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Konzert-Bericht
 
Prädikat "außergewöhnlich"

Destroyer
The Luyas/ Sharon Van Etten

Utrecht, Tivoli De Helling (Le Guess Who? Festival)
02.12.2012

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Destroyer
Vier Tage lang tobte Ende November/Anfang Dezember die neueste Auflage des Le-Guess-Who?-Festivals durch die Utrechter Clubs und Bars und sorgte geschmackssicher für viele, viele Höhepunkte. Ty Segall brannte im Tivoli Oudegracht sein psychedelisches Freudenfeuer ab, an gleicher Stelle sorgten auch die japanischen Post-Rocker Mono mit ihrer furiosen Show für ungläubige Gesichter, und auch Do Make Say Think, Break und Altmeister wie Adrian Sherwood oder Paul Collins konnten begeistern. Ein ganz besonderes Bonbon kredenzten uns die Le-Guess-Who-Macher am letzten Festivaltag im restlos ausverkauften Tivoli De Helling: Dan Bejars achtköpfiges Kollektiv Destroyer hatte - wie auch auf dem Rest seiner Europatournee - den kanadischen Geheimtipp The Luyas im Schlepptau, und als Sahnehäubchen stand an diesem Abend sogar noch Sharon Van Etten mit ihrer feinen Band auf der Bühne - drei Acts also, die allesamt das Prädikat "außergewöhnlich" verdienten.
Nominell bestritten The Luyas zwar nur das Aufwärmprogramm, trotzdem bestand kein Zweifel, dass diese in Montreal beheimatete Band etwas ganz Besonderes ist. Behutsam illuminiert von Glühbirnen, die Frontfrau Jesse Stein und ihre Mitstreiter an ihren Mikrofonständern befestigt hatten, entwarfen die Kanadier mit ihren Songs atmosphärisch dichte Klanglandschaften, die bei allem Willen zum Experimentieren genug Pop-Sensibilität besaßen, um das Publikum bei der Stange zu halten. Von der unbändigen Freude, die The Luyas dem Vernehmen nach in früheren Jahren auf der Bühne versprüht haben sollen, war in Utrecht allerdings nicht allzu viel zu spüren. Eher orientierte sich die Band am betont besinnlichen Sound ihres neuen Albums, "Animator", und erinnerte deshalb mitunter während ihres kurzen Auftritts ein wenig an selige Shoegazer-Zeiten. Dafür, dass es trotzdem nie langweilig wurde, sorgte auch die Instrumentierung, beispielsweise, wenn Jessie die Stromgitarre gegen einen Moodswinger (der auf den ersten Blick ein wenig so aussieht wie eine elektrifizierte Sitar) tauschte oder ihre Musiker von Elektronik und Tasteninstrumenten ans Waldhorn wechselten. Songtechnisch blieb zwar nicht allzu viel hängen, erinnerungswürdig war der Auftritt aber allemal.

Sharon Van Etten brauchte danach etwas, um in Tritt zu kommen. Vielleicht lag es an ihrer Erkältung oder daran, dass sie und ihre Musiker aufgrund von Sparmaßnahmen dieses Mal, den unerbittlichen Festivalzeitplan im Nacken, ihre Instrumente selbst aufbauen mussten, womöglich war auch die zusammengestrichene und inhaltlich veränderte Setlist einfach nicht ideal - wie dem auch sei, die ersten Songs der amerikanischen Indie-Folk-Heldin verpufften erstaunlich wirkungslos, zudem war Sharon anfangs zudem auch ungewohnt wortkarg. Ausgerechnet ein Patzer beim Intro von "All I Can" aus der aktuellen "Tramp"-LP brachte dann die Wende: Der Verspieler sorgte für allgemeine Belustigung auf der Bühne, und von da an wirkte Sharon wie ausgewechselt und fand sogar ihren herrlich schrägen Humor wieder. Sie sei nun "endlich erkältet", erklärte sie dem Publikum todernst, denn dadurch sei ihre Stimme genau so rau, wie sie es am liebsten möge, und kurz darauf meinte sie: "Das nächste Lied handelt davon, wie ich meinen Freund verlassen habe und gleichzeitig versucht habe, das Rauchen aufzugeben. Eine Idee schlechter als die andere!" Später am Abend schmälerte sie dann sogar noch ihr eigenes musikalisches Können, indem sie über ihren heimlichen Superhit "Serpents" sagte: "Das Lied hat nur drei Akkorde, das kann jeder!" Das Highlight des einstündigen Sets war allerdings fraglos das einer anwesenden Freundin Sharons aus Spanien gewidmete "I'm Giving Up On You", das vor drei Jahren nur auf einer lange vergriffenen Single erschienen war und an diesem Abend, obwohl lange nicht gespielt, in der von Sharon gemeinsam mit Keyboarderin Heather Woods Broderick gesungenen Version zum Heulen schön war.

Tränen konnte man danach auch beim Auftritt von Destroyer vergießen - Freudentränen, wohlgemerkt, denn was Mastermind Dan Bejar und seine sieben perfekt aufeinander eingespielten Musiker an diesem Abend auf die Bühne des Tivoli De Helling zauberten, war schlicht und ergreifend sensationell. Klassischen Indie-Folk, wohlig-warmen Soul, intelligente Popmusik und einiges mehr verwoben die Amerikaner zu einem anspruchsvollen, aber dennoch wunderbar fließenden Sound, der live um einiges organischer und damit viel magischer wirkte als auf den bisweilen etwas zu durchdacht erscheinenden Alben. Spielerisch präsentierte sich das Kollektiv indes wie eine Jazz-Band. So räumte Bejar seinen Musikern, allen voran den Bläsern, oft minutenlange Soli ein, während der alte Kauz sich kurzerhand im Schneidersitz auf den Bühnenboden setzte und ganz verzückt dem imposanten Treiben um sich herum zuschaute. Doch selbst wenn er sang, vermied er übermäßigen Kontakt mit dem Publikum (oder seinen Musikern). Stattdessen agierte er in sich selbst versunken, oft mit geschlossenen Augen, und ging immer wieder in die Knie, als wollte er sich hinter den am Bühnenrand aufgereihten Monitorboxen verstecken. Wenn er aufrecht stand, stützte er sich fast immerzu auf seinen hüfthohen Mikroständer, als müsse er sich irgendwo festhalten, um nicht vom emotionellen Ballast seiner kunstvollen Songs niedergestreckt zu werden. Obwohl seine Texte bekanntlich durchaus bedeutungsschwanger sind, hatte Bejar dem Publikum an diesem Abend nicht viel zu sagen. Er ließ, um die alte, aber hier ungemein treffende Floskel zu bemühen, seine fantastische Musik für sich sprechen. Mit einer Setlist, die praktisch das komplette Destroyer'sche Schaffen bis zum aktuellen Album "Kaputt" abdeckte, gelang ihm das an diesem Abend ungemein eindrucksvoll.

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Surfempfehlung:
www.leguesswho.nl
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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