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Konzert-Bericht
 
Sieg über das Theater

Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra
Jherek Bischoff & Strings/ The Simple Pleasure

Berlin, Roter Salon
14.06.2012

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Amanda Fucking Palmer
Das nennt man dann wohl self-fulling prophecy: Da betitelt Amanda Palmer ihr im September erscheinendes neues Album-Epos "Theatre Is Evil" und startet die dazugehörige 18-monatige Welttournee ausgerechnet in der altehrwürdigen Volksbühne in Berlin - und alles läuft aus dem Ruder. Dass der Abend letzten Endes dennoch ein (weiterer) Triumphzug für die amerikanische Tausendsasserin und ihre neue Backingband wurde, lag nicht zuletzt an Amandas beeindruckendem Improvisationstalent, ihren umwerfenden Entertainer-Qualitäten und ihrem unbändigen Willen, aus jeder Situation das Beste zu machen. Kurz nach dem Mammutauftritt durfte sie jedenfalls erleichtert twittern: "We won. #theatrewasdefeated." Was war passiert?
Bis zur Hälfte des Soundchecks um 18.00 Uhr war Amandas Welt noch in Ordnung. Gerade hatte sie mit der Band den Dresden Dolls-Klassiker "Half Jack" geprobt, als sie rief: "Und jetzt spielen wir mal richtig laut." Der Verantwortliche von der Volksbühne wollte seinen Ohren nicht trauen und entgegnete kategorisch: "Hier spielt heute niemand irgendwas laut!" Dummerweise war nämlich offenbar aus Versehen parallel zu Amandas erster "lauter Rockshow" in Deutschland im winzigen Roten Salon die Premierenaufführung von Molieres "Der Geizige" unter der Regie von Frank Castorf im Haupthaus angesetzt worden, und die ging natürlich vor. Nach einigen hitzigen Diskussionen zwischen Amanda, ihrer Band und den Veranstaltern - die seltsamerweise auf dem Parkplatz unter den Augen der wartenden Zuschaer stattfanden und nicht etwa hinter verschlossenen Türen - und einigen panischen Twitter-Nachrichten von Amanda (die beste: Der One-Word-Tweet "DRAMA") war dann ein Kompromiss gefunden: Obwohl das Konzert ursprünglich für 19.00 Uhr angekündigt war, würde es erst nach 21.00 Uhr losgehen, die beiden Supportacts sollten versuchen, leise zu spielen. und Amanda würde ihr Programm so umstellen, dass die lauten Nummern erst drankämen, wenn die Anzugträger im Haupthaus schon wieder auf dem Weg nach Hause wären.

So zumindest erklärte es die Protagonistin des Abends, als sie um Viertel nach neun auf die Bühne kam, um die kaum mehr als 150 glücklichen Konzertgäste (die Show war binnen Stunden ausverkauft) über den Ablauf des Abends aufzuklären und gleich auch den ersten Act anzukündigen: The Simple Pleasure sind die Band von Amandas neuem Gitarristen Chad Raines, der mit zwei Synthesizer-bedienenden Mädels in (Raub-)Katzenkostümen (!) eingängigen, überbordenden 80s-Elektronik-Pop spielte, bei dem die schräge Darbietung fast ebenso wichtig zu sein schien wie die Musik selbst. Witzig! Auch Jherek Bischoff ist Mitglied von Amandas Band, bei seinem kurzen Vorprogramm-Auftritt präsentierte sich der Bassist als Dompteur eines Streichquartetts, das zu seinen Vorgaben auf E-Bass oder Ukulele herrlich wilde Sachen fabrizierte, die in anderem Rahmen sicherlich als Avantgarde-Highlight durchgegangen wären (auf seiner just veröffentlichten Platte stehen Bischoff immerhin Könner wie David Byrne, Caetano Veloso, Deerhoof oder Mitglieder von Wilco zu Seite), die aber an diesem Abend trotz artigem Applaus des Publikums ein wenig verpufften. Er fühle sich auf der Bühne wie ein Döner Kebab, dabei sei er doch Veganer, meinte Jherek mit Blick auf die subtropischen Temperaturen im Roten Salon dann kurz vor Ende und kegelte kurzentschlossen eine Nummer aus dem Programm, um schneller den sengend heißen Scheinwerfern zu entkommen.

Amanda, inzwischen in ihrem gewohnten Bühnenoutfit (mit einem Bild von Klaus Nomi auf ihrem Korsett!) griff dann zu Beginn ihres Auftritts erst einmal ungeplant zur Ukulele (sie brauchte übrigens gleich drei Anläufe, um ihr Arbeitsgerät betriebsbereit zu machen) und eröffnete den Abend passend zu den Ereignissen des Nachmittags mit einem Frustsong, und nicht irgendeinem, sondern "Fuck The Police" von N.W.A.! Die (noch) arbeitslose Band saß und lag Amanda derweil zu Füßen! Eigentlich, so sagte sie, hätte sie ihr gesamtes Publikum am liebsten eingeladen, den Theatersaal zu stürmen und "Theatre is evil" zu brüllen, "aber dann wäre meine Karriere von der einen auf die andere Sekunde vorbei und ich würde nie im großen Saal spielen, was ja schade wäre." Selbst der Zwischenruf aus dem Publikum, in Berlin gäbe es doch viele Bühnen, konnte sie nicht umstimmen.

Auch einige leise Nummern mit Streichquartett wie das wunderschön melancholische "Trout Heart Replica" standen anders als ursprünglich am Anfang des Programms, bevor Geigen, Viola und Cello durch eine fünfköpfige Horn-Section abgelöst wurden, die sich - wie alle Musiker vorher auch - mangels Bühneneingang den Weg zur Bühne durch das gesamte Publikum bahnen mussten und dies lautstark spielend taten. "Bei den Streichern ging das leider nicht", merkte Amanda dazu lachend an und feuerte für den Abgang der Streicher gleich noch einen Spruch hinterher: "Bitte lasst sie durch, ihre Instrumente sind vermutlich mehr wert als euer Leben!" Die Bläser kamen unter anderem bei "Berlin" zum Einsatz, das an diesem Abend natürlich ganz besonders gut passte, wenngleich der Song nicht von der Stadt, sondern von Amandas Stripperinnen-Karriere handelt: Berlin war ihr Pseudonym...

Irgendwann griff sie dann zum Handgelenk eines Menschen in der ersten Reihe, um die Uhrzeit zu checken, und stellte wohlwollend fest, dass nun ein bisschen mehr Lautstärke durchaus erlaubt sein müsste. Also gab's weitere Songs aus dem neuen Album zu hören: "Massachussetts Avenue" war herrlich überdreht (und hatte einen Texthänger, der mit einem breiten Grinsen quittiert wurde), "Killing Type" dagegen, der heimliche Hit der kommenden Platte, war ohrwurmig, laut, gewaltig! Schweißtreibend war der Abend für Amanda und ihre Musiker bereits zu diesem relativ frühen Zeitpunkt, also bat sie das Publikum um "a drink of - something" und fügte, nachdem ihr prompt ein Wasser gereicht wurde, augenzwinkernd hinzu "...with alcohol in it!!!"

Weil sie trotz der fortgeschrittenen Zeit zwischendurch von ihrem Tontechniker am Mischpult noch ein letztes Mal zur Ruhe ermahnt wurde, griff sie erneut zur Ukulele, spielte ihr bestes Radiohead-Cover ("Idioteque") und ihr eigenes, haariges "Map Of Tasmania" (komplettiert durch einen improvisierten neuen Endteil von Michael und Jherek, die ihre Bierflaschen zum Klingen brachten), bevor sie das Ende des Moliere'schen Theaterstücks mit einer Spontankomposition feierte, dem Stück "Theatre Is Evil", das sie als ihre Hommage an Einstürzende Neubauten ankündigte und das sich als wilde Krachorgie herausstellte. Da war aus dem Konzert längst ein feuchtfröhlicher Event geworden, bei dem jeder weitere Song für steigende Begeisterung zu sorgen schien, obwohl die meisten ja neu waren, wie die aktuelle Online-Single "Do It With A Rockstar" oder das Synth-getriebene, The Cars-inspirierte "Want It Back". Als ihr die eigenen Songs nicht mehr verrückt genug waren, griff Amanda zum Keytar und spielte "Total Control" von The Motels, und irgendwann fand sie sich dann sogar am Schlagzeug wieder... Inzwischen war aus Donnerstagabend praktisch schon Freitagfrüh geworden, aber das störte im Saal wirklich niemanden. Am Ende hatte Amanda also nicht nur das Theater, sondern gewissermaßen auch die Zeit besiegt.

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Surfempfehlung:
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www.jherekbischoff.com
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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-

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