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Konzert-Bericht
 
Tiefe Melancholie + alberner Humor = hinreißendes Entertainment

Sharon Van Etten

Köln, Studio 672
30.05.2012

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SvE
"Tramp" heißt Sharon Van Etten ausgezeichnetes drittes Album, mit dem sich die Amerikanerin in diesem Frühjahr endgültig auf den Indierock-Olymp katapultiert hat. Die Platte unterstreicht auch, dass sich die schöne New Yorkerin von den Ketten, die ihr einst ihr offenbar kontrollsüchtiger und definitiv demoralisierender Ex-Freund anlegte und die sie zu ihren ersten beiden Alben, "Because I Was In Love" (2009) und "Epic" (2010), inspirierten, inzwischen befreit hat. Trotzdem hätte wohl niemand erwartet, dass die 31-Jährige ihre niederschmetternden, von einem lange Zeit freudlosen Leben zeugenden Songs in Köln mit ansteckender Fröhlichkeit präsentieren würde, die aus ihrem Auftritt im Kellerclub des Stadtgartens nicht nur ein hinreißendes Konzert, sondern auch gleich noch einen prima Stand-up-Comedy-Abend machen sollte.
"Ich hab heute ungeschickterweise ein Tanktop angezogen, obwohl ich mir die Achseln nicht rasiert habe. Bitte nicht darauf achten, ich möchte nicht, dass ihr mich so in Erinnerung behaltet!", scherzte sie, noch bevor sie überhaupt einen Ton gespielt hatte. Nicht viel später am Abend erhob sie dann ihr Glas und fragte das Publikum: "Und, was trinkt ihr? Ich trinke Cola!", um dann nach einer perfekten Kunstpause hinzuzufügen: "Ja ja, ich weiß, was ihr jetzt denkt! Cola? So spät noch?" Niedlich auch, wie sie sich wortreich bei ihrer Crew bedankte, die ihr beibringen würde, zwischen den Songs nicht mehr so viel zu quasseln, "auch wenn davon heute so gar nichts zu spüren ist!" Kein Zweifel, Sharons augenzwinkernde Ansagen sorgten für den perfekten Ausgleich zu ihren so ungemein melancholischen Songs, die sie in Köln mit einer Intensität performte, die sich auf dem keinesfalls schlechten neuen Album bestenfalls erahnen lässt. Das leicht Entrückte, bisweilen Träumerische ihrer Studioaufnahmen wurde live von ungeahnter Direktheit und tief beeindruckender Bestimmtheit abgelöst. Fesselnd, ja geradezu hypnotisch gerieten Songs wie "All I Can" oder "Give Out" an diesem Abend. Obwohl viele Stücke zunächst zögerlich begannen, steigerte sich die Eindringlichkeit praktisch jedes Songs nahezu unmerklich und nahm den Hörer spätestens beim zweiten Refrain vollkommen gefangen.

"Ich mag euch jetzt schon", kommentierte die kleine Amerikanerin breit grinsend die bereits nach wenigen Stücken durch den Saal schwappende Welle der Begeisterung und kündigte das folgende "Peace Sign" als einen Rückgriff auf ihr zweites Album an. Ein einzelnes "Woohoo" aus dem Publikum legte zwar den Schluss nahe, dass die Freunde ihres Frühwerks in der Domstadt in der Unterzahl waren, aber Sharon konnte das nicht schrecken. "Das nächste Lied ist dem Einzigen im Saal gewidmet, den's interessiert!", sagte sie lässig und spielte den Song anschließend - natürlich! - mit besonderem Verve. Maßgeblichen Anteil daran hatte auch ihre Band - Gitarrist/Bassist Doug Keith, Drummer Zeke Hutchins und Multiinstrumentalistin Heather Woods Broderick, die auch fantastische Backing Vocals beisteuerte -, die nicht nur musikalisch voll mit Sharon auf einer Wellenlänge liegt, sondern ganz offensichtlich auch ihren Sinn für albernen Humor teilt. Die Dame im Rampenlicht war nämlich längst nicht die Einzige, die ständig grinste und kicherte. Nur der den ganzen Abend von technischen Problemen geplagten Heather verging zwischendurch kurzzeitig die gute Laune, was auch Sharon nicht verborgen blieb. "Alles okay, oder soll ich dich mal kurz in den Arm nehmen?", fragte sie. Weil zu viel Equipment auf der winzigen Bühne im Weg stand, musste dann ein High-Five reichen, nicht ohne das Versprechen: "Gedrückt wirst du dann nach dem Konzert!" Dass die drei Mitstreiter für Sharon nicht in erster Linie Musiker, sondern echte Freunde sind, glaubt man da gerne. Trotzdem verließen sie zur Mitte des Konzerts die Bühne. "Meine Band hat mich gerade verlassen", kommentierte Sharon dies mit gespielter Traurigkeit. "Das musste ja so kommen, denn ich bin manchmal echt schwierig." Der wahre Grund war natürlich ihr Solo-Spot. Das Kölner Publikum durfte aussuchen zwischen einem Song beginnend mit I, M oder H und entschied sich für Letzteres. Also gab's statt "I Fold", "I Wish I Knew" oder "Much More Than That" das bislang unveröffentlichte "Heart In The Ground" zu hören, ein weiteres traurig-tragisches Liebeslied, oder wie Sharon lakonisch meinte: "Ich Fisch, er Stier, da hätte ich mir ja gleich denken können, dass das kein gutes Ende nimmt!"

Ein besseres, ja mitreißendes Ende nahm das Konzert: Im Anschluss an den emotionalen Runterbringer kehrte die Band zurück, und nachdem das etwas verschwurbelte "Magic Chords", bei dem Sharon die Gitarre gegen ein Omnichord eintauschte, aus dem Weg geräumt war, entpuppte sich "Serpents" als unfassbar druckvoller, wuchtiger Indierock-Orkan, auch "I'm Wrong" lärmte Distortion-schwanger, und das ausufernde "Joke Or A Lie" war von Sharon zuvor schon vorsichtshalber als "episch" angekündigt worden, bevor "Love More", das sogar die unschlagbaren Bon Iver zu einer Coverversion inspirierte, als großes Finale am Ende der Zugabe stand. Wow!

Danach kauften restlos begeisterte Zuschauer den Merch-Tisch leer, wo es sogar Sharons ansonsten schwer zu bekommendes erstes Album auf Vinyl zu erstehen gab, und verließen mit strahlenden Gesichtern das Studio 672, wissend, dass dieses Jahr vermutlich kein besseres Konzert mehr zu sehen bekommen werden.

SvE
BACKSTAGE WITH: SHARON VAN ETTEN

In dieser Woche konnte Sharon Van Etten nicht nur mit ihren fantastischen Auftritten in Köln und Hamburg begeistern, in London und Barcelona teilte sie sich mit Größen wie Mike Mills (R.E.M.), Norman Blake (Teenage Fanclub), Sondre Lerche, Chris Stamey, Mitch Easter und sogar Ray Davies von The Kinks die Bühne, um gemeinsam mit den überlebenden Musikern von Big Star deren Großtat "Third" in Gänze aufzuführen. Sharon sang dabei im Duett mit Ken Stringfellow den emotionalen Show-Stopper "Dream Lover". In Köln erzählte sie uns davon.

GL.de: Für einen Außenstehenden klingen diese "Third"-Shows nach einer großen Sache. Auch für dich?

Sharon: Oh ja, es war ziemlich heftig! Ich habe versucht, nicht zu weinen, weil "Dream Lover" ein so ungemein intensiver Song ist. Die ganze Erfahrung war einfach nur surreal: All diese Legenden standen dort auf der Bühne und spielten mit mir! Aber alle waren unglaublich nett, das hat dem Ganzen ein wenig seinen Schrecken genommen. Es war wirklich wunderbar.

GL.de: Hast du dich nicht ein wenig fehl am Platze gefühlt, denn auf der Bühne standen ja vor allem Männer jenseits der 40...

Sharon (lacht): Na ja, es gab auch einige Musiker, die eher in meinem Alter waren, aber es stimmt, außer mir hat nur noch eine Frau gesungen, eine Dame namens Skylar (Gudasz), die wirklich großartig war. Allerdings bestand Big Star ja auch ausschließlich aus Männern...

GL.de: Ist Big Star denn eine Band, die du sehr magst, oder bist du eher durch Zufall zu der Ehre gekommen?

Sharon: Ich liebe "Third" und ich wünschte, ich wüsste mehr über die Band. Ich kenne einige von Alex Chiltons Solowerken, die wirklich toll sind, aber auf Big Star bin ich erst in den letzten Jahren gestoßen. "Third" ist allerdings schon so etwas wie eine Schlüsselplatte für mich!


GL.de: Was gefällt dir besonders daran? Die seltsam verschrobenen Arrangements oder die genialen Pop-Ideen, die darunter vergraben sind?

Sharon: Ich denke, Alex war ein großartiger Songwriter. In meinem Kopf dreht sich alles um Melodien und seine waren immer etwas ganz Besonderes. Sie waren nie zu direkt und veränderten sich ständig. Außerdem hatte "Third" natürlich die schräge Produktion, die ich spitze finde, aber weil ich wie gesagt vor allem auf Melodien anspringe, hat es mir die Platte vor allem wegen ihrer wundervollen Songs angetan. Ich mag vor allem die Liebeslieder, von denen Alex später nicht mehr viele geschrieben hat.

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Surfempfehlung:
www.sharonvanetten.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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