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Konzert-Bericht
 
Wenn einfach alles passt

Thalia Zedek Band
Greta Gertler & Adam D. Gold/ Paul Wallfisch

Dortmund, Institut - die Bar des Schauspielhauses
28.02.2014

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Thalia Zedek
Es gibt Konzertabende, die sind absolut perfekt in jeder Hinsicht, und die Februar-Ausgabe von Paul Wallfischs monatlichem "Small Beast"-Musiksalon in der Bar des Dortmunder Schauspielhauses fällt ganz sicher in diese Kategorie. Dazu trugen nicht nur die eingeladenen Künstler - die Bostoner Indierock-Legende Thalia Zedek mit ihrer famosen Band und das amerikanisch-australische Avantgarde-Pop-Duo Greta Gertler und Adam D. Gold alias The Universal Thump - bei, sondern auch der Auftrittsort selbst. Viel Holz, helle Theaterbeleuchtung und großformatige Kissen für die Zuschauer vor und auf den Sitzstufen sorgten im Institut trotz drangvoller Enge für heimelige Gemütlichkeit. Hier war man mittendrin, und nicht nur dabei: Die Letzten, die in den restlos ausverkauften Saal kamen, saßen am Ende keine 30 cm von den Musikern entfernt, die ihre Instrumente in Ermangelung einer Bühne kurzerhand vor der (abgedeckten) Bartheke aufgebaut hatten.
Den Anfang machte der Gastgeber Paul Wallfisch selbst. Im Plauderton berichtete der Botanica-Vordenker und derzeitige musikalische Leiter des Schauspielhauses dem Publikum von seinen Erlebnissen seit der letzten Small-Beast-Ausgabe, erzählte von den Filmen, die er in der Zwischenzeit gesehen hatte (bei "All Is Lost" musste er sich witzigerweise vom Publikum das Ende erzählen lassen, weil sein Flieger aus New York fünf Minuten vor Ende des Films gelandet war...), und empfahl die Bücher, die ihn in den letzten Wochen bewegt hatten, allen voran die wirklich ganz ausgezeichnete Leonard Cohen-Biografie "I'm Your Man". Obendrein spielte der Amerikaner mit der Bob Dylan-Gedächtnisfrisur auch passenderweise gleich noch die Songs auf dem Klavier, die ihm im Februar im Kopf herumgeschwirrt waren. Dabei erinnerte nicht nur sein herrlich akzentbeladenes Deutsch, sondern auch die Setlist an die selige "Alan Bangs Connection". Nachdem "Let The Mystery Be" aus Iris DeMents großartigem 1992er-Debütalbum "Infamous Angel" für den emotionalen Beginn gesorgt hatte, ging es weiter mit Cohens "Chelsea Hotel" und einer umwerfend rasanten Version von Dylans "Blind Willie McTell", bevor es bei Ray Davies' "Waterloo Sunset" wieder etwas gedämpfter zuging. Für die letzte Nummer bat Paul dann sogar Drummer Adam D. Gold für ein Experiment auf die nicht existente Bühne. Anlässlich des Todes von Schauspieler Philip Seymour Hoffman spielte er in Anlehnung an dessen Film "Almost Famous" "That's The Way" von Led Zeppelin - und das vollkommen ungeprobt. Den Text hatte er sich nach eigener Aussage gerade einmal 20 Minuten vor der Show ausgedruckt, und Adam erfuhr von der Songwahl erst, als er bereits hinter seinem Mini-Schlagzeug mit Kofferbassdrum und Besen Marke Eigenbau Platz genommen hatte!

Dort durfte er danach gleich sitzen bleiben, denn im fliegenden Wechsel gab Paul den Klavierhocker für die in den USA heimische gebürtige Australierin Greta Gertler frei, die daheim nicht zuletzt als Songwriterin einiger Hits für Bands wie The Whitlams bekannt ist und am letzten Tag ihrer kurzen Europatournee bestens gelaunt war und ähnlich wie Paul zwischen den Songs viel zu erzählen hatte: Etwa von Aufnahmen im altehrwürdigen Abbey Road Studio in London ("Ich kann das immer noch gar nicht fassen!"), von verrauchten Berliner Clubs, von der Tierwelt ihrer australischen Heimat, von ihrer Katze daheim ("Wir wollen sie berühmt machen!"), von ihrem vielköpfigen Orchester-Pop-Kollektiv The Universal Thump und von ihrem Vorhaben, ab sofort in jeden ihrer Songs ein deutsches Wort einzubauen, um so Wort für Wort die Sprache zu lernen, was aus "Treehouse" dann kurzerhand ein Stück namens "Baumhaus" werden ließ... Musikalisch klangen Greta und Adam derweil in der abgespeckten Duo-Variante des Öfteren wie eine gedämpfte Version der Dresden Dolls, die Songs im Stile von Randy Newman spielt. Doch so fein der Auftritt des Duos auch war: Letztlich war er nicht mehr als das Aufwärmprogramm für den großartigen Auftritt der Thalia Zedek Band.

"The first show in Dortmund last night was awesome. I couldn't think of a better way to kick off a tour!", schrieb Thalia tags darauf in ihr Tourtagebuch. Dass die Amerikanerin und ihre Mitstreiter seit rund 40 Stunden wach waren, als sie gegen Mitternacht in ihr Set einstiegen, war ihnen höchstens an ihrer Wortkargheit zwischen den Songs anzumerken. Musikalisch rissen die frühere Frontfrau von Come, Live Skull, Uzi und den Dangerous Birds, Pianist Mel Lederman, Viola-Spieler David Michael Curry, Bassist Winston Braman und Neu-Drummer Jonathan Ulman von Beginn an mit. Kunststück, schließlich warfen sich die fünf gleich zu Beginn in "Fell So Hard" aus dem aktuellen Minialbum "SIX", das alle Markenzeichen des Zedek'schen Schaffen aufwies. Thalias herrlich verwitterte Stimme schnitt messerscharf durch die atmosphärisch dichte Musik, während satte Pianoakkorde dafür sorgten, dass die bedrohlich anmutenden Viola-Klänge die Stimmung nicht vom Düsteren ins Depressive kippen ließen. Die Zuschauer waren sofort im einnehmenden, oft geradezu hypnotischen Klangkosmos der Band gefangen. Schon beim dritten Stück, "Dreamaline", wiegten sich nicht nur die Musiker mit geschlossenen Augen (und im Falle von Bassist Winston sogar barfuß) im Takt des Songs, auch viele Zuschauer taten es ihnen gleich. Doch während die schrofferen, Blues-getränkten Stücke wie dafür gemacht waren, vollkommen in der Musik verloren zu gehen, gab es auch immer wieder sanftere Kontrapunkte. Vor allem auf der letztjährigen Album-Großtat "Via" schien textlich ein für Thalia ansonsten eher ungewohnter Optimismus durch, und Songs wie "Walk Away" trugen dieser Tatsache auch mit einem versöhnlicheren Sound Rechnung. In Dortmund sorgten sie nun für einen nahezu makellosen Wechsel von Licht und Schatten, von emotionalen Ausbrüchen und reflektierteren Momenten.

Einzig Drummer Jonathan schaute einige Male fragend zu seinen Kollegen herüber. Der Bandneuling hatte vor allem die älteren Stücke im Set bislang kaum gespielt und sich deshalb bei vielen Songs vorsorglich auf der auf Papiertücher aus dem Handtuchspender geschriebenen Setlist ein paar Notizen gemacht, doch mit ein bisschen zusätzlichem Coaching von Bassist Winston, der ihm beispielsweise sichtbar amüsiert durch das sich am Ende langsam aufbäumende V-Cover "1926" half, kam auch er letztlich unbeschadet durch den Abend. Der endete mit dem sensationellen Doppelschlag aus "Stars" und dem eindrucksvollen Full-Band-Arrangement des von Thalia auf "SIX" noch solo interpretierten "Afloat", mit dem wir uns plötzlich auf der zweiten Seite des Rolling Stones-Klassikers "Sticky Fingers" wiederfanden: Stimmungsmäßig ging es hier gewissermaßen von "Sister Morphine" zu "Moonlight Mile" einem großartigen Finale entgegen. Wie perfekt an diesem Freitagabend alles zusammenpasste, zeigte sich dann bei der Zugabe: Nachdem Paul Wallfisch dreieinhalb Stunden zuvor Leonard Cohen in den Mittelpunkt seines kurzen Sets gerückt hatte, beendete die Thalia Zedek Band ihren Auftritt um kurz vor halb zwei mit einem weiteren, dem "Small Beast"-Veranstalter gewidmeten Stück des großen kanadischen Barden, und ganz ehrlich, das breite Grinsen im Gesicht des Gastgebers, als er "Dance Me To The End Of Love" erkannte, war einfach unbezahlbar. Aber das galt letztlich für den ganzen Abend.

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Surfempfehlung:
www.facebook.com/pages/Thalia-Zedek-Band/534135196606206
thrilljockey.com/thrill/Thalia-Zedek
en.wikipedia.org/wiki/Thalia_Zedek‎
www.gretagertler.net
theuniversalthumpmaster.bandcamp.com
www.botanicaisaband.com
www.theaterdo.de/biografie/person/paul-wallfisch/?no_cache=1
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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