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Konzert-Bericht
 
"Wenn ihr den Text nicht kennt, singt einfach lauter!"

Jason Webley

Dortmund, Subrosa
08.09.2011

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Jason Webley
Seit Ende der 90er tourt Jason Webley, der amerikanische Troubadour mit dem großen Herzen, dem liebevoll-schrägen Humor und der rauen Stimme unermüdlich rund um den Globus, viele Jahre unterhalb des Radars von Medien und Gelegenheits-Musikfans, spätestens seit seiner Kollaboration mit Amanda Palmer beim großartigen Evelyn Evelyn-Projekt aber auch im Lichte einer breiteren Öffentlichkeit. Trotzdem ist jetzt erst einmal Schluss: Am 11.11.11 verabschiedet er sich mit einer speziellen Vorstellung im Moore Theater in seiner Heimatstadt Seattle für unbestimmte Zeit ins Privatleben. Vorab tourt er mit Akustikgitarre und Akkordeon aber noch einmal ausgiebig durch Europa. Ende September stehen die letzten Deutschland-Konzerte auf dem Programm. Vorab schaute er allerdings schon mal in Dortmund vorbei.
Das Subrosa ist wie gemacht für Jason Webley. Hier, in heimeliger Wohnzimmeratmosphäre, kommen seine herzergreifenden, traurigen Balladen ebenso gut zur Geltung wie seine feucht-fröhlichen "Drinking Songs". Die Bühne ist winzig, das Publikum zum Greifen nahe, beste Voraussetzungen also, um die elektrisierende Energie aufzubauen, von der die Mitmach-Konzerte des Singer/Songwriters leben. Sechs Mal hat er nach eigener Zählung bereits am Dortmunder Hafen gespielt, hier sogar seine ersten zählbaren Erfolge in Deutschland gefeiert. Doch obwohl es auch dieses Mal richtig voll war, brauchte er ein paar Songs (und ein Glas Ingwertee mit Honig), um richtig auf Betriebstemperatur zu kommen, und seine Stimme, die noch mehr nach Tom Waits'schem Reibeisen klang als sonst, ließ vermuten, dass der Abend tags zuvor in Amsterdam - Jason war dort gemeinsam mit Amanda Fucking Palmer aufgetreten - nicht mit dem letzten Song des Konzerts zu Ende gewesen war. So dauerte es ein wenig, bis er zu Beginn der Show bei "There's Not A Step We Can Take That Does Not Bring Us Closer" das in Geigen und Posaunen eingeteilte Publikum so weit aufgestachelt hatte, dass der Singalong wirklich kämpferisch klang. "Stellt euch das weniger als Song vor", empfahl er, "sondern als Krieg!"

Den Krieg gewann er dann mit der nächsten Nummer: Michael Jacksons "Billie Jean" - gespielt auf dem Schifferklavier! Doch damit nicht genug. Mit der Frage "Möchte noch jemand einen Song aus den 80ern auf dem Akkordeon zerstört haben?" bat er um Zurufe aus dem Publikum und versuchte sich dann im Anschluss unter anderem an "Psychokiller" von den Talking Heads und "California über alles" von den Dead Kennedys! Irgendjemand wollte zwar auch Kim Wildes "Kids In America" hören, aber Jason meinte nur lässig: "Den Song hatten wir in Amerika nicht!", um stattdessen "99 Luftballons" zu singen - natürlich auf Deutsch! Danach blieb es albern, mit einer unmöglich an dieser Stelle vernünftig wiederzugebenden Story über 90s-Eurotrash-Discosongs und dem irrwitzigen Ohrwurm "Hockeystar", dem nächsten, aber längst nicht letzten lautstarken Singalong des Abends. Nichtbeteiligung wurde übrigens nicht geduldet, denn: "Wenn ihr den Text nicht kennt, singt einfach lauter!" Dass er praktisch nur den Refrain des Songs spielte, machte übrigens gar nichts, schließlich "werdet ihr auch so die Melodie lange nicht aus dem Kopf kriegen!" Dann brachte er auf Zuruf sogar noch das zu Herzen gehende "Coda" ("Wollt ihr WIRKLICH einen Song hören, den ich sonst nie spiele?", fragte er zur Sicherheit) zur Aufführung, bevor er ein Glas Guinness auf einen Zug leerte und so den Weg frei machte für den "Drinking Song", bei dessen freudentaumeligem Finale sich das gesamte Subrosa schunkelnd in den Armen lag, als wäre es Karneval und nicht ein Donnerstagabend im September...

Passend zu seinem bevorstehenden Abschied endete das reguläre Programm dann weniger wild und albern, dafür umso intensiver mit "The Last Song", das sich als echte Gänsehaut-Hymne entpuppte. Den Beat des Songs stampfte er übrigens höchstpersönlich mit - und ein am unteren Ende des Mikrofonständers befestigtes Mikro sorgte dafür, dass man das auch in den hinteren Reihen über die PA mitbekam. Bewegend, mitreißend und äußerst unterhaltsam - in Dortmund war Jason Webley all das. Hoffen wir, dass eine Auszeit nicht zu lange dauert, und freuen wir uns schon jetzt darauf, ihn am anderen Ende seiner Pause wiederzusehen!

NACHGEHAKT BEI: JASON WEBLEY

Eine Stunde lang herrschte nach dem Konzert rege Verkaufsaktivität am Devotionalienstand, aber als alle CDs verkauft waren, hatten wir noch Gelegenheit, kurz mit Jason zu sprechen.

GL.de: Gestern hast du im ausverkauften Melkweg in Amsterdam mit Amanda Palmer gespielt, heute vor vielleicht einem Zehntel der Leute im Subrosa. Eine große Umstellung?

Jason: Zu Beginn ist es mir heute etwas schwergefallen, die nötige Energie aufzubauen, trotzdem spiele ich lieber meine eigene Show in einem kleinen Laden wie diesem als vor einem größeren Publikum im Melkweg. Ich war gerne dort, weil ich so einige meiner Freunde treffen konnte und immer gerne mit Amanda spiele, aber bei einer Show wie gestern gibt es einfach keine Chance, dass etwas Magisches passiert - anders als heute! Auch wenn ich anfangs etwas besorgt war, weil mir das Publikum nicht wach genug war - aber vor den letzten vier Songs oder so hat es plötzlich klick! gemacht und die Menschen waren mit dem Herzen dabei! Amsterdam war wirklich prima, doch die Magie war nicht da. Aber genau darum geht es mir!

GL.de: Was machst du, wenn du es mal nicht schaffst, die besagte Energie aufzubauen?

Jason: Es gibt Abende, an denen ich finde, dass sie nicht da war, aber die Zuschauer, mit denen ich nach der Show rede, sehen das vollkommen anders. Deshalb ist es wichtig, dass du dir als Performer nicht anmerken lässt, wie du selbst über den Auftritt denkst, denn sonst ruinierst du unter Umständen dem Publikum den Abend. Viele Künstler sind eh nicht besonders gut darin, die Qualität ihrer Konzerte einzuschätzen. Heute Abend gab es Momente, in denen ich dachte: "Oh, Jason, jetzt machst du schon wieder das Gleiche wie immer!" Aber ich habe versucht, mir das nicht anmerken zu lassen. Außerdem ist es ja so: Ich kann zwar versuchen, die magischen Momente heraufzubeschwören, aber ich kann sie nicht erzwingen.

GL.de: Du legst nun eine künstlerische Pause ein. Ist ein Grund hierfür, dass es dir nach all den Jahren schwerer fällt, spontan zu sein und während der Show die bewährten Pfade zu verlassen?

Jason: Es ist schon seltsam. Was ich tue, mache ich jetzt besser als je zuvor, allerdings verändert es sich auch nicht mehr viel. Es ist sehr solide, aber es entwickelt sich nicht mehr so stark wie früher. Ich mache die Pause allerdings nicht, weil ich als Künstler weiterkommen will, ich möchte einfach, dass mein Leben sich entwickelt, und vielleicht wird meine Kunst dadurch auch wachsen. Letzteres ist allerdings sekundär.

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Surfempfehlung:
www.jasonwebley.com
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Simon Mahler-


 
 

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