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Konzert-Bericht
 
Und der Mädchenchor singt am Bahnhof

Talking To Turtles
Kid Dakota

Oberhausen, Druckluft
22.09.2011

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Talking To Turtles
"This is our story / It'll be hard from time to time / But we're both each other's heroes / I'm your's / You're mine" - so schallte es an diesem Donnerstagabend kurz vor Mitternacht durch die Oberhausener Innenstadt, dabei war das Konzert von Talking To Turtles, von denen diese Zeilen stammen, bereits zu Ende. Doch die vier jungen Damen, die sich gerade am Devotionalienstand noch mit Vinyl (!) und Tourneepostern versorgt hatten, konnten nicht anders: Sie vertrieben sich die Wartezeit auf den Zug Richtung Düsseldorf damit, gemeinsam den Refrain von "Monster's Teeth" zu singen! Sie waren nicht die Einzigen, die vom Auftritt des zum Quartett angewachsenen Lo-Fi-Folk-Duos von der Ostsee begeistert waren.
Zunächst standen jedoch die Amerikaner Kid Dakota auf der Bühne. Ansonsten eher in klassischer Rockband-Besetzung zu dritt oder gar viert unterwegs, hatte Mastermind Darren Jackson dieses Mal nur Eliza Blue als Verstärkung mitgebracht, um vor allem Songs aus dem noch unveröffentlichten neuen Album "Listen To The Crows As They Take Flight", das hierzulande Mitte Oktober erscheint, vorzustellen. Wie sich die Stücke auf Platte anhören werden, konnte man an diesem Abend allerdings nur erahnen, denn in der Besetzung mit zwei Stimmen, Stromgitarre und Geige wurde natürlich die düstere Seite der Band in den Fokus gerückt, oder anders ausgedrückt: Es wurde oft deutlich, warum Kid Dakota einst Protegés der Slowcore-Helden Low waren und mit Sparklehorse verglichen wurden. Trotzdem verlor das Duo dabei seine spielerische Seite nicht und zeigte sich bei den Ansagen zwischen den Songs durchaus zum Scherzen aufgelegt. Humor bewiesen sie auch damit, dass sie ausgerechnet ein Stück von Pat Benatar coverten, die bekanntlich der Inbegriff dessen war, was man in den 80ern gerne eine Rockröhre nannte. Außerdem war der Auftritt sogar noch lehrreich für die zwei: Jetzt wissen sie, dass die "Krähen mit den weißen Streifen" Elstern sind ("We don't have those in America", ließ uns Eliza wissen). Die Frage, warum ihr Heimatstaat Minnesota als "Land der 10.000 Seen" bekannt ist, obwohl es dort 12.000 Gewässer gibt, konnte allerdings auch in Oberhausen nicht geklärt werden. Klar dagegen war, dass "10,000 Lakes", einer der wenigen alten Songs im Set, auch im Druckluft wohlige Melancholie verbreitete.
Dass Talking To Turtles, die gerne mit den Moldy Peaches verglichen werden, den Kitchen-Sink-Folk, mit dem sie uns erst letztes Jahr auf ihrem feinen Homerecording-Debüt "Monologue" verzaubert hatten, inzwischen ein gutes Stück weit hinter sich gelassen haben, konnte man bereits vor dem Auftritt am auf der Bühne aufgebauten Instrumentarium ablesen: Drei Orgeln/Keyboards, diverse Akustik- und Stromgitarren, Bass, Banjo, Akkordeon, Glockenspiel, Mundharmonika, ein komplettes Schlagzeug, ein Laptop und ein bisschen elektronischer Krimskrams passen in keine Küche mehr. Doch obwohl Florian Sievert und Claudia Göhler nicht nur viel Equipment, sondern mit Drummer und Teilzeit-Keyboarder Charlie Paschen und Allzweckwaffe Stefan Streck (der mehrfach mitten im Song von einem Instrument ans nächste wechselte) auch noch zwei weitere Musiker mitgebracht hatten, versuchten sie nicht, ihr in Seattle durchaus üppig produziertes Zweitwerk "Oh, The Good Life" 1:1 live zu reproduzieren. Vielmehr brachten sie einen Hybrid aus dem Sound beider Platten auf die Bühne, verbanden Charme und Intensität, Graziles und Schräges, Schwermut und Euphorie - und konnten genau damit begeistern. So wurde den Songs des ersten Albums zu viert mehr Raum zum Atmen gegeben, während die neuen Stücke ein bisschen puristischer als auf dem Album interpretiert wurden. Für die niedliche Schluffigkeit, durch die sich der Erstling ausgezeichnet hatte, war trotzdem noch genug Platz, und sei es zwischen den Songs. Zum Beispiel, als Florian zwei Songs nahtlos ineinanderfließen lassen wollte, bis ihm nach ein paar Takten auffiel, dass er erst noch umstimmen musste... Das Stimmen der Gitarre und ein teilweise defekter Bass, der bisweilen ein klangliches Eigenleben entwickelte, waren aber praktisch die einzigen Probleme, mit denen sich Talking To Turtles an diesem Abend auseinandersetzen mussten. Mit Leichtigkeit sprangen sie von heimelig-intimen Momenten wie "Short Stories Long", das Florian und Claudia am Bühnenrand stehend unverstärkt sangen, zum eindrucksvollen Breitwand-Sound von "Fingers Crossed". Bei letzterer Nummer wurden Talking To Turtles übrigens von Eliza an der Geige unterstützt, nachdem Drummer Charlie zuvor schon bei einigen Kid Dakota-Nummern ausgeholfen hatte - unentgeltlich, wie ebenso ausdrücklich wie augenzwinkernd betont wurde! Und wer da noch nicht beeindruckt war, der war es spätestens nach dem abschließenden Gänsehaut-Finale mit "Monster's Teeth". Um es mit den Worten einer der eingangs bereits erwähnten jungen Damen zu sagen: "Hach, das war aber ein schöner Donnerstagabend!"

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Surfempfehlung:
www.talkingtoturtles.de
www.kiddakota.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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