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Konzert-Bericht
 
Freudetrunkene Gassenhauer

The Felice Brothers
Craig Finn & Some Guns

Berlin , Postbahnhof
26.03.2012

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Felice Brothers
Auf Platte, selbst auf ihrer aktuellen "Celebration, Florida", geben sich The Felice Brothers gerne als Folk-Rock-Act, der sich in semi-akustischen Gefilden am wohlsten fühlt. Auf der Bühne, das bewies dieses Nachholkonzert zu ihrer im vergangenen Dezember krankheitsbedingt abgebrochenen Europa-Tournee, drehen sie gerne die Verstärker auf und stürzen sich mit bisweilen geradezu manischer Fröhlichkeit und in jeder Sekunde greifbarer Inbrunst in ihre Musik, die live vor allem ob des blinden musikalischen Verständnisses der fünf Amerikaner begeistert. Immer wieder gelang es ihnen, kleine neue Wendungen oder Gimmicks in den Songs zuzulassen, ohne dass deshalb das breit abgesteckte klangliche Gefüge der Band aus den Fugen zu geraten drohte.
Als Ersatz für den im Dezember angekündigten und nun verhinderten AA Bondy bestritt überpünktlich - die Musiker kamen um 19.58 Uhr auf die Bühne - The Hold Steady-Frontmann Craig Finn das Vorprogramm, und obwohl er vier echte Könner als Band mitgebracht hatte, hinterließ der Auftritt eher gemischte Gefühle. Zu sehr war bei seinen Solo-Songs das Bemühen erkennbar, sich vom scharfsinnigen, zuletzt durchaus auf radiotauglich gebürsteten Indierock seiner Hauptband absetzen zu wollen. Statt präziser Riffs gab es viel atmosphärische Dichte im Alt.Rock-Gewand, doch über die volle 40-Minuten-Distanz fehlte das Besondere, das wirklich mitgerissen hätte. Außerdem wollte Craigs extrovertiertes Bühnengebaren im Stile eines überdrehten Elvis Costello nicht so recht zu dem Sound des Amerikaners passen.
Auch die Felice Brothers kennen sich mit Stilbrüchen aus, fallen damit aber nicht auf die Nase. Als die Herren in der Umbaupause auf die Bühne kamen, um selbst ihre Instrumente aufzubauen, sahen die meisten von ihnen aus wie Hip-Hopper: Base-Cap und Kapuzenpulli, die Hose auf halb acht. Doch als sie dann - ebenfalls wenig stilecht - zur großartigen Titelmelodie der 80s-Sitcom "Charles In Charge" gegen 21.15 Uhr auf die Bühne kamen, brauchten sie nur Sekunden, um das Publikum in der alten Postverladestation im Schatten des Berliner Ostbahnhofs auf eine Reise mit vielen Stationen mitzunehmen. Gewissermaßen freudetrunken von der eigenen Musik entführte uns die Band in kleine, enge Südstaatenkneipen, in denen die Luft stickig, das Bier billig und der Southern Rock die einzige Musik in der Jukebox ist, lotste in den Keller von Big Pink in Upstate New York, in dem einst The Band so großartige Musik fabriziert hatten, machte kleine Abstecher nach Boston, um aus voller Kehle singend am St. Patrick's Day durch die Irish-Folk-Pubs zu taumeln, um am Ende im New Yorker Giants Stadion anzukommen, die geballte Faust gen Himmel gereckt und eine Hymne vom Boss auf den Lippen. Und das Schönste dabei: Trotzdem klangen sie vor allem nach den Felice Brothers und schafften es sogar spielend, hier und da ein paar Beats aus der Steckdose in ihren doch sonst so betont handgemachten Sound zu mogeln, ohne das Gesamtbild zu stören.

Der eigentliche Star der Show war interessanterweise weder der heiser nörgelnde Leadsänger und Gitarrist Ian Felice, noch sein zwischen Klavier und Akkordeon wechselnder Bruder James, sondern der am linken Bühnenrand fast etwas versteckte Greg Farley, der als Geiger/Beats- und Sample-Einspieler und Teilzeit-Sänger nicht nur musikalisch glänzen konnte, sondern als Pausenclown eine unglaublich positive Energie versprühte und immer wieder auf und vor der Bühne für strahlende Gesichter sorgte. Über 20 Songs aus praktisch all ihren Veröffentlichungen präsentierten die Felice Brothers in Berlin und deckten dabei das gesamte Spektrum von räudigen Mitmach-Nummern mit universell verständlichen Textzeilen wie "I put some whiskey in my whiskey, I put some heartbreak in my heart" bis zur von Ian und dem introvertierten Bassisten Christmas Clapton als Duo gebrachten Country-Ballade "Saint Stephen's End" ab. Natürlich waren auch alle Gassenhauer à la "Ponzi", "Run Chicken Run", "Take This Bread" oder "Iron Mike" darunter. Kurz vor Ende kam dann Craig Finn zurück auf die Bühne gestürmt und dürfte bei "Frankie Gun" mitmachen.

Dass die erste Zugabe anschließend etwas ganz Besonderes werden würde, konnte man schon daran ablesen, dass sämtliche Musiker der Vorgruppe sich auf der Wendeltreppe, die zum Backstage führte, versammelt hatten, die Kameratelefone gezückt, um das Kommende für die Nachwelt (oder zumindest YouTube) festzuhalten: Bruce Springsteens "Darkness At The Edge Of Town", gesungen von den Felice Brothers mit verteilten Rollen, wobei Greg ein wenig so wirkte, als würde für ihn damit ein Lebenstraum in Erfüllung gehen: Die Energie, die er in seine Strophe investierte, war schier unglaublich! Mit dem herrlich windschiefen Schunkel-Klassiker "Ballad Of Lou The Welterweight" schaltete das Quintett dann noch einmal einen Gang zurück, bevor das hitzig-lärmende "Two Hands" ein letztes Mal für überschäumende Freude im Publikum sorgte. Dass die Zuschauer danach nicht auf die Straßen Nashvilles, sondern zurück in die Berliner Realität stolperten, war das Einzige an diesem Abend, was nicht so recht passen wollte.

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Surfempfehlung:
www.thefelicebrothers.com
steadycraig.tumblr.com
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Simon Mahler-

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Mehr über The Felice Brothers:
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