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Konzert-Bericht
 
70 Minuten Gänsehaut

Lee Ranaldo

Köln, Gebäude 9
05.07.2012

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Lee Ranaldo
56 Jahre ist Lee Ranaldo alt. 30 Jahre lang hat er mit Sonic Youth Bahnbrechendes vollbracht, bis ihn die Scheidung von Thurston Moore und Kim Gordon letztes Jahr seinen Day-Job kostete. Doch anstatt sich gemeinsam mit seiner Gattin auf das Sofa seines New Yorker Apartments zu setzen und auf die GEMA-Abrechnung zu warten, veröffentlichte er Anfang des Jahres "Between The Times And The Tides", das nicht nur sein erstes echtes songorientiertes Solowerk ist, sondern auch so etwas wie die heimliche Platte des Jahres. Sicherlich, einigen Sonic Youth-Aficionados mag das Album zu glatt sein, allerdings ist es gerade der Brückenschlag zwischen dem No-Fi-Universum seiner alten Band und dem 60s-infizierten Indierock, der eine Band wie R.E.M. einst in die obersten Regionen der Charts katapultierte, der die meisten fesselt. Das kreative Feuer in Lee Ranaldo, das beweist auch sein mitreißender Auftritt in Köln mehr als eindrucksvoll, ist noch lange nicht erloschen. In Köln sorgt der Amerikaner 70 Minuten lang für Dauer-Gänsehaut.
Begeistern kann er im Gebäude 9 aber nicht nur mit den Songs des in Gänze gespielten Albums, sondern vor allem mit der Art und Weise, wie er sich präsentiert. Egal, ob er von seiner Jugendfreundin Christina und dem Erwachsenwerden in Upstate New York erzählt oder von der Musik der Talking Heads, die ihn einst vollkommen aus den Schuhen gehauen hat (bevor er sie unlängst neu für sich entdeckte) und ihn dazu ermunterte, selbst nach New York City umzuziehen, um sich in den gleichen Kreisen bewegen zu können wie Teenage Jesus And The Jerks, die Contortions, Patti Smith und Suicide, oder ob er von der Occupy-Bewegung und vom berühmten "Riot Kiss"-Foto aus Vancouver spricht, das die Rückseite einer der vielen Gitarren ziert, die er an diesem Abend spielt - immer tut er dies mit einer bewundernswerten Mischung aus Begeisterung und Eindringlichkeit, die ihn sowohl als echten Fan als auch als echten Künstler charakterisiert. Übrigens nicht nur auf der Bühne: Nach dem Konzert begeistert er mit liebenswürdiger Freundlichkeit auch am Merch-Tisch, wo er Hände schüttelt, Platten signiert und ganz allgemein sein Publikum in dem Gefühl nach Hause schickt, an diesem Abend nicht nur einen der wichtigsten Ideengeber des Alternative Rock (was immer das auch genau ist) gesehen zu haben, sondern auch einen der nettesten Menschen, die man sich denken kann. Was für eine seltene Mischung!

Ganz "nebenbei" macht er gemeinsam mit Gitarrist Alan Licht, Bassist Irwin Menken und Drummer Steve Shelley - Ranaldos alter Sonic Youth-Kollege hatte vorher auch bei Disappears mitgespielt, die mit ihrer bisweilen herrlich wilden Mischung aus Psychedelic, Krautpop und Garagenrock als "Support Act Deluxe" geglänzt hatten - ganz fantastische Musik, die live ohne Keyboards, Lap Steel und andere Ornamente zwar ein bisschen rauer, rockiger als auf dem Album daherkommt, aber dennoch stets die melodiöse Seite Ranaldos betont - von einigen willkommenen Ausreißern einmal abgesehen, zum Beispiel, als er bei "Hammer Blows" seine Gitarre mit dem Geigenbogen malträtiert und in der Bühnenmitte Alan Licht zum Saitenduell aufzufordern scheint, oder als die ganze Band bei "Lost" einmal kurz in den Freestyle abtaucht.

Ohne das wunderbare Album abwerten zu wollen - die heimlichen Highlights des Sets sind nicht von "The Times And The Tides". So kann man förmlich die Kiefer sämtlicher Zuschauer herunterklappen hören, als sich die Band wortlos in Neil Youngs "Revolution Blues" wirft und den "On The Beach"-Klassiker in einer knappen, aber herrlich aufrührerischen Version zelebriert, und gleich anschließend durch "Thank You For Sending Me An Angel" von den Talking Heads stürmt. Doch nicht nur das Publikum ist hin und weg, auch die Band ist Feuer und Flamme für den Auftritt. Das Konzert tags zuvor in Schorndorf sei nicht so gut gelaufen, lässt Ranaldo die Menschen vor der Bühne wissen, "deshalb ist es toll, dass wir heute hier so viel Spaß haben!" Bei der Zugabe gibt es dann - als einzigen Rückgriff auf Ranaldos alte Band - sogar noch das eindringliche "Genetic", den besten unbekannten Sonic Youth-Song überhaupt, 1992 unverständlicherweise nur eine B-Seite, an diesem Abend aber die Krönung eines geradezu unfassbar guten und zudem ungemein inspirierenden Konzerts.

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Surfempfehlung:
www.leeranaldo.com
www.sonicyouth.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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