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S-e-n-s-a-t-i-o-n-e-l-l!

Wild Flag
Veronica Falls

London, The Lexington
08.12.2011

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Wild Flag
Sind Wild Flag die beste Live-Band unserer Tage? Bei ihrem allerersten Auftritt in Europa überhaupt lassen die vier Mädels aus Portland, Oregon, Riot-Grrrl-Dringlichkeit, Grunge-Lässigkeit, New Wave-Minimalismus und einen Schuss 60s-Girl-Group-Seligkeit kollidieren und sorgen für ein unbändiges Rock'n'Roll-Spektakel, das seinesgleichen sucht. Die Intensität und Ernsthaftigkeit von Sleater-Kinney tauschen Carrie Brownstein und Janet Weiss hier gegen eine ganz andere Art von energischer Leidenschaft. Gemeinsam mit Mary Timony von Helium und Rebecca Cole von den Minders stellen sie bisweilen geradezu juvenil anmutenden Spaß an die erste Stelle und übertreffen so selbst ihre großartigen Vorgängerbands mit spielerischer Leichtigkeit.
Das Lexington ist winzig. So winzig sogar, dass es keinen Backstageraum für die Band gibt. Das fällt Carrie allerdings offenbar erst wieder ein, als sie schon durch die Tür der Venues ist. Etwas unschlüssig steht sie im Eingang, um sich dann, mit einem Schulterzucken und scheinbar zunächst etwas widerwillig, unters Volk zu mischen. Auch Rebecca macht an diesem Abend die Erfahrung, dass die Künstler in der Nord-Londoner Bar, ein paar Blocks entfernt von der berühmten U-Bahn-Station Angel, Gäste wie alle anderen auch sind: Obwohl es draußen wie aus Eimern schüttet, muss auch sie zum Rauchen vor die Tür...

An der Treppe zum Konzertsaal im 1. Stock formiert sich derweil eine Schlange. Die strahlenden Gesichter der meisten lassen vermuten, dass sie ihr Glück kaum fassen können, für diesen Auftritt, die erste und vorerst einzige Clubshow von Wild Flag außerhalb der USA, ein Ticket ergattert zu haben. Schließlich kann man fast von einem Geheimkonzert sprechen. Die wenigen Tickets waren so schnell ausverkauft, dass das Konzert überhaupt nicht erst auf den offiziellen Webseiten von Band und Agentur gelistet wurde. Der Laden wurde derweil mit so unglaublich vielen Anfragen überhäuft, dass der Zusatz "sold out" auf der Lexington-Website zur Abschreckung kurzerhand in "very sold out" geändert wurde.

Der Konzertsaal entpuppt sich als geräumiges Wohnzimmer. Im höher gelegenen hinteren Teil nehmen Bar und Hocker den meisten Platz ein, der Tanzflur vor der kleinen Bühne bietet vermutlich kaum mehr als 100 Menschen Platz. Als es Zeit für die Vorgruppe ist, die Bühne zu betreten, ist der Laden brechendvoll. Veronica Falls wehren sich trotz alternierendem Girl-Boy-Gesang, schön viel Reverb auf den Gitarren und zuckersüßen Melodien standhaft dagegen, in eine Schublade mit den Bands des derzeit grassierenden C86-Revivals gesteckt zu werden - in der englischen Presse ließen sie sich bereits mit dem hübschen Satz "Wir hassen Bands, die bei Fotosessions an Lollis lutschen" zitieren. Doch auch wenn Frisuren, Kleidung, Instrumente und eine gewisse Unnahbarkeit auf der Bühne die Twee-Klischees zunächst zu bestätigen scheinen, soll die herrlich rumpelige, schön düstere Performance an diesem Abend wohl unterstreichen, dass sich die zwei Herren und zwei Damen mehr The Velvet Underground als deren farbenfroheren Epigonen aus den 80ern verpflichtet fühlen. Prädikat: Sehr erfreulich!

Genauso anspruchslos wie vor der Show geben sich Wild Flag auch während der Umbaupause. Selbstredend bauen die vier Damen ihre eigenen Instrumente auf, wobei sich Carrie den Luxus eines eigenen Auftritts leistet und prompt alle Blicke auf sich zieht, als sie ein paar Minuten später als ihre drei Mistreiterinnen die Bühne betritt, um ihre wunderschöne Guild-S-100-Gitarre auf die Torturen vorzubereiten, denen das wehrlose Instrument später am Abend ausgesetzt sein wird. Dass es in dieser intimen Umgebung keine Möglichkeit gibt, sich hinter Tricks und Technik zu verstecken, würde anderen Bands sicher Angst machen, Wild Flag dagegen machen den Eindruck, als würden sie sich auf diese Herausforderung freuen. Mit Feuereifer beginnen sie ihre Show und begeistern von der ersten Sekunde an, nicht zuletzt deshalb, weil sich die sprunghafte Carrie und die zurückhaltende Mary perfekt ergänzen: die eine der unbändige Rock'n'Roll-Orkan, die andere das ruhige Auge des Hurrikans. Wenn die frühere Sleater Kinney-Gitarristin kreischt und schreit, Luftsprünge macht, sich auf dem Boden krümmt, trotz hoher Absätze auf die Kickdrum hechtet, wie Pete Townshend zu besten Zeiten beim Gitarrespielen die Windmühle kreisen lässt und einmal sogar ihr Instrument in den Boden bohrt, bis es mit lauten Feedback-Salven um Gnade bettelt, lässt die einstige Helium-Frontfrau ihre nie still stehende Mitstreiterin nie aus den Augen, stets bereit einzuschreiten, wenn die immer wieder mitten in den Songs ausbrechenden, zumeist von Carrie und der einmal mehr fantastischen Schlagzeugerin Janet entfachten Jams aus dem Ruder zu laufen drohen. So offenbart Marys "Black Tiles" ganz am Anfang zwar noch nicht die ungezähmte Power, die das Quartett später am Abend entfalten wird, strotzt aber dennoch vor Spielfreude. Danach stürzt sich Carrie kopfüber in "Short Notice", doch das Publikum reagiert zunächst noch überraschend verhalten, vermutlich einfach deshalb, weil die meisten es einfach nicht fassen können, wie gut diese Band ist. Dann folgt mit "Future Crimes" die beste Nummer des Abends - mehr noch, die vielleicht elektrisierendsten drei Minuten Live-Musik, die der Schreiber dieser Zeilen jemals erlebt hat! - und die Spannung entlädt sich: Angestachelt von den messerscharfen Riffs des Songs verwandelt sich der Saal in ein Tollhaus!

Und weiter geht es Schlag auf Schlag. Janets Versuche, sich mit humorigen Anekdoten ans Publikum zu wenden, werden von Carrie kurzerhand abgewürgt: den Schlagzeuger(innen)humor würde sowieso niemand verstehen. Mary bleibt (deshalb) zunächst lieber still. Erst als Carrie etwas später am Boden kauernd mit einem kaputten Effektgerät kämpft, sieht sie ihre Chance gekommen und hat mit dem trockenen Spruch "Dies ist der Teil der Show, bei dem ihr euch untereinander erzählen könnt, was ihr heute alles erlebt habt" die Lacher auf ihrer Seite. Zu den zehn Songs des Erstlingswerkes gesellen sich zwei neue, unveröffentlichte Stücke. Die erste Strophe von "Nothing" spielt Mary praktisch alleine und sorgt so für eine willkommene Atempause, während Carries "Winter Pair" laut und stürmisch daherkommt. "Romance" begeistert mit perfekten Girl-Group-Backing-Vocals von Janet und Keyboarderin Rebecca (und Carries unwiderstehlichem Hüftschwung), bevor die letzte Nummer des regulären Programms, das störrische "Racehorse", in einer umwerfend wilden Jam aufgeht, die locker die 10-Minuten-Marke durchbricht!

Die erste Zugabe, das von der Orgel angetriebene "Endless Talk", gibt dann Rebecca endlich die Chance, sich auch einmal in den Vordergrund zu spielen. Weil mit dieser Nummer der letzte Song des Albums abgehakt ist, das begeisterte Publikum aber stürmisch nach weiteren Zugaben verlangt, müssen für den Rest des Abends Coverversionen herhalten. Die aufgedrehte Version von Televisions "See No Evil" verweist dabei fast schon ein bisschen zu deutlich auf die Inspirationen von Wild Flag, bevor Carrie - passend zum ersten Auftritt in England - die nächste Nummer als ein Stück der besten britischen Band überhaupt ankündigt. Und nein, sie stamme nicht von Pulp oder den Stone Roses, auch wenn sie ob John Squires Liebe zu Jackson Pollock früher ein Poster von Letzteren an der Wand gehabt hätte, wie sie lachend verrät. Stattdessen singt Mary eine sexy Version des Rolling Stones-Klassikers "Beast Of Burden"! Doch ausgerechnet mit einer Midtempo-Nummer aufzuhören, ist an diesem Abend keine Option für die vier Damen, also stürmt Carrie noch durch "Judy Is A Punk" von den Ramones. Spätestens da ist klar: Eine bessere Live-Band als Wild Flag gibt es derzeit wirklich nirgends!

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Surfempfehlung:
www.wildflagmusic.com
www.veronicafalls.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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