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Konzert-Bericht
 
...bis die Songs ausgehen

Neil Halstead

Münster, Gleis 22
13.12.2012
Neil Halstead
Wer wohl von den an diesem Abend Anwesenden Slowdive vor rund 20 Jahren auf ihrer ersten Deutschland-Tournee gesehen hat? Vermutlich nicht viele, denn dann müsste das Publikum im Gleis 22 vor allem aus Herren im besten Alter bestehen. Tut es aber nicht, denn die jungen Damen sind klar in der Überzahl. Bester Beweis dafür, dass Neil Halstead den Shoegazer-Heroen Slowdive zwar seinen Kult-Status verdankt, seine Fans aber eher an den countryesken Band-Klängen des Nachfolge-Projekts Mojave 3 und seinen vom British Folk der 60er geprägten Alleingängen unter eigenem Namen interessiert sind. Glück für den immer etwas schluffig wirkenden Briten, schließlich sind die Klanglandschaften seiner ersten Band akustisch und ohne eine ganze Armada von Effektpedalen nur schwer adäquat zu vermitteln. Im Gleis konzentriert er sich deshalb in erster Linie auf sein Schaffen mit Mojave 3 und als Solist - und beschwört damit viele magische Momente herauf.
John Herguth
Mehr als seine leicht rauchige, aber dennoch ungemein einschmeichelnde Stimme, eine Akustikgitarre und dann doch einige sporadisch eingesetzte Effektpedale braucht der Brite kaum, um das Publikum zu verzaubern. Mucksmäuschenstill ist es während der Songs, viele Zuschauer stehen mit geschlossenen Augen und einem verzückten Lächeln im Gesicht vor der Bühne. Der Applaus zwischen den Liedern ist dafür umso lauter. Perfekt ist das Konzert musikalisch nicht, aber das passt zur handgemachten Musik und zum Künstler, und deshalb verzeiht ihm das Publikum die kleinen Patzer am ersten Tag der noch bis Weihnachten laufenden Deutschland-Tournee gerne. Er hätte unglaublich lange nicht mehr mit seinem Sidekick an Gitarre, Bass und Keyboards, John Herguth von Pacific/Atlantic, zusammengespielt, erklärt der gemütlich wirkende Vollbartträger den Zuschauern entschuldigend und lässt sich selbst dann nicht aus der Ruhe bringen, als sich herausstellt, dass ihr letzter gemeinsamer Auftritt gerade einmal einen Monat her ist: "Das ist ja irgendwie auch eine lange Zeit!", meint er mit einem Schulterzucken.

Bei ungefähr der Hälfte der Songs ist der zweite Mann im Einsatz, und obwohl seine dezenten Beiträge den Liedern durchaus guttun, ist er nicht essenziell für den gelungenen Abend. Verantwortlich dafür sind vor allem Halsteads fantastische Songs, mitten aus dem Leben und doch viel poetischer, als der Alltag es je sein könnte, sowie der trockene Humor, mit denen der Mann aus Cornwall seine Songs, seine Performance und das Tourleben kommentiert. Geschichten vom auf dem Münsteraner Weihnachtsmarkt samt Trinkgefäß ergatterten Glühwein ("Gutes Getränk, ich denke, am Ende der Tour werden wir eine ansehnliche Bechersammlung zusammenhaben!") gehören genauso dazu wie die Warnung, dass wir nicht erschrecken sollen, wenn er ein schmerzverzerrtes Gesicht macht: Sein Vollbart würde sich des Öfteren in der Mundharmonika verheddern, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn sich der Fokus von Folk in Richtung Country verschiebt. Herrlich auch, wie er erklärt, dass "Loose Change" von seiner Frau handele, bevor er sich verbessert: "Nein, sie ist meine Ex-Frau. Ich dachte, es sei ein gutes Lied, aber dem war wohl nicht so!"

Neil Halstead
Neben den Highlights seines feinen aktuellen Albums, "Palindrome Hunches", wie "Digging Shelters" und "Wittgenstein's Arm" und unsterblichen Mojave-Songs à la "Who Do You Love" und "Some Kinda Angel" gibt es sogar Wünsche zu hören - fast jedenfalls. Als sich eine Zuschauerin auf Halsteads Aufruf hin nach all den melancholischen Midtempo-Songs das beschwingte "Starlite" wünscht, bleibt er nach zwei Strophen stecken, um dann locker zu fragen: "Hat noch jemand einen Wunsch, den ich versuchen kann zu spielen"?

Als er nach 90 Minuten das letzte Lied des Mainsets ankündigt, ist das keinesfalls ein Anzeichen dafür, dass er keine Lust hat weiterzuspielen, Grund dafür ist lediglich, "dass uns langsam die Songs ausgehen", wie er mit einem Blick auf den links von ihm am Boden liegenden Spickzettel (eine Setlist als solche gibt es nicht) gesteht. Eine lange, lange Zugabe gibt es dann trotzdem noch, und erst nach fast zwei Stunden ist dieser wundervolle Konzertabend endgültig zu Ende.

Surfempfehlung:
www.neilhalstead.com
Text: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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