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Konzert-Bericht
 
"Wir sind die Vereinten Nationen"

"Sit Down & Sing"-Tour
Mark Gardener/ Downpilot/ Danny Michel

Köln, Stadtgarten
15.10.2012
Mark Gardener
Inzwischen sind sie längst zu einer lieb gewonnenen Herbst-Tradition geworden, die "Sit Down & Sing"-Tourneen aus dem Hause Tapete Records. Größen wie Lloyd Cole, Norman Blake (Teenage Fanclub), Maria Taylor oder Josh Rouse waren in der Vergangenheit schon dabei, und auch bei der sechsten Ausgabe durften wir einen alten Helden zurück auf deutschen Bühnen begrüßen: Der frühere Ride-Frontmann Mark Gardener teilte sich die Bühne mit dem von uns sehr geschätzten Paul Hiraga alias Downpilot und dem Juno-Award-nominierten Danny Michel. Ein Brite, ein Amerikaner und ein Kanadier waren hier also gemeinsam auf Tournee, obendrein hatten sie mit Dirk Darmstaedter als Tourmanager, Fahrer, Zeremonienmeister und gute Seele des Unternehmens auch noch einen Deutschen mit an Bord. So falsch lag Michel deshalb nicht, als er lachend meinte: "Wir sind die Vereinten Nationen!" Anders als bei vorangegangenen "Sit Down & Sing"-Tourneen gab es dieses Mal nicht drei längere Sets hintereinander weg, sondern jeweils drei kurze und nach einer kurzen Pause noch einmal das Gleiche. Das war eine prima Idee, schließlich standen hier nicht nur Singer/Songwriter aus drei verschiedenen Ländern, sondern auch drei verschiedene Temperamente auf der Bühne.
Danny Michel
Die Rolle des Klassenclowns fiel dabei ohne Zweifel Danny Michel zu, der in seiner Heimat auch an Montagabenden vor mehr Publikum spielt als den vielleicht 75, die es in den Stadtgarten geschafft hatten (die anderen 18 000 waren zeitgleich bei Radiohead). Davon ließ sich der ein wenig wie Joe Strummer aussehende und agierende Kanadier aber nicht irritieren und lieferte eine bisweilen herrlich alberne Show mit ungemein lebendigen Songs ab. Hatten seine Texte mal keine Pointen, schnitt er stattdessen groteske Grimassen, warf sich in übertriebene Posen oder sorgte per Sampler- oder iPod-Einsatz für kurzweilige Abwechslung. Egal, ob er in seinen Stücken farbenfrohe Stimmungsringe aus dem Kaugummiautomaten besang ("What Colour Are You?"), etwas ernster, aber dennoch augenzwinkernd die Frage erörtere, wer sich an ihn erinnern würde, wenn er mal stirbt, oder lachend verriet, dass wir seinen letzten Song ganz einfach zu Hause nachspielen könnten, weil er eh nur aus zwei simplen Akkorden, A und D, bestehen würde - das war, nicht nur wegen der immer wieder eingestreuten deutschen Brocken, ungeheuer charmantes Entertainment!

Kein Wunder, dass Paul Hiraga im Anschluss auf und abseits der Bühne viel von den vergnüglichen Autofahrten mit seinem Tourpartner erzählte. Trotzdem ließ der sympathische Mann aus Seattle auch an diesem Abend in erster Linie seine famosen, wunderbar detaillierten Songs für sich sprechen - und das funktionierte ganz ausgezeichnet. Das erste Set bestritt er an der Akustikgitarre mit vornehmlich alten Songs à la "My Sunshine", bevor er im zweiten ans Klavier wechselte, um die auch auf der Platte Piano-lastigen Stücke seines feines aktuellen Albums "New Great Lakes" adäquat zu präsentieren, von denen sich das von einem Trip nach Los Angeles ("Not my favorite city in America", wie er einleitend verriet) handelnde "Rider" als heimliches Highlight des Auftritts entpuppte. Hatte Michel das Publikum mit seinen überdrehten Albernheiten eingefangen, gelang Hiraga dies mit der ungeheuren Leidenschaft, die nicht nur in jeder Zeile seiner Songs, sondern auch in jeder Sekunde seiner Performance spürbar war. Keine Frage, Auftritte von Downpilot sind immer wieder beeindruckend: Große Kunst mit vergleichsweise einfachen Mitteln.

In puncto Performance war Mark Gardener sicherlich der Künstler, der an diesem Abend am wenigsten beeindruckte. Das lag allerdings lediglich an seiner etwas schluffigen Art und nicht an mangelndem Enthusiasmus auf oder vor der Bühne. Während sich die anderen beiden Musiker ihr Publikum praktisch erst erspielen mussten, konnte sich der inzwischen auch etwas in die Jahre gekommene frühere Posterboy des britischen Indierock, der seine berühmten langen Haare inzwischen gegen einen Haarschnitt in militärischer Kürze plus Hut eingetauscht hat, sicher sein, dass eine ganze Reihe alter Fans im Publikum saßen, die bei den vielen Ride-Songs im Programm (vom legendären Debüt "Nowhere" aus dem Jahre 1990 gab es fast die Hälfte zu hören!) von einer Verzückung in die nächste fielen und ihm nach der Show viele Autogramme und Fotos abverlangten. Doch es waren nicht nur unkaputtbare Klassiker wie "Polar Bear", "Drive Blind" oder der Andy Bell gewidmete, vielleicht beste Song der gesamten Shoegazer-Ära, "Vapourtrail", die selbst in den akustischen Soloversionen auf der 12-saitigen Gitarre überzeugen konnten - nur bei den langen Instrumentalparts vermisste man die Band hier und da -, auch mit Stücken neueren Datums konnte Gardener punkten. Besonders gut gefiel an diesem Abend das gleich zu Beginn gespielte "Gravity Flow", mit dem er soundtechnisch den Bogen vom Ride-Sound zur Gegenwart schlug. Mit "Places We Go" stellte er auch seine in Zusammenarbeit mit Robin Guthrie entstandene aktuelle Single "The Places We Go" vor.

Downpilot
Nach so viel tadelloser Singer/Songwriter-Unterhaltung durfte es am Ende noch richtig "experimentell" werden, um Gardeners Formulierung aufzugreifen: Am Vortag in Münster hatten sich die drei erstmals auf der Tour an eine gemeinsame Zugabe gewagt, sprich: einen Song improvisiert, den sie alle beherrschten bzw. zu beherrschen glaubten. Auch in Köln klang das Stück noch etwas wackelig, trotzdem war es eine helle Freude, die drei gemeinsam Gram Parsons "A Song For You" singen zu hören. Die Freude bei den Zuschauern war sogar so groß, dass noch eine weitere Zugabe hermusste, die nun wirklich nicht mehr geprobt war. Bester Beweis: MC Dirk Darmstaedter musste einen Zettel mit dem Text des Stücks für Gardener und Michel hochhalten, nachdem er zuvor schon den Text im Handumdrehen organisiert hatte, denn "er hat einen Drucker in seiner Jacke versteckt", wie Michel lachend meinte. Also war alles bereit für das furiose Finale, und "The Kids Are Alright" von The Who setzte ein letztes Ausrufezeichen hinter einen wirklich ganz ausgezeichneten Montagabend im Stadtgarten.
Surfempfehlung:
www.facebook.com/sitdownandsing
www.tapetebooking.com/artists/sit-down-and-sing-tour/
www.markgardener.com
www.facebook.com/pages/DOWNPILOT/136711541399
www.dannymichel.com
Text: -Simon Mahler-
Fotos: -Simon Mahler-


 
 

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