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Die Energie ist alles!

Arkells

Köln, Stereo Wonderland
25.06.2013
Arkells
Verkehrte Welt bei den Arkells. Da hatte das kanadische Quintett auf seinem vor wenigen Monaten erschienenen feinen Zweitwerk "Michigan Left" die hemdsärmeligen Beat- und Americana-Einflüsse seines gelobten Erstlings "Jackson Square" gerade erst gegen einen glatteren Pop-Sound der großen Gesten eingetauscht, und was machten die Musiker bei ihrem Konzert im Kölner Stereo Wonderland? Sie spielten mit ungebremster Wucht und Spielfreude knapp eine Dreiviertelstunde herrlich raue Soul-Songs! Zugegeben, das Konzert in der kleinen Eckkneipe war etwas ganz Besonderes. Einen Tag nach ihrem regulären Auftritt zusammen mit British Sea Power gegenüber im Luxor hatten die Kanadier bei freiem Eintritt ins Stereo Wonderland geladen, um ihre sagenumwobene "Motown Soul Revue" aufzuführen und wow, war das ein mitreißendes Konzert!
Arkells
Die fünf Musiker sehen zwar fraglos wie waschechte Indierocker aus, aber kaum waren die ersten Takte des Jackson 5-Hits "I Want You Back" erklungen, wurde aus den Neil Young-Fans aus Hamilton, Ontario, eine glaubhafte 60s-Soul-Combo, die wie ihre Vorbilder von einst auf der Bühne gar nicht erst versuchte, die mit Orchesterbegleitung, Horn Section und Backingsängern entstandenen Studioversionen zu duplizieren, sondern mit einem herrlich rauen, zündenden Sound für musikalische Authentizität und ordentlich Bewegung im voll besetzten Stereo Wonderland sorgte. Wer kann schließlich schon still stehen, wenn der Temptations-Überhit "Get Ready" nahtlos in Stevie Wonders Großtat "Uptight" übergeht? Doch nicht nur die Songs waren klassischer 60s-Soul, auch das Bühnengebaren der Band war dementsprechend. Sänger Max Kerman richtete immer wieder mitten in den Songs das Wort ans Publikum, sprach vom Gemeinschaftsgefühl des Soul, forderte die Zuschauer unermüdlich zum Mitmachen auf und sprang gleich mehrfach von der Bühne. Bei einem Indierock-Konzert wäre das unter unmögliche Publikumsanimation gefallen, hier war es einfach Teil eines größeren Ganzen. Auch die Band griff alte Soul-Traditionen auf und spielte praktisch sämtliche neun Songs des Mainsets bruchlos, sprich, ohne erkennbare Pausen durch. Dafür war Max mit den Seinen fünf Minuten vor dem Konzert, die Setlist in der Hand, extra noch mal die Übergänge und Anfänge der Songs durchgegangen, denn großartig geprobt hatte die Band ihr sehr, sehr selten gespieltes Spezialprogramm nicht.
Arkells
Auch wenn das Motto des Abends Motown hieß, gab es auch Ausreißer: Die wunderbar wilde Version von Jackie Wilsons "Higher And Higher" ist lediglich ein Motown-Song im Geiste (er erschien auf dem Chicagoer Brunswick-Label), und die Version von "My Girl" (augenzwinkernd als Nationalhymne angekündigt) hatte nicht zuletzt durch die großartige Performance des Sängers fast mehr vom rauen Charme Otis Reddings als von den sanften Temptations. Nachdem die Arkells auch den Four Tops ihre Ehre erwiesen hatten, ging es am Ende noch mal zu Stevie Wonder: "Signed, Sealed, Delivered (I'm Yours)" sei der perfekte Song, um seine Angebetete zurückzubekommen, erklärte Max dem Publikum zu Beginn und fiel dann mitten im Song auch tatsächlich vor seinem Gitarristen auf die Knie, um den Text schauspielerisch in Szene zu setzen, während sich die Band Vollgas gab. Dass bei der Zugabe dann mangels weiterer vorbereiteter Soul-Nummern zwei Arkells-eigene Songs zum Zuge kamen, fiel gar nicht weiter auf. Die Stücke hatten nämlich den gleichen Punch, der bereits das Hauptprogramm zu einem echten Erlebnis gemacht hatte!


NACHGEFRAGT BEI: ARKELLS

Nach dem schweißtreibenden Konzert hatte Sänger Max Kerman auf dem Bürgersteig vor dem Stereo Wonderland noch spontan ein paar Minuten Zeit für ein paar schnelle Fragen von Gaesteliste.de.

GL.de: Euer erstes Album rutschte in die Schublade Rock, das zweite kokettierte mit Pop-Avancen. Wie passen da die Soul-Songs ins Bild?

Max: Das ist die Musik, mit der wir aufgewachsen sind. Unsere Eltern haben diese Songs gehört, als wir kleine Jungs waren. Vermutlich waren das die ersten Songs, die ich je bewusst gehört habe. Für mich persönlich existieren zwischen den Musikgenres mehr Übereinstimmungen als Unterschiede. Wenn ich Phoenix höre, erkenne ich darin auch eine Menge Fleetwood Mac, und wenn ich etwas Poppiges wie Hall & Oates höre, finde ich darin auch eine Menge Motown. Viel von der Musik, die ich mag, lässt sich zu Motown zurückverfolgen: Springsteen, Beatles oder auch Van Morrison. Es gibt eine Menge Musik, die Verbindungen zu Motown hat.

GL.de: Wie genau geht ihr ein Set wie das heutige an? Immerhin sind die Motown-Sachen im Original unglaublich komplex und man kann sie nicht mal eben kurz raushauen wie eine Drei-Akkorde-Garagen-Rock-Nummer...

Max: Oh ja, das stimmt. Wir kriegen's halt irgendwie hin, aber es geht uns mehr um den Geist der Musik, das Feeling als um perfektes Musikertum. Wir spielen die Stücke schon recht schlampig, aber letztlich geht es bei Motown vor allem um die Energie, und außerdem liegen uns die Songs einfach am Herzen. Das wiegt eine Menge technischer Mängel auf.

GL.de: Ihr habt in der Vergangenheit noch ein paar mehr Motown-Nummern gespielt. Gab es dabei welche, denen ihr nicht gerecht werden konntet?

Max: Es gibt einige Songs, die solch eine seltsame Struktur haben, dass man sie sich einfach schwer merken kann. "Reach Out, I'll Be There" zum Beispiel. Wir lieben das Stück und haben es ein paar Mal versucht zu spielen, aber wir haben es zumeist gegen die Wand gefahren, deshalb lassen wir jetzt lieber die Finger davon.

GL.de: Ist das schwierig für euch, an einem Abend euer reguläres Programm zu spielen wie gestern hier gegenüber im Luxor und nun heute Abend die Coverversionen?

Max: Nein, für uns macht das keinen großen Unterschied. In beiden Fällen stehen wir auf der Bühne und die Verstärker sind an. Da ist es egal, ob es unsere eigenen oder die Motown-Songs sind.

GL.de: "Michigan Left", euer aktuelles Album mit eigenen Songs, klingt ein wenig glatter als euer Debüt "Jackson Square". War das etwas, das einfach passiert ist, oder steckte ein Plan dahinter?

Max: Die Frage ist interessant, da wir uns inzwischen gedanklich mit der dritten Platte beschäftigen. Ich denke, "Michigan Left" war eine Reaktion auf das, was wir bei unserem Erstling gemacht hatten. Obwohl wir sehr glücklich mit "Jackson Square" waren, wollten wir einfach nicht die gleiche Platte zweimal machen. Außerdem fanden wir die Sachen, die uns als Musikfans bei der Entstehung unseres Debüts wichtig waren, bei den Aufnahmen zum Nachfolger nicht mehr so spannend. Wir waren einfach nicht mehr auf dem Neil Young-Trip, sondern mehr an den bereits erwähnten Fleetwood Mac, Hall & Oates oder eben Phoenix interessiert. Unsere dritte Platte wird vermutlich wiederum das widerspiegeln, was uns jetzt begeistert.

GL.de: Und das wäre?

Max: Oh, dieses Jahr gab es jede Menge gute Alben! Ich mochte die Portugal The Man-Platte sehr gerne, The National, Vampire Weekend, selbst Daft Punk, bei mir geht das querbeet.

GL.de: Das wird dann bestimmt eine spannende dritte Platte, wenn sich Daft Punk wirklich darauf niederschlagen!

Max: Ich kann so viel schon sagen: Beim letzten Album war es uns wichtig, eine sehr uniforme Platte zu machen, bei der alle Songs kurz und eingängig sind. Jetzt interessieren mich in erster Linie Sachen wie das Daft Punk-Album, auf dem die Musiker in alle möglichen Richtungen abschweifen und Risiken eingehen. Das finde das sehr spannend.

Surfempfehlung:
www.arkells.ca
Text: -Simon Mahler-
Fotos: -Simon Mahler-


 
 

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