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Geschichten aus dem wahren Leben

Wooden Wand

Essen, Zeche Carl
20.04.2013

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Wooden Wand
Veränderung ist die einzige Konstante im Schaffen des Amerikaners James Jackson Toth. Mit Dutzenden Veröffentlichungen hat der geniale Querkopf an der Spitze der New-Weird-America-Bewegung bereits alle erdenklichen Spielarten des Folk erkundet, bis er mit seinen beiden letzten, auf dem englischen Label Fire Records Label veröffentlichten Album-Großtaten "Briarwood" und "Blood Oaths For The New Blues" sein Herz für charmant rumpelnden Southern Rock entdeckt hat und auch damit begeistern konnte. In Essen interessierte das zwar selbst am Record Store Day leider nur eine Handvoll Eingeweihte, doch Toth und seine vier Mitstreiter ließen sich davon nicht beirren.
Auf den ersten Blick unterscheiden sich Wooden Wand nicht groß von anderen Musikern, die derzeit im Grenzgebiet von verruchtem Americana, vernebelter Psychedelic und schleppendem Indierock unterwegs sind. Die Hemden der Südstaatler haben Karos, die Bärte sind wuschelig, die Brillen haben einen gewissen Nerd-Faktor und die Musik ist handgemacht und oft herrlich heimelig. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern, die derzeit auf der Erfolgswelle des Folk-Revivals mitsurfen, ist Toth ein klassischer Storyteller, der vollkommen seiner eigenen Eingebung vertraut, sich seine Inspiration abseits der üblichen Pfade sucht und - getreu der auf seinen Arm tätowierten Frage "Was würde Neil Young tun?" - auch musikalisch die Abwechslung liebt.

So decken Wooden Wand mit den zehn Songs, die sie in Essen spielen, musikalisch ein erfreulich breites Spektrum ab und Toth entpuppt sich als fesselnder Geschichtenerzähler, der mit seinen oft zynischen Texten den täglichen Kampfs als Künstler und Außenseiter in der Provinz festhält. Wunderbar, wie er bei "Winter In Kentucky" davon erzählt, wie er für 50 Mäuse den Schnee auf dem Parkplatz der Kirche wegschaufelt, "weil man dabei niemanden 'Sir' nennen muss", und den Job am Ende doch verliert, weil der Pastor Gemeindemitglieder findet, die die Arbeit kostenlos erledigen. Die Band sorgt derweil im Hintergrund für einen satten Soundteppich in bester Crazy-Horse-Manier. Verglichen damit ist die Musik des ebenfalls von der "Briarwood"-LP stammenden Songs "Scorpion Glow" twangiger und bluesiger, doch der schneidende Klang der Slide-Guitar passt perfekt zu Zeilen wie "We're all at Walmart for the irony".

Auch viele Lieder des aktuellen Albums "Blood Oaths For The New Blues" offenbaren eine geradezu philosophische Tiefe, zum Beispiel, wenn James das Buch "Last Words Of The Executed" von Robert K. Elder als Inspiration benutzt und "Dungeon Of Irons" deshalb mit der Frage "Do the innocent die differently from the guilty?" beginnt, während die Band mit beeindruckender Authentizität die Schwermut der Todgeweihten einfängt. Einmal auf dem emotionalen Tiefpunkt angekommen, passen sogar Songs aus den eher von sperriger Lo-Fi-Atmosphäre geprägten früheren Wooden-Wand-Platten wie "The Pushers" oder "Servants To Blues" ins Bild. Das heimliche Highlight des Konzerts ist jedoch das noch unveröffentlichte "Father", ein mitreißender Blues-Rock-Orkan, der musikalisch fast ein wenig an die umgebremste Spielfreude des Rolling-Stones-Meisterwerks "Sticky Fingers" erinnert. Der Ausklang mit dem atmosphärischen "No Bed For Beatle Wand" ist danach vergleichsweise sanft - musikalisch zumindest, denn textlich ist der Song ebenso rabenschwarz wie die meisten anderen an diesem Abend auch.

Dass sich Toth in seinen Songs lieber auf die Suche nach den eigenen Dämonen anstatt nach Mädchen in Sommerkleidchen begibt, ist vermutlich der Grund dafür, dass Wooden Wand auch in Zukunft ein Underground-Phänomen bleiben werden. Wer allerdings die Oberflächlichkeit des Indie-Folk-Booms leid ist und auf der Suche nach mehr Substanz ist, kann in Wooden Wand vielleicht sogar seine neue Lieblingsband entdecken.

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Surfempfehlung:
www.woodenwand.org
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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