Gaesteliste.de Internet-Musikmagazin



SUCHE:

 
 
Gaesteliste.de Facebook RSS-Feeds
 
Konzert-Archiv

Stichwort:





 
Konzert-Bericht
 
Erwarte das Unerwartete

Bob Dylan

Berlin, Tempodrom
24.10.2013/ 25.10.2013/ 26.10.2013
Bob Dylan
Seit nunmehr 25 Jahren ist Bob Dylan unablässig auf Tournee, ein Vierteljahrhundert lang hat er dabei vor allem seine Klassiker aus 50 Jahren in immer wieder stark veränderten Versionen zum Besten gegeben. Seine Stimme hat am meisten unter den Dauer-Strapazen gelitten. Schön war nie sie, seit Jahren aber schon bringt der inzwischen 72-jährige Amerikaner kaum noch mehr als ein bluesiges Gegrummel hervor, das es ihm praktisch unmöglich macht, viele alte Songs in annehmbaren Versionen zu präsentieren. Lange Zeit hat er sich davon nicht beirren lassen, doch dieses Jahr trägt endlich auch sein Live-Programm dieser Entwicklung Rechnung: Nicht nur, dass er auf seiner diesjährigen Deutschland-Tournee auf die legendären, allabendlichen Varianten der Setlist verzichtet, er beschränkt sich auch fast ausschließlich auf sein Schaffen der letzten 15 Jahre - und kann damit mehr begeistern als mit zuletzt zu oft kaputtgespielten Klassikern.
Um seine Schwächen zu kaschieren, hatte Dylan noch 2011 viele seiner Songs in fast kreischenden Blues-Rock-Versionen präsentiert, in deren Lautstärke praktisch alle Nuancen verloren gingen und seine ausgezeichnete fünfköpfige Backingband überhaupt nicht richtig zu Geltung kam. Das ist nun anders. Nicht nur, dass die Konzerte angenehm leise sind (die Rede ist von lediglich 95 dB), die variantenreichen 19 Songs, die jeden Abend auf der Setlist stehen, verlangen der Band echtes Teamwork ab, und das gelingt den Musikern ganz ausgezeichnet. Vor allem das Zusammenspiel von Leadgitarrist Charlie Sexton mit Dylan ist sagenhaft, denn der texanische Saitengott antizipiert offenbar geradezu telepathisch sämtliche Schrullen seines Brötchengebers. Dylan selbst konzentriert sich derweil auf seine Rolle am Klavier am linken Bühnenrand und kommt ein ums andere Mal in die Mitte, wo er sich aufs Singen und sein gelegentliches Mundharmonikaspiel beschränkt - die Gitarre rührt er an keinem Abend an. Auchs stimmlich ist er (vergleichsweise) gut dabei. Die gedämpfteren Arrangements, warm und druckvoll zugleich, machen das Anbellen gegen die Band inzwischen allerdings erfreulicherweise überflüssig.

"Things Have Changed", Dylans Oscar-prämierter letzter großer Song für die Ewigkeit, steht programmatisch am Anfang. Die Zeiten haben sich in der Tat geändert. Im erstmals wieder durch eine Pause unterbrochenen 90-minütigen Mainset finden sich gerade einmal ein Song aus den 60ern und zwei aus den 70ern wieder, wobei Dylan "Tangled Up In Blue" mit einem Hauch Früh-70s-Stones nicht nur musikalisch verfremdet, sondern sogar die Hälfte des Textes einem Update unterzogen hat und "She Belongs To Me", den einzigen Rückgriff auf das Frühwerk, in einer herrlich relaxten Version präsentiert, die rollt und groovt, dass fast Erinnerungen an die 1966er-Konzerte mit The Band wach werden. Die Abkehr vom Bewährten unterstreicht auch das obskure "Waitin' For You", ein eigentlich längst vergessener, zehn Jahre alter Soundtrackbeitrag, der als Schunkelwalzer zur Mitte der ersten Hälfte für leichte Zwischentöne sorgt, eine Aufgabe, die nach der Pause das jazzige "Spirit On The Water" übernimmt.

Im Fokus stehen nämlich klar die oft eher düsteren Songs aus Dylans ausgezeichnetem letztjährigen Album "Tempest". Hatte Dylan in der Vergangenheit des Öfteren die neuen Stücke eher zaghaft zwischen den alten Heulern verteilt, spielt er dieses Mal gleich sechs Stücke aus der aktuellen Platte bei jedem Auftritt - und deckt allein damit eine erfreulich große Bandbreite ab: Von deftigem Bluesrock Marke "Early Roman Kings" bis zu federleichtem Country-Swing eines "Soon After Midnight" ist alles dabei. Die Highlights des Abends bestechen derweil mit düster gefärbter Dramatik. "Love Sick" gibt's in einer bluesgetränkten Gänsehaut-Version, bei "Forgetful Heart" sorgt eine Geige für eine morbide Grundstimmung, und ganz am Schluss wirft sich die Band mit so viel Elan in das auf der Platte eher unauffällige "Long And Wasted Years", dass Dylan doch noch den Sturm heraufbeschwört, der seinem letzten Album den Namen gab.

Lediglich die zwei Songs der Zugabe geraten zu einem etwas halbherzigen Zugeständnis. Zwar scheint Dylan durchaus Spaß daran zu haben, allabendlich die Phrasierung von "All Along The Watchtower" zu ändern und am Schluss von "Blowin' In The Wind" noch ein letztes Mal mit der Mundharmonika in der Mitte der während des gesamten Konzertes nur spartanisch weißglühend ausgeleuchteten Bühne zu stehen, doch bei den neuen Songs war er mehr mit dem Herzen bei der Sache - so scheint es zumindest.

Doch genau diese Erkenntnis ist vermutlich das größte Kompliment, das man einem Musiker nach einer über 50-jährigen Karriere machen kann: Es waren seine neuen Songs und nicht die alten, die diese Konzerte zu den besten machten, die Dylan seit zehn Jahren gespielt hat.

Setlist:
Things Have Changed
She Belongs To Me
Beyond Here Lies Nothin'
What Good Am I
Pay In Blood
Waitin' For You
Duquesne Whistle
Tangled Up In Blue
Love Sick
--
High Water
Simple Twist Of Fate
Early Roman Kings
Forgetful Heart
Spirit On The Water
Scarlet Town
Soon After Midnight
Long And Wasted Years
--
All Along The Watchtower
Blowin' In The Wind

Surfempfehlung:
www.bobdylan.com
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Pressefreigabe-


 
 

Copyright © 1999 - 2017 Gaesteliste.de

 powered by
Expeedo Ecommerce Dienstleister

Expeedo Ecommerce Dienstleister