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Konzert-Bericht
 
Vorsicht, zerbrechlich!

Mariee Sioux

Duisburg, Steinbruch/ Köln, King Georg
17.05.2012/ 18.05.2012

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Mariee Sioux
In Frankreich, da kennen sie Mariee Sioux bereits. Kein Wunder, tourte die sympathische Folk-Sängerin aus Kalifornien doch im Fahrwasser ihrer Freundin Alela Diane bereits mehrfach bei unseren Nachbarn und kann dort inzwischen auf eine bisweilen geradezu fanatische Anhängerschaft zählen. In Deutschland dagegen feierte sie wenige Wochen nach der Veröffentlichung ihres zweiten Albums, "Gift For The End", Mitte Mai mit Gastspielen in Duisburg und Köln ihre Konzertpremiere. Trotzdem war es am Ende so voll, dass in Duisburg das vorbereitete Sitzarrangement nicht ausreichte und eilig noch ein paar Stühle mehr in den Saal getragen werden mussten. Belohnt wurde das Publikum an beiden Abenden mit Konzerten, die mit wesentlich mehr Dynamik begeistern konnten, als die nach einem Fehler beim Mastering leider etwas eindimensional klingende neue Platte.
Eingestimmt wurde das Publikum auf das Konzert in Duisburg mit Bob Dylan und Neil Young aus der Konserve. Doch obwohl "Folk" ohne Frage das passende Etikett für Mariees Musik ist - Traditionalismus steht nur bedingt auf ihrer Agenda. Ihre Songs werden inzwischen von sanfter, aber dennoch farbenfroher Psychedelik umspült, weshalb die Kalifornierin auch nicht mehr solo auftritt. Ihr Lebensgefährte und Co-Produzent Sean Kae als Multiinstrumentalist an Gitarre, Autoharp und Percussion sowie Jeff Manson am Bass sorgten auf dieser Tournee für zusätzliche atmosphärische Dichte, hielten sich mit ihrer leisen, aber trotzdem wirkungsvoll fülligen Begleitung allerdings so weit im Hintergrund, dass Mariees herrlich zerbrechlich klingende Stimme stets im Mittelpunkt stand und für knisternde Spannung sorgte.

Zwar haderte die bildhübsche 27-Jährige - die, im Rückgriff auf den Sprachenunterricht in ihrer Waldorf-Grundschulzeit, versuchte, die Konzertbesucher in Duisburg auf Deutsch zu begrüßen - das komplette Konzert über mit dem Sound und wirkte unerwartet nervös, der Intensität ihrer Performance tat das aber kaum Abbruch: Obwohl sie das Konzert im Sitzen absolvierte, spielte sie dennoch viele Songs praktisch "auf Zehenspitzen" und schien jede einzelne Zeile nicht nur zu singen, sondern praktisch neu zu durchleben. Das Publikum dankte es ihr mit andächtiger Stille. Gerade bei "Two Tongues" und "Twin Song", den beiden Solonummern zur Mitte des Konzertes, hätte man problemlos eine Stecknadel fallen hören, obwohl die Stücke nicht nur ein wenig sperrig, sondern auch noch sehr lang waren.

Für Gänsehaut-Momente sorgten allerdings auch die hörbar umgekrempelte Bandversion von "Flowers & Blood" (ursprünglich aus dem Erstling "Faces In The Rocks"), Seans Intro zu "Tule" und das letzte Stück des regulären Sets, "Old Magic", das Mariee ankündigte als "written for the Homeland California", bevor Sean sie augenzwinkernd verbesserte: "No, it's about Homeland Security!" Unzweifelhaft war dagegen, dass das Stück seinem Titel ob des in einem wunderbaren A-cappella-Ende aufgehenden Harmoniegesangs von Mariee und Sean mehr als gerecht wurde! So war es trotz der kleineren technischen Probleme ein sehr stimmungsvoller Abend voller heimeliger Wärme, dessen wunderbar gedämpfte Stimmung in der schummerigen Beleuchtung des Steinbruch-Saals seine Entsprechung fand. Dennoch war der Abend sozusagen nur der Auftakt für das wirklich beeindruckende Konzert in Köln.

Da es im King Georg keine nennenswerte Bühne gibt, waren Mariee und ihre Mitstreiter einen Tag später ihrem Publikum deutlich näher als in Duisburg, trotzdem war von der unterschwelligen Nervosität, die die Sängerin in Duisburg bisweilen ausgestrahlt hatte, in der Domstadt nichts zu spüren. "Dieser Laden vermittelt eine Art David Lynch-Gefühl, ich glaube, dass hier eine Menge möglich ist", meinte Mariee locker und gelöst gleich zu Beginn, und das war dann auch so. Die Rotlicht-Atmosphäre des winzigen Ladens unterstrich ungemein wirkungsvoll das Träumerische, ja das Verträumte in Mariees Songs und schob Stücke wie "Ghost In My Heart" oder "Swimming Through" dezent vom Folk in Richtung Dream-Pop. Praktisch sämtliche Songs besaßen so (noch) größeren emotionalen Tiefgang als in Duisburg. Mehr noch, das Trio agierte so entspannt, dass es das halbe Dutzend Bandsongs, die am Anfang standen, deutlich langsamer spielte als tags zuvor. Es sei richtig schwierig gewesen, beim Trommeln nicht aus dem Takt zu kommen, weil die Pausen zwischen den Beats so lang gewesen seien, gestand uns Sean später. Immerhin hatte er so die Chance, während des Konzerts eine Fluppe zu rauchen, oder wie er entschuldigend meinte: "Wo wir herkommen, darf man drinnen nirgends rauchen, deshalb muss ich die Situation hier einfach ausnutzen!"

Den zweiten Teil des wegen der anwohnerbedingten strikten Curfew leider deutlich kürzeren Auftritts bestritt Mariee dann solo und präsentierte dabei, anders als am Vortag, mit "Buried In Teeth" nicht nur den heimlichen Hit ihres ersten Albums, sondern sogar noch eine Coverversion. "You Are The Everything" von R.E.M. wurde in Mariees wunderschöner Interpretation zu einem lupenreinen Fingerpicking-Folksong, dessen Original zwar kein Vierteljahrhundert alt ist, der an diesem Abend aber klang wie ein viele Jahrzehnte altes Traditional. Wow! Dass es danach leider keine Zugabe gab, ließ sich da locker verschmerzen, denn Mariee hatte auch so bewiesen, dass man auch mit akustischen Instrumenten wirklich elektrisierende Musik machen kann.

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Surfempfehlung:
www.marieesioux.com
www.facebook.com/marieesioux
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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