität nicht merklich verbessert oder verschlechtert, als die Damen plötzlich beginnen, bei jedem Song reihum die Instrumente zu tauschen. Statt mit instrumentalem oder gesanglichem Können begeistern die Mädels eher mit ihrem expressiven Stage-Acting und ihrer ansteckenden Fröhlichkeit: Diverse "Woo-hoos" verstecken sich scheinbar wahllos in Ansagen und Songs, mehr als einmal wird augenzwinkernd Atlanta verflucht und vor allem viel gelacht. Ob es echte Musik ist, was das Quartett mit viel quietschendem Gebrüll auf der Bühne zur Aufführung bringt, sei dahingestellt, äußerst unterhaltsam und kurzweilig ist es auf jeden Fall. Das finden auch Hutch Harris und Westin Glass von den Thermals, die sich fast den gesamten Auftritt vom Bühnenrand aus anschauen.
Dann ist es Zeit für rund 70 Minuten Perfektion. Es gibt wahrlich nicht viele Bands, bei denen wirklich alles stimmt, aber The Thermals sind eine von ihnen. Die unbändige Spielfreude des Trios ist geradezu greifbar, Gitarrist und Sänger Hutch Harris schneidet Grimassen und nimmt immer wieder breitbeinig die ideale Riff-Rocker-Pose ein, Bassistin Kathy Foster sieht mit ihrem Dauerlächeln einmal mehr nicht nur hinreißend aus, sondern ist auch der Fels in der Brandung - wenngleich sie sich ein paarmal zu ihrem Verstärker umdreht, um mit ein bisschen Feedback-Geheul ihren Teil zum ungebremsten Punkrock-Feeling beizutragen, während der herrlich überdreht wirkende Drummer Westin Glass sich nicht nur mit dem ganzen Oberkörper in jeden Cymbal-Crash wirft und dabei wild seine Haare schüttelt, sondern auch immer wieder in den Breaks von seinem Schlagzeughocker aufspringt, um die Hände in die Luft zu reißen und das (eh schon tobende) Publikum noch weiter anzutreiben.

Auf seinem aktuellen Album "Personal Life" erschlägt uns das Trio aus Portland, Oregon, zwar nicht mehr so mit der ungezähmten Power ihrer krachig-punkigen Stakkato-Indierock-Songs wie auf früheren Werken, setzt dafür aber - nicht ausschließlich, aber immer öfter - auf eine ausdifferenzierte Dynamik und eine durchaus willkommene Entschleunigung. In Köln präsentieren sich The Thermals dennoch weniger zahm, als das vielleicht zu erwarten war. Das mag daran liegen, dass die aktuelle Platte in den vier Wochen geschrieben und aufgenommen wurde, die sich an die letzte Europa-Tournee vor 18 Monaten anschlossen. Dass damals die Songs der ersten beiden Platten größtenteils ausgespart wurden, passt gut zum gedämpfteren Sound von "Personal Life", im Gebäude 9 dagegen tauchen nun wieder wesentlich mehr Songs aus den Frühwerken im Programm auf. Während zum Beispiel beim 2009er-Gastspiel in Bochum das Groove-betonte "I Let It Go" am Anfang stand, geht es dieses Mal gleich mit Vollgas und "Time To Lose" los, und auch in der Folge wird jede Menge Adrenalin ausgeschüttet und der Moshpit mit dem erhofften Soundtrack versorgt. Die neuen Songs fungieren dabei gewissermaßen als Atempausen, doch The Thermals wären nicht The Thermals, würden sie einen "Runterbringer" à la "You Never Listen To Me" nicht sofort mit einem wilden Ohrwurm wie "Here's Your Future" kontern!

Aus den zwei Dutzend Hits einzelne Songs herauszugreifen, erübrigt sich eigentlich, dennoch entpuppen sich zwei Nummern als (unerwartete) persönliche Highlights für den Rezensenten: "I Might Need You To Kill" überrollt das Publikum trotz seines moderaten Tempos mit seinem "Wild Thing"-Riff geradezu, und das eingängige "We Were Sick" enthält eine humoristische Note, als Kathy am Ende, passend zum Titel, noch einmal herzhaft ins Mikro hustet - und dabei echt krank klingt... Mit dem unwiderstehlichen "Now We Can See" wird kurz vor Schluss der Mitsing-Teil abgehakt und die Zugabe mit zwei Songs aus dem 2003er-Debüt "More Parts Per Millions" bestritten. Dann geht das Licht an und allen ist klar: Wir haben gerade eine der besten Live-Bands unserer Zeit gesehen!

Was für einen Unterschied doch ein bisschen Tourerfahrung machen kann! Den couragierten Dilettantismus, mit dem die vier Coathangers in Köln vor knapp drei Wochen charmant und wild, aber nur knapp oberhalb der Grenze des Zumutbaren unterhalten hatten, tauschen sie beim Abschlusskonzert der gemeinsamen Gastspielreise mit The Thermals in Eindhoven gegen deutlich gesteigerte musikalische Qualitäten und eine viel bessere Abstimmung untereinander aus. Selbst Keyboarderin BeBe spielt dieses Mal wirklich ihr Instrument, anstatt sich nur lasziv in Pose zu werfen (obwohl auch dafür noch Zeit bleibt), und Schlagzeugerin Rusty wirkt auch weit weniger manisch als in der Domstadt. Dem Publikum gefällt's, allen voran den beiden Gestalten, die in Reihe eins wild hüpfend, tanzend und johlend, das Quartett am meisten abfeiern: Kathy und Westin von The Thermals! Und weil es der letzte Abend der gemeinsamen Tour ist, dürfen auch ein paar Ausflüge in die Menge und Spontanumarmungen zwischen Support und Hauptact nicht fehlen - mitten im Set, versteht sich.

Als The Thermals dann auf der Bühne stehen, lassen es sich The Coathangers samt Tourbegleiter Henk (oder die Mädels ihn nennen: the hunk) nicht nehmen, die überdrehte Show mit zahlreichen "Woo-hoos", in die Luft gerissenen Armen und verschütteten Kaltgetränkten, die sie in Köln noch auf der Bühne geboten hatten, dieses Mal davor, in Reihe eins, abzuliefern - sehr zur Freude von Kathy, die, den örtlichen Bräuchen folgend, den ganzen Abend in Kicherlaune ist. Andere Songs als in Köln spielen The Thermals in Eindhoven zwar nicht - lediglich die Reihenfolge hat sich während der einmonatigen Tour allabendlich etwas verschoben -, doch dass die Band am letzten Abend in Europa in Feierlaune ist, merkt man schon daran, dass nach einigen Experimenten mit gedämpfteren Nummern als Beginn im Effenaar wieder "Time To Lose" den Anfang macht. Da macht es auch nichts, dass es - gerade im Vergleich mit dem restlos ausverkauften Gebäude 9 - erstaunlich leer ist. Die drei Musiker wollen Spaß, und den holen sie sich. Was sie beim Publikum nicht bekommen, besorgen sie sich untereinander. So gibt es besonders zwischen Kathy und Hutch deutlich mehr Interaktion als in Köln - gleich mehrfach fällt der Gitarrist vor seiner Bassistin auf die Knie, während Westin einen kurzen Drumbreak schon mal zum Sprung von der Bühne nutzt, nur um nach ein bisschen Pogo mit den Fans wieder auf die Bühne zu klettern und weiterzuspielen, als sei nichts passiert! Hutch gelingt derweil es sogar, sich einmal passend zum Karfreitag in klassischer Kreuzigungspose aufzustellen! Ganz zum Schluss gibt's dann sogar doch noch ein kleines Schmankerl: Als allerletztes Stück rutscht eine Nummer ins Set, die ansonsten nicht im Programm ist: "Goddamn The Light" aus dem Debüt "More Parts Per Million" mit der programmatischen Schlusszeile "Carry me home". Klar, dass The Thermals nachdem auch dieses Mal fantastischen Auftritt anschließend trotz des überschaubaren Publikums von einer Welle der Begeisterung "nach Hause" getragen werden.

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Surfempfehlung:
www.thethermals.com
www.thecoathangers.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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