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Konzert-Bericht
 
(North) Country Boy

Tim Burgess
Hatcham Social/ Gliss

Köln, Luxor
19.05.2013

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Tim Burgess
Als Frontmann der beständigsten aller britischen Erfolgsbands der letzten Jahrzehnte hatte Tim Burgess bislang nicht viel Zeit für Soloprojekte. Doch weil The Charlatans nach der schweren Erkrankung von Drummer Jon Brookes derzeit gezwungenermaßen eine kleine Pause einlegen, hat der sympathische Sänger nun endlich die Chance, sich von einer musikalisch anderen Seite zu präsentieren. Auf dem in Nashville gemeinsam mit Lambchops Kurt Wagner eingespielten Album "Oh No I Love You" präsentiert sich Burgess nicht als britischer North Country Boy mit rauem Charme, sondern als introvertierter, leisetretender Country Boy mit typisch amerikanischen Einflüssen. Jetzt stellte er die Platte auch live in Deutschland vor.
Der Termin für Burgess ersten Solo-Abstecher in unsere Gefilde war allerdings etwas unglücklich gewählt. Ausgerechnet über Pfingsten, zum Start der Festival- und Grillsaison, machte er im Kölner Luxor Station - und folglich hielt sich der Publikumsandrang sehr in Grenzen. In der Band Gliss fand Burgess allerdings Leidensgenossen. Deren Auftritt in der Kölner Werkstatt war mangels Zuschauerbeteiligung gleich komplett gestrichen worden, und deshalb stand die dänisch-amerikanische Band an diesem Abend kurzfristig als erster Supportact auf der Luxor-Bühne. Zwar wollte der "late night fucked up art pop" (Selbstbeschreibung) von Victoria Cecilia (Gesang, Elektronik) und David Reiss (Percussion) - das Fehlen von Gitarrist Martin Klingman wurde nicht erklärt - nicht so recht zum restlichen Programm des Abends passen, trotzdem brachte der Synth-getriebene Sound des Duos ordentlich Bewegung ins Publikum. Das lag sicherlich auch am expressiven, wenngleich etwas hibbeligen Auftreten der blonden Sängerin, die gleich mehrfach von der Bühne in den Zuschauerraum sprang, um mit den Konzertgästen auf Tuchfühlung zu gehen. Musikalisch mögen Gliss vielleicht im Dunstkreis von Künstlern wie The xx oder Portishead unterwegs sein, performerisch erinnerte Victoria dagegen eher an die großartige Emily Haines von Metric.
Auch Hatcham Social stehen für einen gewissen Retro-Chic, allerdings auf ganz andere Weise. Die Band um Frontmann Toby Kidd und seinen Bruder Finnegan (Ex-Drummer der Klaxons) wäre sicherlich auch als Garagenrock-Band äußerst passabel, allerdings betratchtet das durch Bassist Riley Difford und Leadgitarrist David Claxton komplettierte Quartett die 60s durch die Brille des britischen Indiepop der 80er: Orange Juice, Josef K, Echo And The Bunnymen und The Smiths haben allesamt Spuren in den musikalisch dichten Songs von Hatcham Social hinterlassen, die die vier englischen Lads in Köln mit bisweilen scharfkantiger Präzision zelebrierten. Überhaupt scheint bei der Band alles perfekt ausblanciert zu sein: der Harmonie-singende Schlagzeuger und der Bassist (stilecht mit Elvis Costello-T-Shirt!) stehen für das Wilde, Expressive, der Gitarrist für das Schüchtern-Introvierte, während der Sänger eine Mischung aus Gelassenheit und typisch britischer Arroganz ausstraht. Eine zündende Mischung!

Tim Burgess dagegen begann sein Set so gedämpft wie nur irgend möglich. Begleitet zunächst nur von seinem The Charlatans-Mitstreiter Mark Collins an der Akustikgitarre, begann der 45-Jährige sein Set mit dem hinreißenden "A Case For Vinyl" und verströmte damit von Beginn an wohlige Wärme. Während der Opener am besten als Country-Soul beschrieben werden kann, war die zweite Nummer ein Folk-Song, ein altbekannter noch dazu: Zu zweit spielten Burgess und Collins den Charlatans-Klassiker "The Only One I Know" so sanft, emotional und leise wie irgend möglich und unterstrichen damit, dass gute Songs schlicht und ergreifend in allen erdenklichen Versionen packend sind. Weniger radikal mussten sie dagegen "Tell Everyone" umkrempeln, schließlich klingt der Song auch schon bei den Charlatans angenehm heimelig. Danach stießen dann drei Viertel von Hatcham Social zu den beiden Musikern, doch auch zu fünft blieb der Sound (vorerst) angenehm unaufgeregt und das Tempo oft geradezu bedächtig. "The Doors Of Then" gefiel in kompletter Bandbesetzung mit niedlich pluckerndem Tennesse-Two-Vibe und das zerbrechliche "Hours" begeisterte mit atmosphärischer Dichte. Die Texte zu den Songs von "Oh No I Love You" hatte sich der Brite derweil fein säuberlich in einer Mappe zusammengestellt, die als Gedächtnisstütze neben ihm auf einem Notenständer thronte - schließlich stammen die allesamt aus der Feder von Burgess' Partner-in-crime Kurt Wagner. Ein Blick ins Textbuch riskierte er auch beim wunderbaren Cover von "I Couldn't Say It To Your Face", bei dem sich Burgess und Co. dicht an die Vorgaben von Arthur Russel hielten und damit ähnlich wie das Original den Geist von Neil Youngs "Harvest" heraufbeschworen. Spätestens danach war es allerdings mit der countryesken Beschaulichkeit vorbei, denn kurz vor Schluss stand doch tatsächlich noch das Charlatans-Meisterwerk "Impossible" auf der Setlist! Eine ausgezeichnete Wahl, schließlich konnte Burgess mit dieser stürmischen Bob Dylan-Hommage der klanglichen Rundreise durch praktisch sämtliche Spielarten der amerikanischen Roots-Musik ein weiteres Puzzleteil hinzufügen. Auch "Oh My Corazon", einer von zwei Rückgriffen auf Burgess' zehn Jahre altes Solodebüt "I Believe" geriet ausgelassen und wild, und machte am Ende des Konzerts Lust auf mehr. Bei der einzigen Zugabe - clevererweise "The Ending" - ging es allerdings wieder zu dem betont unaufgeregten Sound zurück, mit dem Lambchop inzwischen seit mehr als zwei Jahrzehnten von Erfolg zu Erfolg eilen.

Spätestens da war auch vergessen, dass ausgerechnet bei den leisesten Songs des Abends zu Beginn des Sets ein defektes Mikrokabel den Hörgenuss deutlich getrübt hatte, aber gewissermaßen passte das zum Konzept des Abends: Dieses Mal ging es nicht um eine perfekte Rock-Show, wie wir sie seit inzwischen fast 25 Jahren von den Charlatans gewohnt sind, nein, hier ging es einem im positivsten Sinne musikverrückten Künstler ohne jegliche Starallüren darum, uns in kleinem Rahmen eine andere Seite von sich zu zeigen - ein Vorhaben, das Tim Burgess in Köln trotz der widrigen Begleitumstände mit Bravour in die Tat umgesetzt hat.

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Surfempfehlung:
timburgessmusic.com
hatchamsocialofficial.co.uk
officialgliss.wordpress.com
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Simon Mahler-

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Mehr über Tim Burgess:
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