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Konzert-Bericht
 
Mädelsabend mit Jack

Jack White
First Aid Kit

Köln, E-Werk
27.06.2012
Jack White And The Peacocks
Man hatte es nicht leicht als Fußballfan an diesem sommerlichen Mittwochabend Ende Juni: Erst 120 Minuten Hängemattenfußball ohne Tore beim Halbfinale der Europameisterschaft in Donezk zwischen Spanien und Portugal, und dann auch noch kein "Seven Nation Army" beim Jack White-Konzert in Köln! Anders als die Kicker aus Südeuropa, die selbst beim Elfmeterschießen drei Anläufe brauchten, um endlich den Ball im Tor zu versenken, traf Jack White mit Konzept, aber ohne Kompromisse bei seinem Auftritt im seit zwei Monaten restlos ausverkauften E-Werk auch ohne seinen fraglos größten Hit ins Schwarze.
First Aid Kit
Zum Plan des amerikanischen Tausendsassas gehört auch das handverlesene Vorprogramm. Um Punkt 20.00 Uhr steht nämlich nicht irgendein Act, der mit Plattenfirmen-Kohle als Support eingekauft worden ist auf der Bühne, sondern eine Band, die unlängst mit Jack White sogar eine Single für dessen Label Third Man Records eingespielt hat: First Aid Kit. "Wir sind zwei Schwestern aus Schweden und unser Schlagzeuger ist ein Freund von uns. Der kommt auch aus Schweden", erklären Klara und Johanna Söderberg dem Publikum mit vereinten Kräften. Trotz Ansagen wie dieser ist der Niedlichkeitsfaktor von First Aid Kit an diesem Abend nicht ganz so hoch wie bei ihrem fabelhaften Headline-Auftritt im Gebäude 9 Mitte Februar. Positiv ausgedrückt: Die jungen Damen haben überhaupt keine Probleme, sich der großen Halle, dem straffen Zeitplan und dem lauten Hauptprogramm anzupassen. Anstatt mit sanfter Zartheit zu glänzen, spielen sie ihre wunderbaren Songs zwischen Oldschool-Country und Jetztzeit-Folk an diesem Abend mit deutlich mehr Wumms als bei ihrem letzten Gastspiel in der Domstadt, ohne dass deshalb ihr fantastischer Harmoniegesang darunter leiden würde. Selbst kleine technische Probleme können sie nicht schrecken, außerdem bügelt Papa Bengt am Mischpult diese schnell wieder aus. Zwar stehen First Aid Kit kaum mehr als 35 Minuten auf der Bühne, trotzdem hat man überhaupt nicht das Gefühl, dass etwas fehlt. Vom Bright Eyes-Flair atmenden Opener "I Met Up With The King" (übrigens ausgezeichnet dazu geeignet, das Jack White-Publikum "einzufangen") über die Fever Ray-Coverversion "When I Grow Up" bis zu den Highlights beider Alben und dem einmal mehr furiosen Finale mit "The Lion's Roar" spielen die Schwedinnen ein perfekt eingedampftes Set, und nur das Aufflackern der Hallenbeleuchtung beendet den lang anhaltenden Applaus nach dem letzten Song.
Jack White And The Peacocks
Dann wird die Bühne, passend zum Artwork und Vibe von Jack Whites Erstling als Solist, "Blunderbuss", komplett in blaues Licht getaucht und Roadies in Anzug und Hut bereiten alles für den Auftritt des inzwischen in Nashville beheimateten Alleskönners vor. Nichts ist dem Zufall überlassen. Die kleinen Podien, die Klavier, Schlagzeug und Pedal Steel erhöhen, bestehen nicht etwa aus eilig zusammengeschobenen Standard-Metall-Bühnenelementen, sondern sind Spezialanfertigungen aus Holz, den Backdrop zieren drei weiße Bahnen, selbst die riesigen Scheinwerfer, die später immer wieder für urige Beleuchtung sorgen, sind dreigeteilt und verweisen so auf Jacks Label Third Man Records. Die Instrumente (vom schwarzen Klavier auf der linken Seite einmal abgesehen) glänzen derweil im wahrsten Sinne des Wortes mit silber-metallischem Oldschool-Charme, und bevor es losgeht, kommt ein Bediensteter Jacks auf die Bühne und bittet darum, das Fotografieren zu unterlassen. Man solle das Konzert in 3D, nicht durch einen nur drei Inch großen Bildschirm genießen. Offizielle Fotos gäbe es dann einige Tage später kostenlos auf Jacks Website. Ob an diesem Abend The Peacocks, Jacks ausschließlich mit Frauen besetzte Backingband, oder das parallel mitreisende Männerensemble Los Buzzardos auf der Bühne stehen wird, ist da noch offen.

Um zehn nach neun geht das Licht aus, das Schlagzeug wird enthüllt und - es sind The Peacocks, die ganz in Weiß und betont schick gekleidet ihre Positionen einnehmen, bevor als Letzter Jack selbst auf die Bühne gestürmt kommt, um sich kopfüber und mit höllischer Lautstärke in "Sixteen Saltines" zu stürzen. Am Mikro in der Bühnenmitte hält es ihn allerdings nicht lange. Immer wieder tigert er über die Bühne und muss sich manchmal richtig beeilen, rechtzeitig zur nächsten Textzeile wieder vorne am Mikro zu sein. Beim White Stripes-Klassiker "Dead Leaves And The Dirty Ground" ist ihm dann die Gitarre nicht mehr genug, gleich zweimal stürmt er mitten im Song zum Klavier, um darauf einige Passagen zu spielen. Die Gitarre baumelt ihm derweil lässig um den Rücken.

Überhaupt sind es die ungeheure Spielfreude und Lässigkeit, die gerade im ersten Teil des Konzerts begeistern. Obwohl es eine ganze Reihe White Stripes-Songs zu hören gibt, ist von der Ästhetik des Duos nicht mehr viel zu spüren an diesem Abend. Die abgehangenen 70s-Rock-Avancen scheinen auf The Raconteurs zu verweisen, die abgedrehten Hinwendungen zum Prog deuten in Richtung Dead Weather, und die freudetrunkene Kneipen-Atmosphäre, die gleich eine ganze Reihe Songs umweht, passt perfekt zur Country-Vergangenheit von Jacks Wahlheimat Nashville. Das perfekte Beispiel dafür ist "Hotel Yorba", dessen Country-Wurzeln durch das große Ensemble deutlicher als je zuvor herausgearbeitet werden und das sich, in der Mitte des Sets versteckt, als das heimliche Highlight der kompletten Veranstaltung entpuppt. Allerdings braucht Jack die Rückgriffe auf alte Songs nur bedingt, um zu glänzen. Das am Klavier vorgetragene "I Guess I Should Go To Sleep" und das vom Südstaaten-Soul geküsste "Love Interruption" können den alten Highlights wie "We're Going To Be Friends", "Ball And Biscuit" oder dem bei der Zugabe locker ausgewalzten "Steady As She Goes" locker das Wasser reichen.

Wie sein Vorbild Bob Dylan versteht es Jack meisterhaft, seine alten Songs in ihre Einzelteile zu zerlegen und neu zusammenzusetzen, unterstützt von großartigen Mitstreiterinnen. Vor allem Geigerin Lillie Mae Rische hat viel Freiraum und drückt vielen Songs ihren Stempel auf - dass Dylans "Desire" zu Jacks Lieblingplatten zählt, setzen wir als bekannt voraus. Großartig auch Drummerin Carla Azar, die aussieht, als würde sie gleich zur Ballkönigin gewählt, aber mit der Wucht eines Schwergewichtsweltmeisters Schlagzeug spielt. Nicht weniger beeindruckend ist die in die Bühnenmitte postierte Dänin Maggie Björklund an der Pedal Steel, die inzwischen zu den gefragtesten Sessionleuten in Amerika gehört und mit viel Subtilität für einen dichten Soundteppich sorgt, auf dem sich Jack austoben kann. Flexibilität wird dabei allen sechs Damen abverlangt: Immer wieder ruft Jack seinen Mädels Songtitel zu, offenbar wird die Setlist gleich mehrfach spontan abgeändert. Zwischendurch unterhält Jack das Publikum mit launigen Ansagen. Zwar sagt er weder etwas zu den Songs geschweige denn über sich selbst, aber das fällt gar nicht weiter auf, wenn er sagt, dass er schon so oft in Köln gewesen sei, dass wir nun doch inzwischen wohl alle Freunde seien und er für sein nächstes Gastspiel sogar Deutsch lernen würde: "Aber nur, wenn ihr wollt!"

Perfekt ist der Auftritt trotzdem nicht. Nicht nur bei der Lautstärke übertreibt Jack es unnötigerweise etwas, im zweiten Teil springt er bisweilen auch etwas zu abrupt von countryesker Sanftheit zu proggigem Höllenfeuer. Dass nach rund 75 mitreißenden Minuten und knapp einer Handvoll Zugabensongs Buhrufe durchs E-Werk schallen, als einigen klar wird, dass sie ohne "Seven Nation Army" gehört zu haben nach Hause gehen müssen, ist trotzdem unverzeihlich. Denn mit dem Auslassen des Monsterhits hat Jack letztlich nur bewiesen, dass er auch weiterhin unberechenbar bleibt und einfach das tut, was er will. Genau deshalb schätzen wir ihn doch so, oder?

P.S.: Ein paar Tage später im ausverkauften Hamburger Docks waren First Aid Kit ähnlich gut vom Publikum aufgenommen worden, die Frage nach "Is it Alter or Digger here in Hamburg?" wurde auch schnell geklärt, bevor Jack White diesmal mit seinen Herren von Los Buzzardos auf der Bühne stand und mit "Dead Leaves And The Dirty Ground" direkt in die Vollen startete. Auch in Hamburg war es auch besonders deswegen so gut, weil sich Jack White nicht auf sein Solo-Material beschränkte, sondern einfach und zu Recht Material von seinen ganzen anderen Bands (White Stripes, Dead Weather, Raconteurs) in die Setlist einfließen ließ. Tolle Auswahl, tolles und furioses Ende mit "Seven Nation Army".

Surfempfehlung:
www.jackwhite.com
www.facebook.com/jackwhite
www.thisisfirstaidkit.com
Text: -Simon Mahler-
Fotos: -Simon Mahler-


 
 

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