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Arbeiter, klasse!

Dear Reader

Essen, Grend
01.06.2012

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Dear Reader
Dass Cherilyn MacNeil sich auf der Bühne als eine echte Frohnatur präsentiert, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Bei ihrem Auftritt in Essen schien es dennoch ihr erklärtes Ziel gewesen zu sein, noch mehr Spaß als sonst zu haben - schließlich war der Auftritt im Grend der letzte der aktuellen Dear Reader-Tournee, und tags darauf würde die Frontfrau des südafrikanisch-schwedischen Quartetts aus Berlin vorerst Abschied nehmen müssen von ihren drei Mitstreitern. Ihr Plan ging auf. Mit ansteckender Fröhlichkeit führte sie durch den Abend, und praktisch nach jedem Song kam es zum amüsanten Schlagabtausch mit ihrem Drummer oder dem Publikum. Fast könnte man sich einbilden, Cherilyn habe an diesem Abend mehr gelacht als gesungen - und das, obwohl doch gerade die Songs ihres letztjährigen zweiten Albums, "Idealistic Animals", einen unbestritten düsteren Tenor haben.
Begeisternd war im Grend vor allem Cherilyns Herzlichkeit, die selbst bei Sätzen wie "Wir sind das erste Mal in Essen, aber ich glaube, wir müssen ganz schnell wiederkommen" nur gewohnheitsmäßige Zyniker an Berechnung hätte denken lassen. Das Deutsch der Südafrikanerin ist nach weniger als drei Jahren in Berlin inzwischen so perfekt, dass sie sogar Spaß daran hatte, über ihre selten gewordenen Fehler zu lachen. Dem Publikum in Wien hatte sie nämlich die Maulwürfe ihres Songs "Mole" als "warm" beschrieben und sich dann über das Gekicher im Publikum gewundert. Seitdem sei der Song einfach das Lied über die schwulen Maulwürfe...

Wenn die Frontfrau mal nicht in der Lage war, sich selbst und das Publikum zu bespaßen – Gitarre stimmen und gleichzeitig reden gehört ihrer Aussage nach nicht zu ihren Stärken -, sprang Drummer Jacob Lind in die Bresche, indem er mit leuchtenden Augen von seinem Besuch im Westfalenstadion letzten Herbst erzählte ("4:0 gegen Hannover!") oder sein an diesem Abend ungewohnt körperbetontes Schlagzeugspiel - Cherilyn: "Ihr seid definitiv die Ersten, die ihn so spielen sehen!" - schulterzuckend damit erklärte, dass Essen doch eine Arbeiterstadt sei und er deshalb auch richtig malochen wolle. Ein echter Working Class Hero eben!

Doch auch wenn die Ansagen für mehr Spaß sorgten als so mancher Auftritt gestandener Stand-up-Comedians: Musik wurde auch noch gemacht. Anders als im letzten Herbst, als die Lieder von "Idealistic Animals" im Mittelpunkt des Interesses standen, gab es in Essen ein ausgewogenes Set mit den Highlights aus beiden Platten, das zwar ein wenig unterstrich, dass sensationelle Songs wie "Dearheart" und vor allem "Great White Bear" vom Erstling "Replace Why With Funny" auf dem Nachfolger unerreicht geblieben sind, dass aber auch die Wandelbarkeit von Cherilyn unter Beweis stellte: Die Spleenigkeit des Erstlings ist inzwischen selbst aus sanft neu arrangierten alten Songs ein Stück weit gewichen, aber nicht zuletzt der weiterhin fliegende Wechsel an den Instrumenten - Erik Sundberg bediente Gitarre, Bass und Trompete, Jean-Louise Nel (bisweilen sogar gleichzeitig!) Geige, Keyboards, Bass und Akkordeon - sorgte dafür, dass nie Langeweile aufkam.

Trotz der so ungemein lebendigen Performance sah sich Jacob vor der Zugabe noch bemüßigt, kurz die Fehler zu demonstrieren, die er im Laufe des Mainsets gemacht hatte: "Ihr sollt wissen, dass wir auch nur Menschen sind", war seine Erklärung, die Cherilyn lachend konterte mit: "Ich glaube, den Leuten war auch schon vorher klar, dass wir nicht unbedingt die glatteste Band der Welt sind." Nein, glatt sicherlich nicht, aber dennoch vor Spielfreude sprühend! Vor der Zugabe ließ sich die Band übrigens extra lange vom Publikum beklatschen, bevor sie auf die Bühne zurückkehrte. "Manchmal gehen wir gar nicht raus, sondern sagen einfach: Jetzt kommen noch drei Songs...", erklärte Cherilyn, aber, wie Jacob lächelnd ergänzte: "Heute ist der letzte Abend der Tour, da brauchte ich das einfach!"

Für die letzte Zugabe kehrte Cherilyn dann allein auf die Bühne zurück. Ihre Musiker seien der Meinung, sie hätten genug gearbeitet für heute, meinte sie spitz, bevor sie sicherheitshalber noch schnell lachend ein "Das ist gelogen" hinterherschob. Eigentlich wolle sie lediglich den letzten Song ganz für sich allein haben: "Nee, das war schon wieder gelogen!" Der wahre Grund dürfte indes wohl gewesen sein, dass sie solo, nur mit der Akustikgitarre, Bruce Springsteens "Dancing In The Dark" als zerbrechlichen Folksong interpretieren konnte, der klang wie ihre eigenen Songs: angenehm düster und herzergreifend schön.

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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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